Home
http://www.faz.net/-gyq-6lk39
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Mittwoch, 22. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hausarbeiten Raus aus der Schublade!

21.12.2010 ·  Manche Hausarbeiten sind brillant, haben aber nur einen einzigen Leser - den Professor. Berliner Studenten und die Zeitschrift „Anwesenheitsnotiz“ sollen das nun ändern.

Von Nina Brodbeck
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Redaktionskonferenz im Studentencafé: Johanna Egger, Nele Solf und Martin Lhotzky von der Freien Universität Berlin sitzen an einem kleinen Tisch und diskutieren. „Was fehlt noch?“ – „Wie soll das Inhaltsverzeichnis aussehen?“ – „Was kommt ins Impressum?“ Um sie herum bunte Tische, ausrangierte Couchgarnituren und altersschwache Stühle, wild zusammengewürfelt und doch irgendwie ein charmantes Ganzes wie die Zeitschrift der drei Studenten. „Anwesenheitsnotiz“ heißt sie. Veröffentlicht werden darin geistes- und kulturwissenschaftliche Seminararbeiten rund um Kunst, Theater, Literatur und Film.

Johanna Egger, für Literaturwissenschaft eingeschrieben, skizziert das Konzept: „Wir lehnen uns zwar bewusst an die etablierten wissenschaftlichen Fachzeitschriften an, richten uns aber explizit an Bachelor- und Masterstudenten, die noch keine Aussicht haben, in ihnen etwas zu veröffentlichen.“ Ihre Kommilitonin Nele Solf ergänzt: „Wir finden, dass diese kleinen Arbeiten schon große Qualität mitbringen.“ Die Autoren seien oft mit Herzblut dabei und gingen ihre Themen erfrischend unorthodox an. Nur bekomme kaum jemand je ihre Werke zu Gesicht. „Eigentlich schreibt man eine Seminararbeit nur für den Prof, und dann landet sie in der Schublade“, sagt Martin Lhotzky, der Theaterwissenschaft studiert. Genau das soll die „Anwesenheitsnotiz“ ändern. „Es transformieren sich Seminararbeiten vom Schubladenmedium zu einem wissenschaftlichen Aufsatz“, schreiben die drei Studenten selbstbewusst im Vorwort zur „Nullnummer“, die im Sommersemester herauskam.

Nachfragen ausdrücklich erwünscht

Stolz hält Johanna Egger ein Exemplar davon hoch. „Call for notes“ steht auf der Rückseite des schlichten, orangefarbenen Umschlags. Der Aufruf hat funktioniert: Während die Redakteure für die Nullnummer noch auf eigene Arbeiten zurückgreifen mussten, stammen alle Beiträge in Heft Nummer eins, das gerade erschienen ist, aus fremden Federn, von Studenten aus Leipzig und Wien zum Beispiel. Dort wird die neue Ausgabe dann auch in den Studentencafés ausliegen. Außerdem haben die Redakteure persönliche Verteilerkontakte nach Hildesheim, Stuttgart, Tübingen, Basel, Gießen, München, Bonn und Zürich. Doch das reicht ihnen noch lange nicht. „Wir wollen Universitäten im gesamten deutschsprachigen Raum mit der ,Anwesenheitsnotiz‘ versorgen“, wagt sich Nele Solf vor.

Mit einer Druckauflage von 600 gratis verteilten Exemplaren wird das allerdings schwierig. Die Lösung könnte das Internet sein: Auf der Homepage sind alle Texte abrufbar, außerdem gibt es eine Kommentarfunktion. „Wir wollen, dass da Dynamik reinkommt“, sagt Johanna Egger. Deshalb sind auch Nachfragen und konstruktive Kritik ausdrücklich erwünscht. Jede E-Mail werde beantwortet, versprechen die drei Studenten, da sei der Name der Zeitschrift Programm. Eine Abwesenheitsnotiz bekomme nämlich allzu häufig, berichtet Martin Lhotzky, wer Fragen oder fertige Hausarbeiten per E-Mail an den Dozenten schicke. Für die Zeitschrift dagegen werde jeder Autor persönlich betreut, jeder Text sanft redaktionell bearbeitet und vom Seminarkorsett befreit. Ein wissenschaftlicher Beirat überprüfe zudem die Korrektheit.

Künftig soll die „Anwesenheitsnotiz“ zweimal im Jahr erscheinen, jeweils zu Semesterbeginn. Die Ernst-Reuter-Gesellschaft der FU fördert das Projekt für zweieinhalb Jahre. „Das heißt, fünf Ausgaben sind gesichert“, sagt Johanna Egger. Und danach? „Wir werden sehen.“ Neben den Finanzen ist auch die Nachwuchsgewinnung eine Herausforderung. Egger schaut sich nachdenklich im Café um, als wolle sie die Anwesenden auf Tauglichkeit prüfen. „Wir hoffen, dass wir bis zum Ende unseres Masterstudiums noch einige Leute für die Mitarbeit begeistern können“, sagt sie dann. Damit sich die „Anwesenheitsnotiz“ ihren Charme bewahren könne, müsse sie in Studentenhand bleiben.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel