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Veröffentlicht: 09.06.2016, 22:32 Uhr

Hauswächter Das unsichere Leben in der Luxus-WG

Großer Garten gefällig? Oder doch lieber ein Billardzimmer? Als Hauswächter können Studenten günstig und zum Teil komfortabel wohnen. Allerdings hat das Konzept Tücken.

von Nadja Al-Khalaf
© dpa WG mal anders: Auch diese Berliner Studenten kamen als Hauswächter gut und günstig unter.

Wer die Studentin Henriette Fauth besuchen möchte, lässt die Hektik Berlins hinter sich und biegt am südlichen Stadtrand in eine kopfsteingepflasterte Straße ein, die von alten Kastanien gesäumt wird. Sie führt zu dem zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts erbauten Haus, in dem die 26-jährige Psychologiestudentin mit zehn Mitbewohnern seit etwas mehr als einem Jahr wohnt. Über eine steinerne Treppe gelangt man zur Vordertür des denkmalgeschützten Gebäudes, das sich perfekt in die dörfliche Atmosphäre einfügt. An der Hauswand rankt Efeu, am Klingelschild ist neben den Namensschildern ein Aufkleber angebracht: „Von Hauswächtern bewacht“. Fauths aktuelles Zuhause ist eine von 4000 ehemals leerstehenden Immobilien, die das Unternehmen Camelot Europe in ganz Europa über das Hauswächter-Konzept vermittelt.

Fauth, eine zierliche Studentin mit Pagenkopf, bewohnt zwei Zimmer im Obergeschoss des weitläufigen Gebäudes: ein Arbeitszimmer, in dem ein Schreibtisch, ihre Geige und ein Notenständer stehen, und ein Schlafzimmer, in dem neben dem Doppelbett noch reichlich Platz für einen Kleiderschrank bleibt. Beide Zimmer sind hell, der Blick durch die Fenster fällt auf den großzügigen Garten. Mit dem gängigen Bild einer Studentenbude in Berlin wird hier gebrochen: keine Hinterhaus-WG mit engem Flur und Zehn-Quadratmeter-Zimmern, sondern quakende Frösche und ein kleiner See, die die laute Stadt in weite Ferne rücken lassen.

Dass Henriette Fauth und ihre Mitbewohner, von denen mehr als die Hälfte Studenten sind, hier wohnen können, ermöglicht das sogenannte Hauswächter-Konzept, das seit 2010 von Immobilien-Firmen auch in Deutschland angeboten wird. „Hauswächter sind keine Mieter im herkömmlichen Sinn. Das besprechen wir auch mit angehenden Hauswächtern vor Vertragsabschluss, denn es handelt sich nicht um Mietverträge, sondern um Gebrauchs-Überlassungsverträge“, sagt Karsten Linde, Geschäftsführer bei Camelot für den Raum Deutschland. Hauswächter sind eine Art legaler Hausbesetzer. Sie sollen leerstehende Immobilien vor Vandalismus und Verfall schützen.

„Kaltmiete und Nebenkosten sind immer weiter angestiegen“

Bei Camelot hat sich Henriette Fauth vor mehr als einem Jahr beworben, als sie beschloss, ihre Zweier-WG in Wedding nach vier Jahren aufzulösen. „Kaltmiete und Nebenkosten sind immer weiter angestiegen“, sagt sie. „Als wir auszogen, habe ich 400 Euro für mein Zimmer, Küche und Bad bezahlt. Das war mir zu viel. 2010, als wir einzogen, waren es 325 Euro.“ Dabei lebte sie nicht in einem der teuren Stadtteile, sondern in Wedding, einem Viertel, das Berliner als Arbeiterviertel kennen.

 
Als Hauswächter können Studenten gut und günstig wohnen. Das Modell hat aber auch Nachteile.

Aber auch solche Stadtteile sind von der Entwicklung des Wohnungsmarktes betroffen. Nach Angaben des IMX Immobilienpreisindex sind die Mieten in Berlin von 2010 bis 2015 um fast 30 Prozent gestiegen. Die Kombination aus steigenden Mieten und wachsenden Studienanfängerzahlen macht es oft schwer, lebenswerten Wohnraum zu finden. Die Länder kommen kaum hinterher, für mehr Wohnraum zu sorgen. So hat die Zahl der Plätze in Studentenwohnheimen laut Deutschem Studentenwerk in den vergangenen Jahren nur um drei Prozent zugenommen.

Die Küche der elf Berliner Hauswächter sieht auf den ersten Blick aus wie eine besonders großzügig geschnittene WG-Küche. Die drei großen Kühlschränke verraten, wie viele Menschen hier wohnen, sodass der Gedanke an eine Kommune oder an ein alternatives Wohnprojekt nahezuliegen scheint. An einer Wand allerdings hängt ein Plakat, das nicht abgenommen werden darf: Darauf stehen die Hausregeln, die die Immobilienfirma in Absprache mit den Eigentümern festgelegt hat - und an die sich alle halten müssen.

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