05.04.2011 · Das Hasso-Plattner-Institut ist eine der ersten Adressen für die praxisnahe Ausbildung von IT-Ingenieuren. Die Studenten fühlen sich wie in einem deutschen Stanford - bloß ohne Studiengebühren.
Von Stephan FinsterbuschDie Computer laufen den ganzen Tag und auch die halbe Nacht. Sebastian Meyer und drei Kommilitonen arbeiten an ihrer Abschlussarbeit; alle zusammen in einem Labor, an vier Computern und einem Projekt: einer Kiste in Reisetaschengröße, die ausgestattet ist mit feinster Computertechnik, einer Multimediabox, welche die Studenten des Hasso-Plattner-Instituts in Potsdam nun verfeinern sollen. Der amerikanische Computerbauer Dell hat an diesem Tele-Task-Koffer bereits Interesse angemeldet. In ein paar Wochen müssen die Studenten ihr Projekt abgeschlossen haben.
Die Box sei so eine Art persönliches Zeugnis ihres dreijährigen Studiums, sagt Meyer. Drei Jahre lernen, drei Jahre experimentieren, drei Jahre auf dem Weg zu einem erstklassigen Informatiker. „Diesen Anspruch haben wir hier schon“, sagt Meyer. Wir – das sind 450 Studenten der Softwaresystemtechnik. Hier – das ist das Hasso-Plattner-Institut (HPI), eine kleine, feine, privat finanzierte Forschungs- und Lehreinrichtung. Der Namensgeber und mehrfache Milliardär Hasso Plattner, Mitbegründer und heutiger Aufsichtsratschef von SAP, hat sie Ende der neunziger Jahre am Potsdamer Griebnitzsee aus der Taufe gehoben.
Mittlerweile ist das HPI zu einer der besten Software- und Computerschulen des Landes aufgestiegen. In den einschlägigen Ranglisten über die Lehr- und Forschungsqualität der deutschen Hochschulen findet sich das Institut in seiner Sparte regelmäßig in einer der führenden Positionen wieder. Es gibt eine lehrplanunabhängige Kreativ- und Designschule, es gibt enge Verbindungen nach Stanford, Peking, Haifa und Johannesburg. Fast alle Vorlesungen und Präsentationen werden digital aufgezeichnet und ins Internet gestellt.
„Wir sind nah am wirklichen Leben“
Das kommt an: Auf der Bildungsplattform iTunes-U machen die Lehrveranstaltungen des HPI mittlerweile ein Prozent aller auf der Welt abgerufenen Programme aus. Dafür wurde auch der Tele-Task-Koffer entwickelt. „Wir sind nah am wirklichen Leben“, sagt Christoph Meinel, Direktor und Geschäftsführer des Instituts und Inhaber des Lehrstuhls für Internet-Technologie und Systeme. Die Praxisbezogenheit öffnet HPI-Absolventen mit Bachelor-, Master- oder Doktorabschluss in der Branche später viele Türen, von der Deutschen Telekom bis zur Software AG, von BMW bis Siemens, von Microsoft bis IBM. Keine schlechten Aussichten in einer Branche, die mehr als 28.000 offene Stellen bietet.
„Als eine der ersten Adressen für die praxisnahe Ausbildung von IT-Ingenieuren ermöglicht das HPI jungen Menschen einen hervorragenden Einstieg in unsere Branche. Gleichzeitig leistet es damit einen wichtigen Beitrag gegen den Fachkräftemangel in unserem Land“, lässt sich Achim Berg von Microsoft zitieren. August-Wilhelm Scheer, Präsident des IT-Branchenverbandes Bitkom, formuliert es so: „Das HPI ist eine unserer wichtigsten IT-Schulen.“ Karl-Heinz Streibich, Vorstandsvorsitzender der Software AG, befindet, die enge Verbindung von Theorie und Praxis habe das HPI zu einem Institut von Weltgeltung gemacht.
