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Hochschulen Privat, aber nicht privilegiert

02.10.2010 ·  Die Zahl der Privathochschulen in Deutschland nimmt stetig zu. Elitär sind nur die wenigsten von ihnen. Statt dessen spezialisieren sie sich zum Beispiel auf die Aufwertung klassischer Ausbildungsberufe oder auf migrantische Zielgruppen.

Von Sebastian Balzter
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Keine Wochen ohne neue Hochschule: In Hamburg hat am Montag die „Kühne Logistics University“ ihren Studienbetrieb aufgenommen, nächsten Mittwoch präsentiert sich in Mannheim die neue Hochschule der Wirtschaft für Management der Öffentlichkeit. Stehen in Nordbaden ein Forschungsinstitut und eine Gruppe von mittelständischen Unternehmen hinter dem Vorhaben, ist in der Hansestadt Klaus-Michael Kühne, der Mehrheitseigner des Logistikkonzerns Kühne + Nagel, als Stifter die treibende Kraft.

Pioniere sind weder die einen noch der andere: Rund 90 private Hochschulen, solche in kirchlicher Trägerschaft nicht mitgezählt, gibt es schon in Deutschland, von der Nordakademie in Elmshorn bis zur Internationalen Fachhochschule in Bad Reichenhall. Nicht einmal die Hälfte dieser Hochschulen ist älter als zehn Jahre. Eine Wachstumsbranche ist die private Hochschullandschaft dieser Dynamik zum Trotz jedoch nur mit Einschränkungen; ein elitärer Club nach dem Vorbild des noblen amerikanischen Trios Harvard, Yale und Stanford überhaupt nicht.

Studiengebühren nicht die wichtigste Einnahmequelle

„Die meisten deutschen Privathochschulen tummeln sich vielmehr am unteren Rand der Akademisierung“, fasst Volker Meyer-Guckel aus der Geschäftsleitung des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft den Befund einer Studie zusammen, die der Verband gemeinsam mit der Unternehmensberatung McKinsey vorgestellt hat. Die Zöglinge reicher Eltern, oft klischeehaft als klassische Zielgruppe von Privathochschulen beschrieben, sind in der Realität demnach gerade nicht deren typische Kunden. Und die Studiengebühren sind nicht ihre wichtigste Einnahmequelle. „Gerade einmal 20 Prozent können ihre laufenden Kosten aus Studiengebühren decken“, sagt Nelson Killius von McKinsey. „Nur die Minderzahl ist profitorientiert.“ Stattdessen dominieren das Bild Modelle wie das der Jacobs University in Bremen, deren Defizit die Stiftung der gleichnamigen Kaffeedynastie ausgleicht.

Wie kläglich hingegen Privathochschulen scheitern können, die mit großen Versprechungen und Gewinnabsicht angetreten sind, ließ sich im vergangenen Jahr in Rostock studieren: Dort schloss nach nur einem Semester die Hanseuniversität ihre Tore, an der zuletzt ganze drei Studenten und sechs Professoren gelernt, gelehrt und geforscht hatten.

„Aufwerter“ verzeichnen ein besonders großes Plus

Zwischen 1200 und 12.000 Euro betragen der Studie des Stifterverbands zufolge die an den deutschen Privathochschulen erhobenen Studiengebühren je Semester. Eine Zunahme der Studentenzahlen lässt sich für die vergangenen Jahren vor allem am unteren Rand dieses Bands feststellen. 95.000 Studenten zählen die Privathochschulen insgesamt, knapp 5 Prozent aller Immatrikulierten in Deutschland.

Ein besonders kräftiges Plus von 18 Prozent verzeichnet im Vergleich zu 1990 ein in der Studie als „Aufwerter“ charakterisierte Hochschultypus. Gemeint sind damit Einrichtungen wie die SRH-Fachhochschule für Gesundheit in Gera, die in ihren Bachelorstudiengängen klassische Ausbildungsberufe akademisch aufwertet. Die Absolventen sind dann beispielsweise Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Logopäden mit Hochschulzeugnis. Eine zweite Gruppe von Privathochschulen, deren Studentenzahl mit einem Plus von 15 Prozent überdurchschnittlich zugenommen hat, kennzeichnen die Autoren als „Berufsorientierte“: Sie versprechen eine ausgeprägte Praxisbezug in der Lehre; die Studenten erhoffen sich davon bessere Aussichten auf eine Stelle.

Gut zwei Drittel aller deutschen Privathochschulen gehören laut Stifterverband zu einer dieser beiden Gruppen. Renommierte Nischenanbieter wie die European Business School für angehende Manager und die Bucerius Law School für künftige Juristen sind dagegen vergleichsweise selten. Ein staatlichen Universitäten vergleichbares akademisches Vollprogramm schreibt die Studie gar nur den drei Privathochschulen in Bremen, Friedrichshafen und Witten-Herdecke zu.

Migranten als Zielgruppe

Die Mannheimer Neugründung, die vom kommenden Frühjahr an je Monat 200 Euro Gebühren erheben wird, tritt ausdrücklich in einer anderen Gewichtsklasse an. „Wir wollen die Studienanfängerquote von jungen Leuten aus Familien mit Migrationshintergrund heben“, sagt Franz Egle, als geschäftsführender Vorstand des Heinrich-Vetter-Forschungsinstituts für Arbeit und Bildung einer ihrer Initiatoren. Ein türkischer Dozent und ein türkisches Partnerunternehmen seien zu diesem Zweck schon gefunden; gezielt sollen außerdem Fächer angeboten werden, an deren Absolventen Arbeitgeber aus der Region Bedarf signalisiert haben.

40 Prozent eines jeden Jahrgangs in Deutschland, so lautet die Vorgabe aus dem Bildungsministerium, sollen ein Hochschulstudium abschließen. Wie sehr den staatlichen Universitäten diese Vorgabe zu schaffen macht, war in dieser Woche zu hören. „Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger Studenten in den Geisteswissenschaften“, forderte der Freiburger Professor Ulrich Herbert auf dem Verbandstreffen der deutschen Historiker an der Berliner Humboldt-Universität. Die wissenschaftliche Qualität der Ausbildung und das akademische Niveau nähmen schon jetzt Schaden.

Könnten womöglich gebührenfinanzierte Privathochschulen die von der Politik gewünschte Akademisierung großer Teile der Bevölkerung übernehmen? So überraschend diese Version einer Zwei-Klassen-Bildung auch klingt und so fern sie noch sein mag, Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband hält die Idee nicht für abwegig. Allerdings müsse der Staat den privaten Anbietern dann auch regelmäßig Zugang zu öffentlichen Fördermitteln gewähren. „Bislang wissen die Politiker aber offensichtlich nicht, wie sie mit der Vielfalt der privaten Hochschulen umgehen sollen.“

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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