Home
http://www.faz.net/-gyq-usgt
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Mittwoch, 15. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hochschulen Die Wirtschaft hält sich mit Stipendien zurück

09.05.2007 ·  Im Gegenzug für die Einführung von Studiengebühren versprach die Industrie, Studenten müssten stärker mit Stipendien unterstützt werden. Dann wurde es leise. Nur rund zwei Prozent der Studenten werden gefördert.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)

Zum wiederholten Mal hat die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) an die deutsche Wirtschaft appelliert, mehr Stipendienprogramme für begabte und bedürftige Studenten einzurichten. Vor Einführung der Studiengebühren hätten Unternehmerverbände noch gefordert, diese durch Stipendiensysteme abzufedern. "Davon hört man heute nichts mehr", kritisierte Stefan Hurmuth, Präsident der Gießener Universität, jüngst auf der HRK-Jahreskonferenz zum Thema "Hochschule und Wirtschaft".

Tatsächlich hatte der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann, vor zwei Jahren mit Blick auf das Studiengebührenurteil des Verfassungsgerichts erklärt, die Industrie sei bereit, "Geld in die Hand zu nehmen, zum Beispiel in Form von Patenschaften für Studenten oder um Fonds aufzubauen, die diejenigen Studenten unterstützen, bei denen finanzielle Hilfe notwendig ist". Thumann weckte damals die Erwartung einer Milliarden-Offensive. Die Verbände indes haben seither nichts unternommen. Das private Stipendienwesen in Deutschland sei "völlig unterentwickelt", sagt dazu Arend Oetker, BDI-Vizepräsident und Präsident des Stifterverbandes für die Wissenschaft.

Nur rund 2 Prozent der rund 2 Millionen Studenten in Deutschland erhalten nach Erhebungen des Studentenwerks ein staatliches oder privates Stipendium. Rund 500 000 beziehen Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög). Die elf Förderwerke für Hochbegabte haben derzeit gut 17 500 Stipendiaten, darunter rund 2800 Doktoranden (siehe Tabelle). Sämtliche Begabtenstipendien werden aus dem Etat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat angekündigt, den betreffenden Haushaltsposten von derzeit knapp 100 Millionen Euro bis 2009 auf 110 Millionen Euro aufzustocken. Damit könnten die Förderwerke ihre Stipendiatenzahlen deutlich erhöhen. Die Studienstiftung des deutschen Volkes beispielsweise plant in den nächsten Jahren eine Steigerung auf 9000 Studenten.

Das Stipendienengagement der deutschen Wirtschaft nimmt sich auf den ersten Blick sehr bescheiden aus, zumal auch das wirtschaftsnahe Studienförderwerk Klaus Murmann seine Mittel von gut 8 Millionen Euro zu mehr als zwei Dritteln vom Staat bezieht, nur ein Drittel spenden Unternehmen. "Es blüht aber viel mehr im Verborgenen, als man denkt", betont Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die Wissenschaft. "Sehr viele große Unternehmen, etwa Bosch, Daimler, Thyssen-Krupp oder Carl Zeiss, bieten Stipendien für Studenten, die sie später beschäftigen möchten, speziell aus technischen Bereichen." Es fehle aber der Überblick. Der Stifterverband plane daher eine Zusammenstellung aller Einzelaktivitäten. "Allerdings würde ich mir auch ein Vorgehen ganzer Branchen wie in der Chemie wünschen", sagt Meyer-Guckel. Vor allem gegen den drohenden Ingenieurmangel in Deutschland müsse man ein Signal setzen.

Mit dem amerikanischen Stipendienwesen kann man die deutsche Situation schwerlich vergleichen. Etwa die Hälfte aller Studenten erhalten dort in irgendeiner Form finanzielle Hilfen, im Durchschnitt rund 6200 Dollar. An manchen Eliteuniversitäten in den Vereinigten Staaten - beispielsweise in Harvard, wo sich die Studiengebühren auf bis zu 30 000 Dollar jährlich belaufen - profitieren bis zu 70 Prozent der Absolventen von staatlichen oder privaten Stipendien.

Quelle: ppl./F.A.Z., 09.05.2007, Nr. 107 / Seite 16
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel