24.11.2011 · Die Hörsäle an den Hochschulen sind dank G8-Abitur und dem Ende der Wehrpflicht gefüllt wie nie. Ein Besuch in Hannover und in München zeigt, wie die Universitäten mit dem Ansturm umgehen.
Von Lisa Becker und Ursula KalsStark steigende Studienanfängerzahlen sollten in diesem Jahr die Hochschulen erschüttern und die Lernbedingungen dramatisch verschlechtern - vor allem in Bayern und in Niedersachsen, wo gleich zwei Abiturjahrgänge die Gymnasien verlassen haben. Doch brechen die Universitäten unter der Last der vielen neuen Studenten wirklich zusammen? „Ich habe große Schwierigkeiten erwartet. Bisher hat es aber wirklich gut funktioniert“, sagt Philipp Sibbertsen, Studiendekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Leibniz Universität in Hannover. Falls es an den Hochschulen bebt: Sibbertsen müsste es wissen. An seiner ohnehin gut gefüllten Fakultät ist die Zahl der Erstsemester um fast 90 Prozent gestiegen. An der gesamten Uni haben sich zum Wintersemester 43Prozent mehr Erstsemester eingeschrieben - das ist der höchste Zuwachs an einer niedersächsischen Hochschule.
Zu Beginn des Semesters hätten in manchen Vorlesungen Studenten auf den Treppen gesessen. Das sei aber vorbei. Jede Erstsemestervorlesung werde zweimal in der Woche angeboten, erklärt der Studiendekan. „So hat im Durchschnitt jeder Student in jeder Veranstaltung einen Sitzplatz.“ Zu Beginn habe es deshalb kein Kapazitäts-, sondern nur ein Verteilungsproblem gegeben: Die eine Veranstaltung sei überfüllt gewesen, während in der anderen Plätze frei geblieben seien. „Die Studenten mussten sich erst ordnen.“
Dieser Herausforderung müssen sich auch die Studenten in München stellen. Während zum Winter 2010 noch 7935 Erstsemester begannen, haben sich in diesem Jahr 9530 neue Studenten an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) immatrikuliert. Die Wirtschaftswissenschaften sind auch hier begehrt. „Als Student muss man lernen, sich gut zu organisieren. Angeblich macht die Selbstorganisation doch 50 Prozent des Studiums aus“, sagt Manuel Essers. Das klingt fast ein bisschen abgeklärt, aber realistisch. Dass die Veranstaltungen voll und mitunter übervoll sind, das sei ja zu erwarten gewesen, erklärt der Student der Betriebswirtschaft. Ein Streber-Gen hat der 21-Jährige offenkundig nicht, aber eine klare Vorstellung davon, dass derjenige einen Sitzplatz ergattert, „der eine Viertelstunde vor Vorlesungsbeginn kommt, und dass ohne Disziplin nichts läuft“. Seine Kommilitonin Anastasia Ilin, zuvor Hotelfachfrau im Hamburger „Atlantic“ - „das macht einen stressresistent“ -, hat in der ersten Woche mehrmals auf der Hörsaaltreppe gesessen, aber das haben frühere Semester auch, hat sie sich bestätigen lassen. Sie setzt ebenso auf Zeitmanagement und hat erkannt, dass Veranstaltungen am Montag und Freitag weit weniger frequentiert sind als Grundlagenvorlesungen in der Wochenmitte. Denn rund ums Wochenende scheint es Münchener Studenten nicht nur Richtung Berge und Seen zu ziehen, „viele arbeiten dann auch“, erklärt Essers.
Anastasia Ilin sitzt montags zwischen 18 und 20 Uhr im Mathe-Mikro-Tutorium und ist zufrieden. „Die Übungen, die früh morgens oder am Abend sind, die sind nicht überfüllt, da kann man gut lernen.“ Fernsehbilder, aufgenommen am ersten Tag des Semesters in einer wie zu erwartenden proppenvollen Vorlesung, haben bei den beiden Studenten kein Katastrophengefühl ausgelöst. Im Gegenteil. „An dem Tag ist es immer extrem voll, das sieht zwei Wochen später ganz anders aus.“ Über einige der 17 Jahre alten Erstsemester, frische G8-Abiturienten, wundern sie sich übrigens: „Die sind ruhig und ziemlich ehrgeizig.“
Auch in Hannover haben sich die Studenten auf die Situation eingestellt. „Am Anfang musste nicht nur wer zu spät kam, auf dem Gang sitzen“, erzählt David Kobs, der im ersten Semester Wirtschaftswissenschaften studiert. Inzwischen bekomme man fast immer einen Platz, ist er sich mit seinem Kommilitonen Tino Stegen einig. „Manche haben schon die Segel gestrichen und kommen nicht mehr“, sagt Stegen. Er vermutet, dass einige lieber von zu Hause aus lernen - was gut möglich ist, weil jede Vorlesung im Internet übertragen wird.
Stegen hat schon eine Berufsausbildung hinter sich und gehört mit 28 Jahren zu den älteren Erstsemestern. Zu Beginn war er enttäuscht: „Ich wollte etwas für meine Studiengebühren bekommen und nicht auf der Treppe sitzen.“ Nun, da sich die Lage entspannt hat, sei es „super“ hier und er genieße die akademische Freiheit.
Um die vielen Erstsemester unterrichten zu können, haben die Hannoveraner Wirtschaftswissenschaftler vor allem eines getan: die Vorlesungszeit nach vorne ausgedehnt. Die erste Veranstaltung beginnt nun morgens um 7:30 Uhr statt wie bisher um 8:15 Uhr. Außerdem wurden zwei neue Hörsäle gebaut, und einige Veranstaltungen finden etwas weiter entfernt im Audimax statt. Für die Tutorien den gewünschten Termin zu bekommen sei freilich schwer, berichten Studenten. Schwerer als früher, bestätigt Studiendekan Sibbertsen. Doch gebe es genügend Plätze. Verändert hat sich aber die Gruppengröße: Statt 20 bis 25 sitzen nun 30 bis 35 Studenten in einer Übung.
„Wir haben mit rund 45 Prozent mehr Erstsemestern geplant“, sagt der Präsident der Universität, Erich Barke. Nach den bisherigen Berechnungen sieht es so aus, als treffe die Schätzung ein. Das konnte die Hochschule aber nur zum Teil durch ihre Zulassungspolitik steuern. „In den zulassungsfreien Fächern müssen wir nehmen, wer kommt“, erklärt Barke. Mit den Mitteln aus dem Hochschulpakt von Bund und Ländern und durch die Erhöhung des Lehrdeputats der Professoren von acht auf neun Stunden („Da musste nur die Verordnung geändert werden; das kostete nichts“) habe man genügend neue Studienplätze finanzieren können. Die dauerhafte Finanzausstattung sei jedoch ganz und gar unzureichend, kritisiert er. „Die Betreuungsrelationen an deutschen Hochschulen sind viel zu schlecht.“
Dass es an der Münchener LMU grundsätzlich eng ist, ist kein neues Thema, betont Friedrich Siemers, Geschäftsführer der Studierendenvertretung: Bautechnisch sei die Uni auf 25.000 Studierende ausgerichtet, aktuell gebe es aber doppelt so viele. Er gibt sich deutlich kritischer, bei ihm melden sich Studenten, wenn etwas schiefläuft. „Bei den Veranstaltungsorten wird viel improvisiert, das klappt nicht immer gut. Teils ist die Uni vorbereitet, teils ist es eine Katastrophe, es gibt noch zu viele überfüllte Vorlesungen. Aber das Hauptproblem sind die Seminare, zum Beispiel in den Lehramtsfächern. Das größte Problem kommt da noch“, erklärt der Student der Musikwissenschaften, der Philosophie und Computerlinguistik. Ein Thema beschäftigt Siemers besonders: Verzögerungen bei der Auszahlung des Bafög. Zwar seien zusätzlich Sachbearbeiter eingestellt worden, die Erstsemester würden zügig bedient, das Nachsehen hätten aber höhere Semester.
„Beim BWL-Bachelor sind wir mit 40 Prozent mehr Studierenden gestartet. Wir versuchen, mit zusätzlicher Infrastruktur zu reagieren, stellen Vorlesungen ins Internet, doppeln sie. Natürlich stoßen wir an Grenzen. Da knirschte es zum Beispiel bei der Online-Zulassung zu den 40 Tutorien unserer Erstsemester-Grundlagenvorlesung, Randzeiten werden deutlich gemieden“, sagt Andreas Richter. Der Lehrstuhlinhaber und Vorstand des Instituts für Risikomanagement und Versicherung unterrichtet zwar derzeit keine Erstsemester, hört sich als Dekan aber um. Er hat Verständnis für eine gewisse Verunsicherung bei Studierenden mit G8- und G9-Abschluss: „Möglicherweise kommen sich die Jungen ein bisschen wie Versuchskaninchen vor, und die Älteren denken vielleicht, sie haben einen Wettbewerbsnachteil“, mutmaßt der Professor. „Aber unterm Strich haben wir das Gefühl, wir kommen gut miteinander aus. Ich habe den Eindruck, dass es sich kanalisiert und die Stimmung ganz gut ist. Vielleicht auch, weil vorher ein Katastrophenszenario beschworen wurde.“
Unerfreulicher scheint es in beiden Städten bei der Alltagslogistik auszusehen. In Hannover hört man viele Klagen über den vollen Wohnungsmarkt und die langen Wartezeiten in der Mensa, die sich Juristen, Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen teilen. Das Studentenwerk, das die Mensa betreibt, hat die Zeiten, zu denen ein warmes Mittagessen angeboten wird, ausgedehnt. Auch wurden Vorlesungszeiten so geändert, dass nicht alle gleichzeitig in die Mensa drängen. „Die Lage ist aber immer noch dramatisch“, findet der Leiter des Studentenwerks, Eberhard Hoffmann.
Schlangen bei der Essensausgabe gehören in den Münchener Mensen zum Hochschulalltag. Anastasia Ilin berichtet, dass in einer Seitenstraße gegenüber dem Hauptgebäude ein neuer Bäcker aufgemacht hat, der alles andere als betrübt über den Akademikerzuwachs ist. Ein Thema, bei dem der Wir-packen-das-locker-Optimismus der BWL-Studenten schwindet, ist die Wohnungssuche. Die hat sich im hochpreisigen München „extrem verschärft“, klagt Friedrich Siemers. Da verdüstert sich auch das so optimistische Lächeln von Anastasia Ilin. Sie hat von Hamburg aus mit Ach und Krach eine unkomfortable Übergangslösung gefunden, sitzt auf Kisten zur Zwischenmiete. Essers hat nach acht Besichtigungsterminen „mit 20 Leuten im Hausflur und 20 in der Wohnung“ durch hartnäckige Internetrecherche eine kleine Wohnung für zwei gefunden, „am Ende waren wir nicht mehr wählerisch“. Nüchtern fügt der Nachwuchs-BWLer an: „Knappes Angebot, hohe Nachfrage, das treibt eben die Preise.“
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes studieren in diesem Wintersemester 2,4 Millionen Menschen an deutschen Hochschulen, so viele wie noch nie.
Das sind 167.000 Studierende mehr als im Vorjahr; die Zuwachsrate beträgt 7,5 Prozent.
Die Zahl der Erstsemester stieg im Vergleich zu 2010 um 16 Prozent auf fast 516.000. Davon war die Hälfte weiblich.
Der Anteil der Studienanfänger an der gleichaltrigen Bevölkerung betrug in diesem Jahr 55 Prozent.
Am stärksten stieg die Zahl der Studienanfänger in Bayern (plus 32 Prozent), gefolgt von Nordrhein-Westfalen (22 Prozent) und Niedersachsen (19 Prozent).
Hochschulfächer
Thomas Stauner (Leirodon)
- 01.12.2011, 17:02 Uhr
Satire?
Benno Wagner (bennowagner)
- 30.11.2011, 12:21 Uhr
Ursula Kals Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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