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Veröffentlicht: 06.03.2016, 07:51 Uhr

Hochschulpolitik Entscheidungshilfe für wählende Studenten

Eine Internetseite informiert über die Hochschulpolitik der Parteien. Der studentische Verein, der sie betreibt, hat aber noch viel mehr vor.

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© www.studis-waehlen.de Was sollen Studenten bei den anstehenden Landtagswahlen wählen? Wer sich nicht sicher ist, was die Parteien mit Blick auf Bildung und Hochschulen wollen, kann auf dieser Internetseite nachschlagen.

Manche Internet-Recherche zu den Wahlprogrammen der Parteien hätte sich Laura Wamprecht vermutlich lieber erspart. „Ich habe mich richtig schlecht gefühlt, als ich www.npd-sachsen.de in den Rechner eingab“, erinnert sich die Biochemikerin. Auf den Seiten der Rechtsextremisten fand sich indes nicht viel, was zum Zitieren getaugt hätte: Wamprecht konnte bei der NPD, wenig überraschend, „kaum hochschulpolitische Positionen“ finden.

Sascha Zoske Folgen:

Auch wenn sich ihr Bedauern darüber in Grenzen gehalten haben dürfte: Wamprecht und ihre Mitstreiter von der „Jungen Initiative für Bildungs- und Wissenschaftspolitik“ legen großen Wert darauf, als parteipolitisch neutral wahrgenommen zu werden. Ihr in Frankfurt ansässiger Verein betreibt die Internetplattform „Studis wählen“, auf der die hochschulpolitischen Ziele verschiedener Parteien gegenübergestellt werden. Anlässe sind die hierfür relevanten Wahlen, aktuell also jene zu den Landtagen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt.

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Geordnet nach Themen wie Studienfinanzierung, Infrastruktur und demokratische Mitbestimmung, werden Zitate aus den Wahlprogrammen wiedergegeben - nur darauf, meint die Initiative, könnten sich die Bürger im Zweifelsfall berufen und nicht auf Stellungnahmen, die auf Anfrage zustande kämen. Berücksichtigt werden Parteien, die zurzeit im Landtag oder im Bundestag vertreten sind, die dies in der vergangenen Legislaturperiode waren oder die mindestens drei Sitze im Europaparlament haben. Pech für die AfD: Da sie nur noch zwei Abgeordnete in Straßburg hat, nachdem die übrigen zu Bernd Luckes neuer Partei Alfa gewechselt sind, taucht sie zum Beispiel in der Rheinland-Pfalz-Rubrik von „Studis wählen“ nicht auf.

10 bis 15 Stunden ehrenamtliche Arbeit

Die Zusammenstellung dort ist ein guter Service für alle hochschulpolitisch Interessierten, allerdings könnte die Präsentation ansprechender sein. Das sieht auch Vereins-Schriftführer Benedikt Bente so: „Unsere Methode ist noch sehr textlastig. In Zukunft wollen wir das optisch attraktiver darstellen.“ Allerdings sind die personellen und finanziellen Möglichkeiten der „Jungen Initiative“ begrenzt: An die zehn Mitglieder hat der 2014 gegründete Verein. Für Bente, Student der Politischen Theorie in Frankfurt und Darmstadt, ist nach eigenem Bekunden Qualität wichtiger als Quantität. Wer bei der Initiative ernsthaft mitmachen wolle, müsse bereit sein, 10 bis 15 Wochenstunden ehrenamtliche Arbeit zu leisten: „Wir brauchen keine Karteileichen und Pöstchen-Abgreifer.“

 
Wie eine Website Studenten bei ihrer Wahlentscheidung helfen will

So klein der Verein ist, so ambitioniert ist sein Anspruch: Nicht nur mit Wahlprogramm-Übersichten, sondern auch durch eigene Studien will er laut seiner Vorsitzenden Wamprecht „wissenschaftlich fundierte Informationen“ über Bildung, Hochschulen und Forschung bereitstellen. Gleichzeitig soll er eine Plattform für junge Leute sein, die sich mit Hochschulpolitik beschäftigen wollen. Wamprecht, Bente und andere Mitglieder der Initiative haben das schon vor ihrem jetzigen Projekt getan - als Kandidaten der FDP oder der Liberalen Hochschulgruppen. Dies solle die Vereinstätigkeit jedoch keinesfalls in eine bestimmte Richtung lenken, beteuern sie. „Unser Verein soll unabhängig und ideologiefrei sein“, hebt Bente hervor, und Wamprecht ergänzt: „Wir sind offen für jeden, der konstruktiv bei uns arbeiten will.“

Beide setzen auch auf Kontakte zu Studentenvertretern, wobei mancher linke Funktionär einer von Liberalen ausgehenden Initiative mit Vorbehalten begegnen dürfte. „Wir hatten anfangs Hemmungen, an die ASten heranzutreten“, gibt Wamprecht zu. „Aber schließlich haben wir sie angeschrieben, und inzwischen bekommen wir auch von dieser Seite Zuspruch. Zum Beispiel werden wir öfter mal auf Facebook geliked.“

Zusammenarbeit mit Politik-Professor

„Gefällt mir“, hat sich offenbar auch Kai Arzheimer gedacht, als er von der „Jungen Initiative“ erfuhr. Der Politologie-Professor der Uni Mainz unterstützt den Verein nach dessen Angaben bei einer Untersuchung zum Wahlverhalten von Studenten und Doktoranden in Rheinland-Pfalz. Gleich nach der Landtagswahl am 13. März soll über den Uni-Verteiler via E-Mail ein Fragebogen verschickt werden: Mit ihm wollen die Jung-Demoskopen herausfinden, welchen Einfluss hochschul- und wissenschaftspolitische Themen auf die Wahlentscheidung hatten. Die Auswertung möchte der Verein im Sommer veröffentlichen.

Weitere Projekte sollen folgen. Wamprecht hat ambitionierte Pläne und formuliert sie selbstbewusst: „In fünf Jahren werden wir eine jährliche wissenschaftliche Konferenz etabliert haben, auf der Nachwuchsforscher ihre Ergebnisse vortragen können, und wir werden mindestens zwei bis drei weitere Studien durchgeführt haben.“ Nicht zu vergessen die Pflege von „Studis wählen“. Vor den nächsten Wahlen wird wohl kein Weg daran vorbeiführen, dort auch die hochschulpolitischen Ideen der AfD aufzulisten.

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