09.03.2009 · Die universitäre Lehre in den Geisteswissenschaften steht angesichts des hohen Anteils von Seniorenstudenten vor einer Zerreißprobe. Wie soll sie Studienanfängern und Älteren gerecht werden?
Von Friedrich Wilhelm GrafWer montags früh das Hauptgebäude der Münchner Universität betritt, wähnt sich in einem Seniorenheim. Hunderte älterer Menschen sind auf dem Weg zu den Hörsälen, um sich im wohlverdienten Ruhestand wissenschaftlich belehren oder unterhalten zu lassen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat sich der Anteil der über Sechzigjährigen unter den gut 40.000 Gasthörern an deutschen Universitäten in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Mehr als jeder zweite Gasthörer ist über sechzig Jahre alt. Verlässliche Zahlen gibt es aber nicht, mit hohen Dunkelziffern ist zu rechnen. Niemand kontrolliert, ob sich die Älteren in den Vorlesungen tatsächlich als Gasthörer immatrikuliert haben. Und wenn ein Senior sich für ein ordentliches Studium "vollimmatrikuliert" und ein Examen oder eine Promotion anstrebt, wird er statistisch nicht eigens erfasst. Auch ist die Lage von Universität zu Universität und in den einzelnen Fächern sehr unterschiedlich.
Nur wenige Senioren besuchen naturwissenschaftliche Lehrveranstaltungen. Auch im Maschinenbau und in anderen Ingenieurwissenschaften sind sie nicht präsent. Der Besuch medizinischer oder zahnmedizinischer Lehrveranstaltungen ist ihnen weithin verwehrt. Bei den Juristen sind es nur Einzelne, die sich nach erfolgreicher Berufstätigkeit als Anwalt oder im Justizdienst noch einmal weiterbilden wollen. Doch andere Disziplinen werden, gerade in großstädtischen Universitäten, seit einigen Jahren mit immer größeren Seniorengruppen konfrontiert.
Besonders beliebt: Kunstgeschichte, Musik, Literatur, Philosophie
Besonders beliebt sind die Historischen Kulturwissenschaften und hier die Kunstgeschichte sowie auch die Musikwissenschaft, die Theologien, die Literaturwissenschaften und die Philosophie. Die Anzahl der an der Ludwig-Maximilians-Universität in München immatrikulierten Seniorenstudenten liegt bei etwa 2500. Das Durchschnittsalter der Männer ist von 66,8 auf 69 Jahre gestiegen. Das Durchschnittsalter der Frauen liegt bei 67,5 Jahren. Glaubt man der institutionellen Statistik, studiert nach drei Semestern nur noch ein Drittel der eingeschriebenen Seniorenstudenten. Die tägliche Wahrnehmung weicht davon allerdings ab (Immatrikulationsbescheinigungen werden nicht kontrolliert): In vielen kunstgeschichtlichen Vorlesungen liegt der Anteil der Senioren bei gut achtzig Prozent. Theologen berichten regelmäßig über Seniorenquoten von fünfzig bis siebzig Prozent, und auch Neuzeit- und Zeithistoriker lesen nicht selten vor einem Publikum, das mindestens zur Hälfte aus älteren Menschen besteht.
An der Münchner Universität bietet das "Zentrum Seniorenstudium" älteren Gasthörern eigene Ringvorlesungen, Seminare, Studientage und Gesprächskreise an. Sehr viele Seniorenstudenten wollen aber nicht immer nur andere Ältere treffen, sondern streben in die Vorlesungen und Seminare des allgemeinen, ordentlichen Lehrbetriebs. Als Gaststudierende dürfen Senioren hier zwar keinerlei Examina ablegen. Sie können in den einzelnen Lehrveranstaltungen aber Leistungsnachweise (Scheine) erwerben und tun dies gern und eifrig, wohl um zertifizierter Selbstbestätigung willen. Das macht im Universitätsalltag viel Arbeit, auch wenn jüngeren Wissenschaftlern wie Assistenten und Privatdozenten nicht einleuchtet, warum sie Klausuren von Leuten korrigieren müssen, die mit dem erhofften Schein gar nichts anfangen können.
