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Hochschul-Ranglisten Kompass durch die Uni-Landschaft

20.06.2007 ·  Hochschul-Rankings versprechen einen schnellen Überblick für Studenten, sind aber methodisch oft zweifelhaft. Mehr Wettbewerb und Auslese - schön und gut. Aber wie misst man seriös Qualität in Forschung und Lehre?

Von Philip Plickert
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Mittlerweile gibt es Rankings für fast alles: Sportclubs und Wirtschaftsstandorte, Aktienfonds, Rotweine und Autos, Intellektuelle und Popstars - sie alle werden in Ranglisten geführt. Rankings versprechen schnelle Orientierung, den Überblick über eine komplexe Vielfalt. Das Bedürfnis, Vergleiche zu ziehen und einen "Sieger" zu küren, ist nur allzu menschlich. So hat das Magazin "Focus" seine Titelgeschichten mit Hochschul-Rankings stets blendend verkauft. Jüngst begann eine neue, mehrwöchige Serie. Die Auftaktgeschichte kündigte an: "Die besten Universitäten". München besetzt die ersten beiden Plätze, gefolgt von Freiburg, Heidelberg und Konstanz; viele andere Hochschulorte landen weit abgeschlagen.

"So ein plakativer Vergleich ist schlicht unseriös und verunsichert die Studenten", sagt Friedrich Schneider. Der Linzer Ökonom kritisiert "unbrauchbare Forschungsindikatoren" und "irreführende Informationen für Studienanfänger". Das Ranking setze "falsche Anreize", heißt es in einer gepfefferten Pressemitteilung, die Schneider im Namen des Vereins für Socialpolitik (VfS), der größten deutschsprachigen Vereinigung von Wirtschaftswissenschaftlern, verfasst hat. Besonders ein Indikator irritiert den VfS-Vorsitzenden: die Promotionsquote, also die Zahl der Doktoranden, die ein einzelner Professor im Jahr hat. "Es gibt viele junge Professoren, die exzellent sind, aber noch nicht viele Doktoranden betreuen, wobei andere ältere Kollegen vielleicht viel mehr Doktorarbeiten absegnen, deren wissenschaftlicher Gehalt aber nicht übermäßig ist", sagt Schneider.

Wie repräsentativ sind die Umfragen?

Tatsächlich sind bislang alle Hochschul-Rankings methodisch mehr oder weniger zweifelhaft. Die Frage ist, wie die Qualität von Forschung und Lehre objektiv gemessen wird. Das "Focus"-Ranking baut im Wesentlichen auf zwei Datensätzen auf, einer Befragung von 2500 Wissenschaftlern und 3000 Personalverantwortlichen sowie der Auswertung einer umfangreichen Hochschulstatistik. In diese fließen fünf Kennziffern ein: die Betreuungsrelation, also das Zahlenverhältnis von Studenten zu Dozenten, die Drittmittelquote, die Promotionsquote, die Studiendauer sowie ein Zitationsindex. Dieser gibt an, wie oft die Veröffentlichungen der Mitarbeiter einer Fakultät oder Universität in internationalen Wissenschaftsjournalen zitiert werden.

Das wesentlich angesehenere Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) zieht noch weitere Qualitätskriterien für sein Urteil heran, insgesamt gut dreißig. Auch die Ausstattung der Bibliothek, die Zahl der Laborplätze oder die IT-Infrastruktur werden gezählt und bewertet. Ein wichtiger Bestandteil ist die direkte Befragung der Studenten selbst. Jährlich beteiligen sich mehr als 30 000. Doch ist diese Stichprobe ausreichend? Aus jedem Studiengang müssen letztlich nur 18 Befragte mitmachen, damit die Antworten in den CHE-Datensatz aufgenommen werden. Viel zu dünn sei diese empirische Datendecke, finden Kritiker wie der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann: "Das Grundproblem bleibt doch, dass solche Stichproben im wissenschaftlichen Sinne nicht repräsentativ sind. Eine Antwortquote von 10 bis 15 Prozent ist viel zu gering."

