07.04.2010 · Viele Studenten fühlen sich von ihren Haus- und Examensarbeiten überfordert. Mal ist das Konzept nicht gut, mal hapert es an den Formulierungen. Gegen die Blockade im Kopf sollen Schreibzentren helfen.
Von Anna LollHinter den hohen Altbaufenstern ist es dunkel. Laptop-Tippen erfüllt den Raum, konzentrierte Gesichter beugen sich über Lexika und dicke Bücher. Eine Studentin gähnt in ihren Pulli hinein. Ein Kommilitone ist im Sessel hinter der Stellwand eingenickt, in der Ecke gurgelt die Kaffeemaschine. Es ist 1 Uhr morgens an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. „Herzlich willkommen zur langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“, steht vor der Tür auf einem Flipchart.
Gut 15 Studenten sind der Einladung des Schreibzentrums der Hochschule gefolgt, ihre „Aufschieberitis“ zu bekämpfen. Von 20 Uhr abends bis 8.30 Uhr morgens wollen sie ihre Haus- und Abschlussarbeiten durcharbeiten, dazwischen gibt es Pausen: Schreibtischyoga um 21.30 Uhr, ein Konzentrationsspiel um 2 Uhr. Ein Schreibtutor beantwortet offene Fragen, nebenan stehen ein nicht ganz durchgebackener Schoko-Nuss-Kuchen, Fünf-Minuten-Terrinen und sorgsam geviertelte Karottenstücke bereit. Denn Stärkung braucht man, wenn man eine wissenschaftliche Arbeit verfassen will, glaubt Katrin Girgensohn, die Leiterin des Schreibzentrums. Nicht nur physisch, sondern vor allem methodisch. „Viele glauben, nur weil sie an der Uni sind, müssten sie perfekt schreiben können“, sagt sie. „Aber das ist ein Irrglaube. Wissenschaftliches Schreiben muss man lernen.“
So verbreitet wie dieser Irrglaube sei das Symptom der „Aufschieberitis“, wie Girgensohn es nennt. „Eine menschliche Schwäche - allerdings eine, an der viele Studenten verzweifeln, wenn ihnen niemand hilft.“ Plötzlich ist die Schreibblockade da und die Motivation weg. Von der glücklichsten Zeit des Lebens, als die das Studium oft bezeichnet wird, bleibt dann nur noch blanker Druck.
Lieber staubsaugen
Karl Heinemann zum Beispiel wollte seine Masterarbeit eigentlich schon 2009 abgegeben haben. Er sei aber generell eher der Typ, der Sachen aufschiebe, sagt der Japanologie-Student, der seinen wirklichen Namen ob dieser Schwäche lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Statt zu arbeiten, saugte er lieber Staub. Rief ein Freund an, konnte er sich schlecht zu einer Absage durchringen - er konnte ja später weiterarbeiten. Oder morgen. Oder am Wochenende. „Bis jetzt hatte das immer geklappt“, sagt er. Die Abschlussarbeit über das japanische Schulwesen jedoch habe ihn in einen Teufelskreis von Druck und noch mehr Druck gebracht, der die Blockade ständig verstärke. „Für eine Zeit habe ich sogar den Kontakt zu meinen Freunden abgebrochen, war nur noch zu Hause“, berichtet er. „Ich habe es nicht mehr ertragen, dass mich jemand fragt, wie es mit meiner Arbeit vorangeht.“
Was genau sein Problem ist? „Wenn ich es wüsste, dann hätte ich wohl das Problem nicht mehr“, vermutet er. Wie sich eine Schreibblockade anfühlt? „Es ist pure Hilflosigkeit.“ Gespräche mit Freunden und Verwandten hätten ihm geholfen; jetzt hoffe er, bald mit der Arbeit fertig zu werden. Ein fester Plan und mehr Kontrolle von Anfang an hätten ihm vermutlich gutgetan. Von einer Schreibberatung wie in Frankfurt an der Oder hat er noch nie gehört.