Aus bildungs- und wirtschaftsbürgerlichen Lebenswelten
Viele Seniorenstudenten stammen aus bildungs- und wirtschaftsbürgerlichen Lebenswelten. Es kommen Ärztinnen und Lehrerinnen, hohe Richter und einst prominente Politiker, beruflich erfolgreiche Menschen aus den Vorstandsetagen von Industrie und Versicherungswirtschaft. Nicht selten haben die lebensklugen Frauen einst erfolgreich ein Studium absolviert, aber dann um der Kinder oder der Familie willen nur kurz im erlernten Beruf gearbeitet. Sie freuen sich, nun wieder intellektuell herausgefordert zu werden, und sind hoch motiviert. Die meisten Seniorenstudierenden sind überaus höflich, aufmerksam und fleißig. Aber nicht wenige von ihnen stellen allzu gern auch Fragen, die den Lehrfluss bremsen. Spätestens in Gestalt des "Zeitzeugen", der es aus ganz authentischer Erfahrung einfach viel besser als jeder andere im Hörsaal oder Seminarraum weiß, wird der Seniorenstudent zu einer akademisch hoch ambivalenten Gestalt. Er belehrt, gern auch den Professor, hält längere Monologe und teilt den Jüngeren mit, dass späte Geburt nur bisweilen eine Gnade sei. Die Gunst der Jüngeren verspielt er überdies, wenn er auswendig Gelerntes zitiert und den Nachgeborenen unzureichende Lateinkenntnisse vorwirft.
"Das Zentrum Seniorenstudium soll den Dialog zwischen den Generationen fördern", heißt es im einschlägigen Statut der Ludwig-Maximilians-Universität. Ist dies die ureigenste Aufgabe einer Volluniversität, die als "Eliteuniversität" nun mit Harvard, Berkeley, Oxford und allen möglichen anderen Exzellenzorten konkurrieren soll? Die ganz große Mehrheit der jüngeren Regelstudenten hat am generationenübergreifenden Dialog kein Interesse, im Unterschied zu den Älteren. Die Stimmung im Hörsaal ist oft nicht gut, und viele Jüngere klagen darüber, durch immer mehr Ältere in ihrem eigenen Studium massiv behindert zu werden. Oft kommen Senioren sehr früh in den Hörsaal und belegen die besten Plätze, so dass den Jüngeren nur die letzte Bank oder die Treppenstufe bleibt - kein Einzelfall.
Nach Ende der Vorlesung stürmen die Älteren auf den Dozenten zu, mit allen möglichen Fragen und Zusatzinformationen. In den Bibliotheken okkupieren viele Ältere die knappen Arbeitsplätze. Böses Blut verursacht dies schon deshalb, weil Regelstudierende pro Semester um 500 Euro Studiengebühren zahlen, der Höchstsatz für Gasthörer aber um 200 Euro beträgt.
Folgenreiche schleichende Veränderungen
Die schiere Überzahl der Älteren führt im Vorlesungsbetrieb zu folgenreichen schleichenden Veränderungen. Ein Student der Kunstgeschichte erwartet von einer Hauptvorlesung über die Kunst der Renaissance ganz anderes als eine Seniorenstudierende, die weder die Zeitknappheit noch den Leistungsdruck in zunehmend verschulteren Studiengängen kennt. Der eine sucht sich die entscheidenden Grundlagen für eine spätere Berufstätigkeit zu erarbeiten, wohingegen die andere den nächsten Besuch in der Alten Pinakothek vorbereiten will. Im theologischen Hörsaal wollen die Jüngeren Pfarrer oder Religionslehrer werden, und da sie eines Tages ein durchaus schweres Examen ablegen müssen, sind sie an viel Information und prägnanter Problemanalyse interessiert. Die Älteren hingegen erhoffen sich hier oft religiös fundierte Lebenssinndeutung, eine allgemeine Einführung in die Frage, wozu denn Religion und Christentum gut seien. Dies sind hier wie dort legitime, aber eben höchst unterschiedliche Interessen und Erwartungen. Ein guter Dozent stellt sich auf seine Hörer ein und knüpft an ihre Vorkenntnisse, Fragen und Interessen an. Das schwierige Kunststück, in derselben Lehrveranstaltung sowohl wohlmeinend Interessierten jenseits der siebzig als auch jungen Hauptfachstudierenden gerecht zu werden, gelingt nur Einzelnen - mit einer fatalen Folge: Viele Jüngere ziehen sich zurück und überlassen das Vorlesungsfeld den Senioren, über deren Allpräsenz sie sich zugleich beschweren. Um diesen Älteren mit ihrem - freundlich formuliert - eher weiteren Fragehorizont gerecht zu werden, stärken nicht wenige Dozierende in ihren Vorlesungen inzwischen die Unterhaltungselemente, und tendenziell werden die Grenzen zwischen Universität und Volkshochschule fließend. Je länger das Leben, desto länger das dritte Lebensalter und desto größer die Zahl der Älteren. Mit der Öffnung für Senioren haben die Wissenschaftsministerien und die Universitäten seit den achtziger Jahren konstruktiv auf jene Entwicklungen zu reagieren versucht, die pauschal und diffamierend als "Überalterung der Gesellschaft" bezeichnet werden.