Differenzierung und Orientierung

Immerhin differenziert das CHE-Ranking sehr stark. Es unterscheidet zwischen der Reputation einer Hochschule unter Professoren, den internationalen Publikationen der Dozenten, der Betreuung für die Studenten, der Bibliotheksausstattung sowie der Studiensituation insgesamt. Der in einem Sonderheft der "Zeit" publizierte CHE-Vergleich verzichtet auf eine Rangliste oder scheingenaue Punktezahlen. Vielmehr ordnet er die insgesamt 250 Universitäten und Fachhochschulen in jeder Kategorie in eine Spitzen-, Mittel- und Schlussgruppe. Auf eine Liste der "Top Ten" wird bewusst verzichtet. "Rankings, die zuletzt eine End- oder Gesamtnote für eine ganze Universität ausweisen, vergröbern das Bild zu stark", erklärt die Kölner Rechtsprofessorin Johanna Hey, die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Hochschulverbandes. "Ein gutes, differenziertes Ranking ist sehr wohl ein hilfreiches Instrument für Studenten, um sich ein erstes Bild zu machen", sagt die Juristin.

Und es zeigt sich, dass Studenten und Dozenten teils ganz unterschiedlich urteilen: Die Wirtschaftswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität etwa hat unter Professoren einen guten Ruf, doch die Studenten bewerten ihre Situation eher schlecht. Ähnlich widersprüchlich sind die CHE-Ergebnisse für die Biologie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, die Professoren kritisch sehen und die Studenten lieben. Oder die Jurafakultät in Heidelberg, die in akademischen Kreisen hochangesehen ist, deren Studenten aber über mangelhafte Betreuung klagen.

Der Wettlauf der Business Schools

Am stärksten orientieren sich Studenten der Wirtschaftswissenschaften an Ranking-Ergebnissen. Ein Blick über den Atlantik zeigt, welch scharfen Wettbewerb die Veröffentlichung von akademischen Ranglisten unter den amerikanischen Business Schools ausgelöst haben. Anfang der achtziger Jahre publizierte erstmals der "US News & World Report" eine Liste empfehlenswerter Colleges. Wer heute im vielbeachteten Ranking der "Business Week" auf einem der oberen Plätze auftaucht, kann sich vor Bewerbungen kaum retten. Die Kellog School, die Warthon School sowie die Universitäten Chicago, Michigan, Columbia oder Stanford gelten als Spitze. Für ihre Programme zum Master of Business Administration (MBA) werden oft mehr als 50.000 Dollar gezahlt. Wer in den Rankings einige Plätze aufsteigt, dessen Studiengebühren sprudeln kräftig; wer absteigt, dem entgehen möglicherweise Millioneneinnahmen - entsprechend bangen die Chefs der Business Schools um ihre gute Plazierung.

Unterschiede treten stärker hervor

Eine stärkere Hierarchisierung des Hochschulwesens sieht der Soziologieprofessor Hartmann auch in Deutschland kommen. "Durch die Rankings werden Hochschulen wie die Clubs der Bundesliga gereiht." Allerdings werde dabei überdramatisiert. "Es gibt natürlich qualitative Unterschiede, aber diese sind bei weitem nicht so gravierend wie in den USA. Hierzulande liegen alle Universitäten im oberen Drittel, wenn man den Vergleich mit der Bundesliga fortsetzt." Wenn Rankings Unterschiede überzeichneten, bestehe die Gefahr einer "self-fulfilling prophecy": Der schlecht bewerteten Universität und Fachhochschulen blieben die Studenten fern, ihre Mittel würden eingeschränkt. "Es gibt dann eine Spirale nach unten", glaubt Hartmann. Insgesamt leide die Hochschullandschaft unter einer zu starken Differenzierung.

Eine positivere Sicht des Wettbewerbs der Hochschulen vertritt Johanna Hey. "Es gab immer schon Unterschiede zwischen Fakultäten und Universitäten, auch wenn wir traditionell eine relativ einheitliche Hochschullandschaft hatten. Mit dem Zuwachs an Autonomie und Wettbewerb werden sich diese Unterschiede aber in Zukunft möglicherweise stärker herauskristallisieren." Als Folge des verstärkten Durchleuchtens durch Rankings hofft sie, "dass es keine Verlierer gibt, sondern nur eine deutlichere Differenzierung". Ähnliches geschieht derzeit mit der sogenannten Exzellenzinitiative des Bundesbildungsministeriums. Doch Hey warnt hier vor dem verbreiteten "frustrierenden Eindruck, es solle in Deutschland bald fünf Top-Unis geben, und die anderen taugten nichts mehr".

Der Wettbewerb sei ein Anreiz für alle, sich auf ihre Stärken zu besinnen und die Leistungen für die Studenten zu verbessern, meint die Professorin. So können etwa die jüngeren, weniger bekannten Hochschulen sich mit besonderen Angeboten profilieren, um gegen die traditionsreiche Konkurrenz zu bestehen. "Wenn wir in Zukunft bis zu 40 Prozent eines Jahrgangs zum Studium bringen wollen, dann müssen die Hochschulen auch die unterschiedlichen Erwartungen berücksichtigen", fordert Hey. "Manche wollen eben ein praxisnahes Studium, andere favorisieren eine stärker theorieorientierte Ausbildung."

Plakative Fragen vermeiden

Die egalitäre Hochschullandschaft, die so mancher Reformer in den siebziger Jahren erträumte, ist eine Fiktion geblieben. Ein kritisches Ranking benennt Unterschiede. So kann es für die Studienortwahl eine erste Entscheidungshilfe und ein grober Kompass durch die Hochschullandschaft sein. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Datengrundlage stimmig ist und die Fragestellung nicht eindimensional ausfällt. Denn hier sind nach wie vor Zweifel angebracht. "Ich wünsche mir, dass sich die differenzierten Rankings durchsetzen", sagt Johanna Hey, "aber ich befürchte, dass die simplen, unseriösen Rankings mehr mediale Aufmerksamkeit erregen."

Und selbst seriöse Rankings nutzen nur dem, der weiß, was er will: Ob er mehr Wert legt auf ein theoretisches oder berufsbezogenes Studium, ob er sich spezialisieren oder lieber breit bilden möchte. Diese Entscheidung kann einem kein Ranking abnehmen.

So erkennt man ein seriöses Ranking

Der Wissenschaftsrat hat Standards für ein seriöses Hochschul-Ranking definiert:

  • Jedes Ranking sollte klar seine Zielsetzung, die Adressaten und die Methode benennen und verständlich machen.
  • Die Kategorien Forschung und Lehre müssen gesondert ausgewiesen werden. Eine pauschale Bewertung ganzer Hochschulen verschleiert, dass zwischen einzelnen Fakultäten und Fachbereichen erhebliche Qualitätsunterschiede bestehen können.
  • Das Rating sollte auf einer möglichst breiten Grundlage stehen und viele unterschiedliche Kriterien umfassen.
  • Die Ausrufung von „Siegern“ beruht auf scheingenauen Ergebnissen. Stattdessen sollten die Hochschulen in Ranggruppen eingeordnet werden, innerhalb derer Abstufung nur noch schwer möglich ist.

„Ich wünsche mir, dass sich die differenzierten Rankings durchsetzen, aber ich befürchte, dass die simplen, unseriösen Rankings mehr mediale Aufmerksamkeit erregen.“ Johanna Hey, Deutscher Hochschulverband

Quelle: F.A.Z., 09.06.2007, Nr. 131 / Seite C6
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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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