Wie ein Knoten im Magen
Alice Perni hingegen hat sie aus ihrer Master-Krise geholfen. Die Italienerin - auch sie trägt in Wirklichkeit einen anderen Namen - hat die Einrichtung zwei Monate Tag für Tag besucht. „Es waren teilweise ganz einfache Fragen, die mir sehr weitergeholfen haben“, berichtet die 27 Jahre alte Studentin von ihren Erfahrungen dort. „Wie grenze ich meine Fragestellung ein? Wie gliedere ich meine Arbeit?“
Im Nachhinein habe sie die Schreibblockade bereichert, glaubt Alice. Doch war es ein Lernprozess. Lange plagte sie ein Knoten im Magen, wenn sie an ihre Arbeit dachte. Ein ständiges Schuldgefühl nagte am Gewissen. „Als ob die Arbeit ein Baby wäre, das darauf wartet, geboren zu werden, dem man aber nichts zu essen gibt“, beschreibt die Kulturwissenschaftlerin ihre damalige Lage. Mit der Bachelorarbeit hatte sie noch keine Probleme, bei der Masterarbeit war der Anspruch plötzlich viel höher. „Alle diese Experten, die sich gegenseitig zitieren - und ich sollte nun was dazu sagen? Ich dachte: Du bist kein Wissenschaftler, du bist Student - aber auf einmal musst du Forscher sein.“
Inzwischen schreibt die junge Frau an ihrer Dissertation, mit Hausschuhen und Jogginghose hat sie es sich für die lange Nacht der Hausarbeiten gemütlich gemacht. Der Wurf ins kalte Wasser, den sie beschreibt, überfordert zunächst viele Studenten. Eine Statistik darüber gibt es nicht, das Problem wird in Deutschland deutlich weniger beachtet als etwa in den Vereinigten Staaten. Dort gibt es an den meisten Universitäten ein Schreibzentrum, oft sind Kurse im wissenschaftlichen Schreiben für Studienanfänger obligatorisch. In Deutschland bestehen nicht viel mehr als ein Dutzend universitäre Schreibzentren. „Beim Thema Schreibforschung ist Deutschland Entwicklungsland“, kritisiert Katrin Girgensohn aus Frankfurt den Befund.
Zwei Formen von Schreibblockaden
Gisbert Keseling, emeritierter Professor für Linguistik und einer der wenigen deutschen Experten auf dem Gebiet, bestätigt Girgensohns Einschätzung. „Viele deutsche Professoren sehen es als unter ihrer Würde an, mit Studenten über Schreibprobleme zu sprechen“, sagt er. Als er in den achtziger Jahren an der Universität Marburg Experimente zur Schreibforschung durchführte, wurde er von mancher Seite dafür belächelt. Schreiben sollte doch schon ein Abiturient können, war der Tenor. Rund 15 Jahre seien für den Erwerb von Schreibkompetenz nötig, hält Keseling dagegen.
Er unterscheidet zwei Formen von Schreibblockade: Ein Teil der Studenten komme mit der Planung nicht zurecht, ein anderer nicht mit dem Formulieren, manchmal plage die Schreibenden beides. Die Gründe dafür sind von Fall zu Fall verschieden. „Mal reicht das Konzept nicht aus, mal ist es zu komplex“, erläutert Keseling. „Dann verrennen die Autoren sich im Stoff, das ist ein kognitives Problem.“ Oft sei das Hindernis aber auch der „innere Adressat“ - die Person, für die der Student schreibt. Wenn daraus im Kopf ein allzu strenger Kritiker wird, kann das blockierend wirken. Manchmal fehle Studenten der innere Adressat aber auch ganz, sagt Keseling. Ihnen sei besonders schwer zu helfen. „Sie können häufig nur in Anwesenheit eines Adressaten schreiben, etwa wenn der Betreuer im Raum ist oder sie wenigstens in einer Arbeitsgruppe sind.“
Der Professor sieht in solchen Schreibblockaden das Symptom für andere Probleme. „Man muss den Hintergrund der Blockade herausbekommen“, sagt er. Dies sei aber oft kein einfaches Unterfangen. „Besonders wenn schwerwiegende psychologische Probleme vorhanden sind.“ Manchmal bräuchten die Studenten aber auch einfach nur jemanden, der sich für sie interessiere, um selbst wieder Motivation zu finden. So hat es auch Franziska Liebetanz, eine der Beraterinnen im Schreibzentrum von Frankfurt an der Oder, oft erlebt. Den Begriff Schreibblockade meidet sie. „Das brandmarkt eine Frage zum Schreiben gleich als handfestes Problem“, findet sie. Dabei sollte es etwas ganz Normales sein, sich über den eigenen Text auszutauschen, sagt Liebetanz. „Wir denken, wir schreiben und wir fragen andere. So lösen sich schnell Probleme.“
Tipps für Autoren
- Die Textverarbeitung ist nicht alles: Vielleicht lässt sich das Thema in einer E-Mail an einen Freund leichter darstellen. Das ist ein guter Start für eine Gliederung.
- Wer am Tag eine DIN-A4-Seite über ein ganz anderes Thema schreibt, findet so womöglich den eigenen Schreibrhythmus.
- Einfache Fragen: Zu welcher Tages- oder Nachtzeit fällt das Schreiben am leichtesten? Geht die Arbeit besser in der Bibliothek oder zu Hause von der Hand?
- Pläne helfen - wenn Pausen und Freizeit darin Platz haben. Mehr als sechs Stunden konzentrierte Schreibarbeit am Tag sind auf Dauer unrealistisch.
- Zur Kontrolle ein Schreibtagebuch, um Plan und Realität zu vergleichen.
- Fleißiges Faulenzen: Wer zwei Tage nur im Bett liegt ohne Telefon, Fernsehen oder Bücher, fühlt sich danach vermutlich so nutzlos, dass er wieder anfangen will.
Rechtschreibreform als hausgemachtes Problem
K Zinser (klaus_zinser)
- 07.04.2010, 20:20 Uhr