26.06.2009 · Im Hochschulfernsehen sammeln Studenten Erfahrung vor und hinter der Kamera. Ein Medienexperte will nun die 20 deutschen Campus-TV-Stationen zu einer gemeinsamen Plattform vereinen.
Von Florian VollmersDas Interview mit der Bibliotheksdirektorin war schon in vollem Gang, als Charmaine Voigts Blick auf das Mikrofon der Videokamera fiel. „Ein typischer Anfängerfehler. Wir hatten vergessen, den Ton einzuschalten“, berichtet die 22 Jahre alte Germanistikstudentin. Heute kann sie darüber lachen, damals war das anders. „Das war vielleicht peinlich. Wir mussten das ganze Interview noch einmal von vorne drehen.“ Solche Patzer passierten ihr nicht mehr, versichert Voigt, die seit zwei Jahren zum festen Team des studentischen TV-Magazins „Unicut“ an der Universität Erfurt gehört. „Ich habe eine Menge gelernt und mache inzwischen alles selbst - vom ersten Konzept bis zum endgültigen Schnitt“, sagt sie. „Wenn am Ende der Drei-Minuten-Beitrag steht, bin ich richtig stolz.“
Hochschulfernsehprojekte wie „Unicut“ gibt es rund 20 in Deutschland. Durchschnittlich bieten sie eine halbe Stunde Programm im Monat an, das zumeist übers Internet verbreitet und vereinzelt von lokalen Rundfunkanbietern übernommen wird. Die Bandbreite der Finanzierung reicht von Hochschul- oder Institutsgeldern bis hin zu Mitteln der jeweiligen Landesmedienanstalt. Ebenso vielfältig ist die Organisation: Sie beruht entweder auf studentischer Initiative, ist in ein medienwissenschaftliches Institut eingebunden oder Teil der Öffentlichkeitsarbeit an der jeweiligen Hochschule.
Nah dran am studentischen Alltag
In Erfurt zum Beispiel war „Unicut“ vor fünf Jahren die Idee von Christiane Bähr. „Ich hatte studentische TV-Programme an anderen Hochschulen gesehen und fand, dass man das auch in Erfurt aufbauen könnte“, erzählt sie. Damals war sie Studentin, heute leitet sie „Unicut“ als Lehrbeauftragte. Einmal im Monat gibt es eine halbstündige Sendung mit sechs bis acht Beiträgen. Großen Wert legt Bähr darauf, dass das Programm von den Studenten geprägt wird. „Ob neuer Uni-Präsident, Semesterticket oder Mensaessen - die Themen setzen die Studis, die auch alle Beiträge in Eigenverantwortung produzieren“, sagt sie. „Ich erkläre ihnen nur die Technik und berate sie, worauf es in einem Beitrag ankommt oder wie ein gutes Bild aussieht.“
Nah dran am studentischen Alltag sind deshalb die meisten Beiträge in deutschen Hochschulfernsehprogrammen: „Unicut“ etwa begleitet regelmäßig Gaststudenten aus dem Ausland über den Campus, zeigt die Einrichtung ihres Wohnheimzimmers und berichtet von ihren Seminarbesuchen. Wiederkehrendes Motiv nahezu aller Campus-Programme ist eine Art „Uni-Check“ für Aspekte des Campuslebens: Daumen rauf für den Lesesaal der Bibliothek, Daumen runter für das Mensaessen.
26 Studenten stehen derzeit in Erfurt vor und hinter den Kameras des Hochschulfernsehens. Rund ein Drittel der Bewerber müsse sie je Semester ablehnen, schätzt Christiane Bähr. „Die meisten wollen einfach nur wissen, wie Fernsehen gemacht wird“, sagt die „Unicut“-Leiterin. Nur ein Drittel der Studenten will ihrer Einschätzung nach später auch beim Fernsehen arbeiten und das Campus-TV nutzen, um erste Praxiserfahrung zu sammeln. „Ganz klar: Wer Erfahrungen beim Hochschulfernsehen vorweisen kann und eine Bewerbung sogar mit einem eigenproduzierten Beitrag schmücken kann, hat bessere Chancen auf einen Praktikumsplatz bei einem professionellen Sender“, sagt Bähr, die selbst jahrelang für das Fernsehen gearbeitet hat.