Auch BWL und Recht stehen auf dem Lehrplan
Gelehrt werden nicht nur Programmiersprachen, Algorithmen und Befehlssätze, sondern auch Grundlagen in Betriebswirtschaft, Recht und Unternehmertum. Der Lehrplan orientiert sich in seiner Grundstruktur an den Methoden in Stanford, der Kaderschmiede des Silicon Valley in Kalifornien. Der heute 67 Jahre alte Hasso Plattner, der selbst in Stanford und in Potsdam lehrt, hat das Institut 1998 gegründet und es mit weit mehr als 200 Millionen Euro aus seiner Privatschatulle finanziert. Er hat dem HPI die Rechtsform einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) gegeben. Die alleinige Gesellschafterin ist die Hasso-Plattner-Förderstiftung. Aus berufungsrechtlichen Gründen ist das Institut der Universität Potsdam angeschlossen, hat zehn feste und mehr als doppelt so viele zeitlich berufene Lehrer-, Ausbilder-, und Professorenstellen. Die Lehrstühle umfassen Fächer wie Computergrafische Systeme, Systemanalyse und Modellierung, Software-Architektur bis hin zum Fach Human Computer Interaction (HCI).
Die Lehre ist eng an die Forschung in der IT-Branche gekoppelt. Daher stehen in den gut gekühlten Hinterzimmern der Institutsgebäude Netzwerkrechner der nächsten und übernächsten Generation. In den Labors der Studenten gibt es nagelneue PCs und Laptops; wird eine spezielle Software benötigt, wird sie auch beschafft – und noch einiges mehr. „Wir arbeiten hier mit State-of-the-Art-Technik“, sagt Patrick Baudisch. Der Inhaber des HCI-Lehrstuhls beschäftigt sich mit Design, Implementierung und Evaluation von Interaktionstechniken, zum Beispiel bei Mobiltelefonen. Auch über den Einsatz von Tischen, Wänden oder Böden macht er sich Gedanken; gerade lässt er etwa einen riesigen berührungsempfindlichen Bildschirm in den Fußboden seines Labors installieren. „Mit diesem Riesenbildschirm werden wir neue Dimensionen der Touchscreen-Technologie erforschen“, sagt er.
Ausgewählt wird nach Fähigkeiten, Interessen und Abiturnoten
Auf jeden HPI-Studienplatz kommen zwei bis drei Bewerber, sagt Meinel. Das verlange Auswahl. Ausgewählt werde nach Fähigkeiten, Interessen und Abiturnoten. Eine Durchschnittsnote von 1,7 müsse es schon sein. Der Schwerpunkt der Bewertung liege aber auf naturwissenschaftlichen Fächern. Auswahlgespräche gebe es nicht. „Selbst wenn wir wollten, können wir das hier aus juristischen Gründen gar nicht machen“, sagt Meinel. Darüber hinaus spiele das von den Studenten vorgelegte Motivationsschreiben eine wichtige Rolle.
Das Studium am HPI kostet, was es an der Universität Potsdam auch kostet: nichts. Es gibt nach den Worten von Institutssprecher Hans-Joachim Allgaier einen Semesterbeitrag von 259 Euro; der schließt alle Einschreibe- und Verwaltungsgebühren sowie die Fahrkosten für den öffentlichen Personennahverkehr in Berlin und Potsdam ein. Sebastian Meyer sagt: „Sensationell. In Amerika müsstest du für diese Ausbildung Tausende von Dollar zahlen, und hier ist sie faktisch frei.“ Wenn er in den kommenden Wochen sein Entwicklungsprojekt rund um die Multimediabox fertig und im Sommer seinen Bachelor-Abschluss in Händen hat, will er seinen Master machen. „Hier am HPI“, wie er sagt.
Wie es danach weitergeht sei offen. Möglichkeiten gebe es viele, von einer Stelle in der Industrie bis hin zum Sprung in die Selbständigkeit. „In Informatik sind wir hier richtig fit gemacht worden“, sagt er. „Von Betriebswirtschaft und Juristerei haben wir zumindest ein paar Veranstaltungen auf der Agenda, so viel, dass wir immer wissen, um was es zumindest geht.“ Der Schritt in die Selbständigkeit sei daher gut vorbereitet. Hierfür hat Plattner seinen privaten Risikokapitalfonds in einer alten, aufwendig sanierten Villa mit angeschlossenen Neubauten ganz in der Nähe des Instituts angesiedelt. Mittlerweile fördert er 17 Startup-Unternehmen. Dort gehen die Computer dann gar nicht mehr aus.