Wer in seiner gymnasialen Jugend die Voraussetzungen der Hochschulreife erfüllt hat, hat auch im Alter einen legitimen Anspruch auf Zugang zur Universität. Die jetzige Praxis des Seniorenstudiums zu kritisieren bedeutet keinerlei Diskriminierung der Älteren. Es geht allein darum, wie die Universität den gegensätzlichen Erwartungen der unterschiedlichen Interessentengruppen gerecht werden kann. Denn schon die Bildungsvoraussetzungen der jüngeren Studienanfänger sind zu unterschiedlich. So viel Heterogenität kann universitäre Lehre nicht ausgleichen. Die Universität dient primär der wissenschaftlichen Forschung und Lehre, und sie soll den gesellschaftlichen Bedarf an selbständig und wahrnehmungssensibel denkenden, deshalb akademisch gebildeten und gut ausgebildeten Fachleuten zur Bewältigung zunehmend komplexerer Probleme befriedigen.
Insoweit muss den Regelstudenten im akademischen Alltag ein moralischer Vorrang vor jenen zuerkannt werden, die im Alter aus subjektivem Interesse als Gäste kommen. Für diese älteren Gaststudierenden sollten die Universitäten eigene akademische Institutionen gründen, mit ausschließlich für die Senioren bestimmten Seminaren und Vorlesungen. Dies ist nur insoweit Diskriminierung der Älteren, als man im Interesse aller eben unterscheiden muss und niemand allen Erwartungen gleichzeitig gerecht werden kann. Eigenständige Seniorenuniversitäten könnten zwar Räume und Infrastruktur der Universitäten in Anspruch nehmen, sollten aber über einen eigenen Etat verfügen. Gewiss wären dazu die Gebühren für ein Seniorenstudium deutlich anzuheben. Aber man kann so einige Lehrprofessuren für den wissenschaftlichen Nachwuchs schaffen. Wegen der schnell gewachsenen Seniorenzahlen sind die jetzigen Zustände nicht mehr hinnehmbar - einfach zerstörerisch. Man kann das Lehrsystem nicht auf modularisierte Bachelor-Studiengänge umstellen und es gleichzeitig für Massen an älteren Gasthörern öffnen. Damit ist weder den Eliteinitiativen noch der Lehruniversität des Bologna-Prozesses gedient.
Gebühren erhöhen
Evelyn Frick (Evelyn445)
- 09.03.2009, 14:33 Uhr
@Evelyn445
Stefan Rubens (RubensStefan)
- 09.03.2009, 14:44 Uhr
blanker Egoismus
Hans Werner Danuser (LoginName83)
- 09.03.2009, 15:33 Uhr
Zur Seniorenuni
Evelyn Frick (Evelyn445)
- 09.03.2009, 16:35 Uhr
Die Senioren sind weniger das Problem ... Da wären andere zu nennen!
Sönke Peters (soenkepeters)
- 09.03.2009, 16:37 Uhr