Die Idee stammt aus Amerika
So wie Jan Stillhammer: Der Unternehmer hat im April eine Sendelizenz für seine erste eigene TV-Station „Pier 111.TV“ erhalten. Derzeit befindet sich das Programm noch im Stuttgarter Testbetrieb. „Ohne meine Zeit beim Hochschulfernsehen wäre ich sicher nicht so weit gekommen“, sagt Stillhammer, der schon als Kind den Wunsch entwickelte, einmal beim Fernsehen zu landen. Stillhammers Vater hatte als Kameramann beim SWR gearbeitet und nahm seinen Sohn öfter mit in die Fernsehstudios. Später studierte der heute Dreiunddreißigjährige an der Hochschule der Medien in Stuttgart Informationswirtschaft und war auch Mitgründer des hochschuleigenen Fernsehprogramms, das er bis zum Ende seines Studiums als Tutor begleitete. Über „Pier 111.TV“ will Jan Stillhammer nun Kurzfilme, Dokumentationen und Animationsfilme ausstrahlen, die an baden-württembergischen Hochschulen produziert worden sind. Parallel dazu soll man die Filme über das Internet kaufen können. „Der Sender ist als Plattform für Innovationsprojekte gedacht“, sagt Stillhammer selbst. „Der Gewinn geht vollständig an die Filmemacher zurück.“
Das Hochschulfernsehen des Landes Baden-Württemberg gilt als das ambitionierteste in Deutschland. Im April 2007 wurden die Fernsehaktivitäten von neun Hochschulen aus dem Südwesten im digitalen Kanal „HD Campus TV“ zusammengeführt. Mehr als 200 000 Euro steckte das Land in die technische Ausrüstung mit dem digitalen Fernsehstandrad „High Definition Television“. Dank der Beteiligung der Landesmedienanstalt und der Filmförderung des Landes ist die Anbindung an die Branche eng. Ein Ziel dabei ist es auch, den eigenen Nachwuchs aufzupäppeln. „Ganz wichtig ist uns, dass die Studierenden Erfahrungen mit Produktionsbedingungen sammeln, wie sie sie später auch auf dem Arbeitsmarkt antreffen“, begründet etwa Gabriele Röthemeyer, die Geschäftsführerin der MFG Filmförderung Baden-Württemberg, ihr Engagement. Die Studenten von „HD Campus TV“ kämen nur zum Teil aus Medien-Studiengängen, aber alle hegten sie dasselbe Ziel: Sie wollten zusätzliche, praktische Qualifikation im Umgang mit den Medien erwerben.
Nicht aus dem Ländle, sondern aus Amerika stammt jedoch die Idee zum Campus-Fernsehen. Dort ist es heute an fast jeder Universität anzutreffen. „In Europa haben solche Projekte noch lange nicht die gleiche Verbreitungsdichte“, sagt Professor Rüdiger Steinmetz, der Medienwissenschaft und Medienkultur an der Universität Leipzig lehrt. „Es gibt also erheblichen Nachholbedarf.“ Europäische Studentensender starteten erstmals im Jahr 1994 in Schweden und Großbritannien. Vier Jahre später schwappte die Uni-Fernseh-Welle dann nach Deutschland, wo an den Universitäten in Heidelberg und Mannheim die ersten Projekte gegründet wurden. Inzwischen haben - das jedenfalls ergab eine Bestandsaufnahme des Leipziger Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft - alle deutschen Hochschulfernseh-Programme journalistische Qualität und könnten auch von professionellen Sendern ausgestrahlt werden.
Die Vision von der Marke „Deutsches Hochschulfernsehen“
Rüdiger Steinmetz sieht deshalb den Zeitpunkt gekommen, die verschiedenen deutschen Uni-Programme zusammenzuführen. Im März hat der Experte für Campus-Fernsehen die „Leipziger Erklärung zum Hochschulfernsehen“ initiiert, in der sich 18 Vertreter von Uni-TV-Programmen dazu verpflichten, die Grundlage für eine gemeinsame Sendebasis zu schaffen. „Ich rechne damit, dass wir noch in diesem Jahr mit einer Web-Plattform online gehen können“, sagt Steinmetz.
Er spricht sogar von einer Marke „Deutsches Hochschulfernsehen“, die er auf dem digitalen Rundfunkmarkt etablieren möchte. „Es müssen einheitliche journalistische Standards entwickelt werden, um den Ansprüchen der Zuschauer zu genügen“, formuliert Steinmetz die Voraussetzungen dafür. Damit greift er - unbewusst oder bewusst - zurück auf das goldene Zeitalter des deutschen Bildungsfernsehens Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre. Übriggeblieben ist davon nur der Sender BR-alpha, auf dem der Bayerische Rundfunk Sprachkurse, Weiterbildungs- und Wissenschaftssendungen ausstrahlt. Hochschulfernsehen sei nicht per se Bildungsfernsehen, aber es könne ein Gegengewicht bilden zum Ozean der nichtbildenden Programme, sagt Steinmetz. „An jedem Tag in jedem Semester“, argumentiert er, „findet an mindestens einer Hochschule eine Vorlesung statt, die so interessant ist, dass ein weit über die jeweilige Hochschule hinausgehendes Publikum einschalten würde.“
Der Weg zum Hochschulfersehen
- HD-Kanal: Programme von neun Hochschulen in Baden-Württemberg: www.hit-karlsruhe.de
- Stufe: Studentenfernsehen an der Hochschule der Medien in Stuttgart: http://mw3.hdm-stuttgart.de
- Floid: Wissensmagazin der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig: www.floidtv.de
- Uni-TV: Podcast von medienwissenschaftlichen Studenten der Universität Halle-Wittenberg: www.uni-tv-halle.de
- Studio Bauhaus: In Weimar verbindet das Hochschul-TV Medienkunst und Journalismus: www.studio-bauhaus.tv
- Unicut: Hochschulfernsehen der Universität Erfurt: www2.uni-erfurt.de/unicut