Home
http://www.faz.net/-gyq-6vvpm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hochschulpolitisches Engagement Kaum Zeit für die Revolution

22.12.2011 ·  Unpolitisch, mutlos, gleichgültig - so beschreiben Hochschulforscher die Studenten von heute. Dabei sind viele mit ihrer Situation nicht zufrieden und äußern ihren Unmut.

Von Sarah Sommer
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (5)
© Peter v. Tresckow

Der große Bildungsstreik vor zwei Jahren, - das sei eine echte Überraschung gewesen, sagt Ole Guinand. Endlich sei etwas los gewesen an den Universitäten. Mehr als 200.000 Studenten und Schüler gingen auf die Straße, um gegen Studiengebühren und die Bologna-Reform zu protestieren; an mehr als 70 Universitäten besetzten sie Hörsäle. „Wir hätten nie erwartet, dass wir so viele sein würden“, sagt Guinand, der den Streik an der Freien Universität Berlin mitorganisiert hat. Dann sei der Protest allerdings wieder eingeschlafen, bemängelt der 24 Jahre alte Politikstudent.

Die Protestwelle im Sommer 2009 kam überraschend, weil Studenten seit Beginn des Jahrtausends in dem Ruf stehen, immer unpolitischer zu werden. Studien der Universität Konstanz zeigen: Das politische Interesse und das öffentliche Engagement der Studenten sind auf einem Tiefpunkt. Während sich 1983 noch mehr als die Hälfte der Studenten als stark politisch interessiert bezeichnete, war es im Jahr 2010 nur noch rund ein Drittel. Immer weniger Studenten engagieren sich den Studien zufolge in Parteien, in politischen Initiativen oder in der Hochschulpolitik. „Der unpolitische Student ist kein Klischee. Unsere Untersuchungen belegen das schwindende Interesse der Studenten an politischen Themen und die sinkende Bereitschaft zu Engagement und Protest eindeutig“, sagt Tino Bargel, Mitautor der aktuellen Hochschul-Studie der Konstanzer Universität.

Eine wichtige Frage nicht gestellt

Auffällig seien eine allgemeine Rat- und Mutlosigkeit und das Fehlen von klaren Positionen. In den Umfragen der Konstanzer Forscher dominieren die Antworten „In der Mitte“, „Weiß nicht“ und „Kann ich nicht sagen“. Bargel diagnostiziert eine große Scheu vor Meinungsbildung. „Die Zurückhaltung der Studenten mag von manchen Beobachtern positiv als ein Ausweis von Ideologiefreiheit angesehen werden, beinhaltet aber vor allem Gleichgültigkeit und Beliebigkeit.“ Verantwortung und Mitgestaltung gingen zunehmend verloren.

Dies ist ein hartes Urteil. Protest-Organisator Ole Guinand erkennt sich in dieser Beschreibung nicht wieder. Schon seit seinem ersten Semester an der Universität ist er in der Bildungsstreik-Bewegung aktiv. Er ordnet sich klar links ein. „Ich glaube nicht, dass ich mit meinem politischen Interesse eine Ausnahme bin“, sagt Guinand. „Viele Studenten sind unzufrieden mit dem jetzigen System und wollen etwas verändern, an den Hochschulen, aber auch in der Gesellschaft.“ In den Studien der Hochschulforscher werde eine wichtige Frage nicht gestellt: Habt ihr überhaupt noch Zeit und Gelegenheit, euch politisch zu engagieren? Denn spätestens im vierten oder fünften Semester des Bachelorstudiums komme kaum noch ein Student dazu, politisch aktiv zu sein; dann stünden Prüfungen an und die Bewerbung für ein Masterstudium oder die erste Stelle. Viele Studenten müssten zudem arbeiten, um sich das Studium zu finanzieren.

Regelmäßige Teach-ins

Das sieht Kristina Kämpfer ähnlich. Die Bundesvorsitzende des Verbands Liberaler Hochschulgruppen macht gerade in Hamburg einen Master in Wirtschaft, Philosophie und Politik. Veraltete Strukturen in der Hochschulpolitik erschwerten den Studenten das politische Engagement. „In ein Hochschulgremium muss man sich zum Beispiel für mindestens zwei Jahre wählen lassen. Im dreijährigen Bachelorstudium ist das sehr viel Zeit“, erklärt Kämpfer. Gegen Ende des Studiums könne man sich gar nicht mehr um ein Amt bewerben. „Und wer ohnehin nach dem Bachelor die Universität wechselt oder einen Job anfängt, identifiziert sich eben auch nicht so stark mit seiner Hochschule.“ Viele Studenten säßen Probleme daher einfach aus. „Im Master wird es dann noch schwieriger, Studium und Hochschulpolitik unter einen Hut zu bekommen“, sagt Kämpfer. Den Bachelor hat sie noch trotz ihres Engagements in der Liberalen Hochschulgruppe in der Regelstudienzeit geschafft. Jetzt als Bundesvorsitzende fehle oft die Zeit für Hausarbeiten und Lerngruppen. Manchmal wunderten sich Kommilitonen schon, warum sie so viel Energie in die Hochschulpolitik stecke. „Aber es kann ja nicht das Ziel sein, einfach nur das Studium möglichst zügig in der Regelstudienzeit durchzuziehen und alle Probleme zu ignorieren“, sagt Kämpfer.

Einfach nur den Kopf einziehen und Probleme aussitzen - diese Haltung kann auch Ole Guinand nicht nachvollziehen. Viele Studenten seien aber frustriert, weil die Massenproteste vor zwei Jahren kaum etwas bewirkt hätten, glaubt er. „Es wird immer schwieriger, Studenten für größere Proteste zu mobilisieren, obwohl sich die Situation an den Universitäten eher verschlechtert, gerade durch die doppelten Abiturjahrgänge.“ Als die Aktivisten der Occupy-Bewegung begannen, die Wall Street und später auch das Frankfurter Bankenviertel zu besetzen, hat Guinand diese neue Protestbewegung deshalb sehr genau beobachtet. Im Sommer gründete er gemeinsam mit anderen Aktivisten aus der Bildungsstreik-Bewegung die Protestgruppe „Occupy University“. „Die Occupy-Bewegung hat viele Sympathisanten unter den Studenten. Ihre Themen bewegen unsere Generation besonders: Wie kann man die Wirtschafts- und Finanzkrise in den Griff bekommen, wie kann man mehr soziale Gerechtigkeit erreichen?“, erklärt der Student. Mit Occupy University wollen die Aktivisten hochschulpolitische Themen in die Proteste einbringen. Der Ansatz funktioniere, sagt Guinand: Plötzlich werde an der Hochschule wieder viel über Politik debattiert. „Wir machen jetzt regelmäßige Teach-ins, bei denen auch Politiker oder bekannte Wissenschaftler zu uns in die Universität kommen, um mit uns zu diskutieren.“ Eine spontane politische Veranstaltung mit 300 oder 400 Teilnehmern sei keine Seltenheit mehr.

Eine pragmatische Generation

Der Druck, den die Krise erzeuge, könnte zu einer stärkeren Politisierung der Studenten führen, meint Hochschulforscher Bargel. „Das Interessante an unseren Befragungsergebnissen ist ja: Die Studenten sind heute keineswegs zufriedener als frühere Generationen.“ Das Gegenteil sei der Fall. „Ungewöhnlich viele Studenten äußern Angst vor der Zukunft. Sie fürchten etwa, trotz großer Anstrengungen keinen Arbeitsplatz zu finden.“ Die Angst vor Misserfolg sei so groß wie in keiner anderen Studentengeneration nach dem Zweiten Weltkrieg. „Diese Unzufriedenheit und Unsicherheit hat bisher bei vielen Studenten zu einem Rückzug ins Private geführt. Doch jetzt kommen Entrüstung und Wut über die wirtschaftliche und politische Entwicklung dazu, und neue Bewegungen wie Occupy bieten eine Plattform für diese Wut“, erklärt Bargel. Selbst wenn sich wie bisher nur 30 Prozent der Studenten einem politischen Protest anschlössen, seien das immerhin mehr als eine halbe Million.

Heiko Herberg wollte nicht abwarten, bis sich eine Partei seiner Probleme annähme: Seit dem zweiten Semester engagiert er sich in der Piratenpartei, seit der Wahl in Berlin sitzt der 24 Jahre alte Student im Abgeordnetenhaus. Als er sein Studium anfing, war politisches Engagement für ihn noch ein Hobby: Er wurde Mitglied bei den Globalisierungsgegnern Attac und nahm an den Bildungstreiks teil. Aber: „Immer nur auf Demos gehen, sich den Kopf in der Studentenkneipe heißreden und dagegen sein, das bringt es auf Dauer nicht“, sagt er. Statt einem kurzen Bachelor-Studium in Wirtschaftinformatik entschied er sich für ein Teilzeit-Jurastudium über 18 Semester, das sich mit der Parteiarbeit vereinbaren lässt. In das Bild, das Hochschulforscher von seiner Studentengeneration zeichnen, passt, dass er sich nicht auf eine politische Richtung festlegen will. „Es geht bei der Piratenpartei nicht um Ideologien, sondern um konkrete Konzepte“, erklärt er. Vielleicht kommen deshalb die Piraten bei vielen Studenten besser an als die etablierten Parteien - sie passen zu einer pragmatischen Generation.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel