18.01.2009 · Seit 35 Jahren gibt es die beiden Universitäten der Bundeswehr in Hamburg und München. Auf keinen Fall wollen sie als Militärakademie gelten. Ihr Studienangebot erreicht höchstes Niveau. Aber kaum jemand weiß das.
Von Sabine Hildebrandt-WoeckelDie Bitte des Pressesprechers klingt eindringlich. "Tun Sie mir einen Gefallen!", fleht der Vertreter der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. "Schreiben Sie nicht ,Bundeswehr-Universität', sondern lieber ,Universität der Bundeswehr'. Das klingt doch schon viel besser." Auch sein Kollege in München macht auf dem Rundgang über den Campus schnell deutlich, was er nicht lesen möchte: "Verwenden Sie auf keinen Fall den Begriff ,Militärakademie' - damit haben wir nichts zu tun."
Seit 1973, also inzwischen seit mehr als 35 Jahren, betreibt die Bundeswehr zwei Hochschulen: die Universität der Bundeswehr München mit rund 4000 Studenten und die etwas kleinere Helmut-Schmidt-Universität (HSU) in Hamburg. Dennoch haben es die Öffentlichkeitsarbeiter immer noch schwer. "Kommen Sie her", wünschen sich beide, "und machen Sie sich selbst ein Bild." Denn weder den Universitäten selbst noch dem Verteidigungsministerium oder der Bundeswehr ist es bislang gelungen, die Qualität ihrer Lehranstalten bekannt zu machen. Dabei müssen diese sich keineswegs verstecken: Die Studenten der HSU etwa haben bei einer Befragung der Internet-Community StudiVZ ihre Uni zu einer der beliebtesten Hochschulen Deutschlands gewählt, drei Fachrichtungen landeten sogar auf Platz eins.
Uniformen sind nur am ersten Tag Pflicht
Doch da haben eben die gewählt, die schon dabei sind. Draußen, das weiß auch Mario Müller, der in Hamburg Politikwissenschaften studiert hat, "haben viele keine Ahnung, dass man hier ganz normal studiert". Müller selbst entschloss sich 2004 dazu, sein Studium an einer Bundeswehr-Universität zu absolvieren - nicht ohne damit auf Widerstand zu stoßen. "Ich musste viele Gespräche führen, vor allem mit Mitschülern, und eine Menge Überzeugungsarbeit leisten", berichtet er.
Denn was viele nicht wissen: Der Alltag an den Bundeswehr-Unis weicht kaum von dem anderer Universitäten ab - zumindest was die Inhalte betrifft. Uniformen sind nur am ersten Tag Pflicht, nämlich zur Immatrikulationsfeier. Danach bleibt es den Studenten - außer an den sogenannten militärischen Nachmittagen einmal im Monat - selbst überlassen, wie sie sich kleiden. Der Campus ist offen für Besucher, militärische Kleidung trägt hier kaum jemand.
Geleitet werden die Universitäten der Bundeswehr, die wie alle anderen Universitäten auch einen Forschungsauftrag erfüllen, von zivilen Präsidenten, die vom akademischen Senat gewählt und vom Verteidigungsministerium ernannt werden. Auch das akademische Personal stammt zu fast 100 Prozent aus dem zivilen Bereich. Das ergibt sich schon allein daraus, dass die Studenten nach Beendigung ihrer Ausbildung zur Truppe zurückkehren.
Lerninhalte wie an herkömmlichen Universitäten
Entsprechend unterscheiden sich auch die Lerninhalte nicht von denen herkömmlicher Universitäten. Die wahrscheinlich einzige Ausnahme ist, dass die Studiengänge breiter gefächert sind - alle Studenten müssen fachfremde Kurse belegen, die prüfungsrelevant sind - und schneller absolviert werden müssen. Denn an den Universitäten der Bundeswehr wird in Trimestern gelernt. Es gibt also wesentlich weniger vorlesungsfreie Zeit, die Studiendauer ist kürzer. Dass die Studenten die Regelstudienzeit von vier Jahren (sieben Trimester für den Bachelor, fünf Trimester für den Master) offenbar nicht als Belastung empfinden, mag mit dem Betreuungsverhältnis zu tun haben, das hier wesentlich besser ist als an öffentlichen Hochschulen.
"Die Professoren kennen uns und bemühen sich um uns", lobt etwa Gloria Axthelm die Atmosphäre an der Münchner Bundeswehr-Universität, wo sie Medienpädagogik studiert. Die klaren Zeitvorgaben und der Zeitdruck stören sie nicht, sagt sie - und verweist auf einen Vergleich: Bevor die heute 25 Jahre alte Frau auf einer Messe in Sachsen-Anhalt zum ersten Mal von den Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten an den Universitäten der Bundeswehr erfuhr, war sie in Halle an der Martin-Luther-Universität eingeschrieben. "Aber dort fehlte mir die Struktur."
Auch für Birte Völker, wie Mario Müller in Hamburg immatrikuliert, überwiegen die Vorteile, allem voran zwei Punkte: die finanzielle Absicherung und das Campus-Konzept. Nicht nur alle Fakultäten und Lehreinrichtungen sind auf engstem Raum vereint, auch zahlreiche Freizeiteinrichtungen, Sportplätze jeder Art und natürlich die Wohnheime gehören dazu. Etwa 90 Prozent der Studenten lernen nicht nur auf dem Gelände, sondern leben auch dort. Das erleichtert das gegenseitige Kennenlernen und das Bilden von Arbeitsgruppen, auch mit Studenten höherer Semester. Ideale Lernbedingungen, die dadurch noch besser werden, dass das Studium nicht nur gebührenfrei ist, sondern den Studenten außerdem auch ihr normaler Sold ausbezahlt wird (Bundeswehr als Karriere-Turbo? Lesen Sie dazu )
Militärdienst ist Voraussetzung für eine Zulassung
Dass Birte Völker und Gloria Axthelm überhaupt an einer Bundeswehr-Universität studieren dürfen, war für sie allerdings ein Glücksfall. Denn natürlich gibt es doch einen Punkt, in dem sich die beiden Hochschulen in München und Hamburg von gewöhnlichen Universitäten gravierend unterscheiden: Der militärische Dienst an der Waffe ist an und für sich Voraussetzung für eine Zulassung. Und damit blieben Frauen bis 2001 außen vor. Zuvor war ihnen mit dem Dienst an der Waffe auch das Studium an den beiden Hochschulen verwehrt. Ein Jahr später wurden dann auch die ersten zivilen Studenten zugelassen. Diese jedoch kommen immer nur dann zum Zug, wenn ohne sie Studienplätze unbesetzt bleiben würden. In München sind es derzeit 40 von rund 4000, in Hamburg ganze 5 von 3000.
Weiblich sind an beiden Standorten knapp 10 Prozent der Studenten. Viel mehr werden es wohl auch in Zukunft nicht werden, denn das Auswahlverfahren ist hart. Zweieinhalb Tage dauert das Assessment-Center in Köln. Getestet wird nicht nur die Fähigkeit zum Studium, sondern auch die körperliche Fitness und die demokratische Grundhaltung. Und das ist noch nicht die einzige Hürde. Wer sie überspringt, muss sich anschließend für 13 Jahre als Soldat verpflichten. Denn das Studium ist Teil der Offiziersausbildung - das ist der eigentliche Grund für die Existenz der Bundeswehr-Unis.
Ihr Initiator war Anfang der siebziger Jahre der SPD-Politiker Helmut Schmidt, damals Verteidigungsminister. Er fand, dass die Ausbildung der militärischen Elite hinter der zivilen zurückblieb. Seither legt die deutsche Armee die Ausbildung ihrer Offiziere weitgehend in die Hände von Zivilisten - ein Sonderfall in der Militärgeschichte. Für die Offiziere auf Zeit liegt genau darin aber ein Vorteil, weil ihnen die Ausbildung nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr den Wechsel in die Wirtschaft leichter macht. Knapp 80 Prozent wagen diesen Schritt nach ihrer Dienstzeit.
Die Koppelung von Studium und Offiziersausbildung hat allerdings auch Nachteile. Schafft jemand das Studium nicht, endet damit auch seine Karriere bei der Bundeswehr. Weil ihnen die Offizierslaufbahn ohne Abschluss verwehrt ist, scheiden Abbrecher aus dem Dienst aus. So geht es immerhin rund 30 Prozent jedes Jahrgangs. Der einzige Trost für sie: Ihre bis dahin erworbenen Leistungsnachweise erkennt jede andere Universität an.