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Harvard-Doktorandin Fenna Krienen „Viele werden mit fragwürdigen Ideologien gefüttert"

18.01.2012 ·  Das Gefühl sozialer Ungerechtigkeit treibt die Occupy-Bewegung an, auch an der Elitehochschule Harvard. Studenten, Doktoranden wie die 27 Jahre alte Fenna Krienen und Professoren fürchten, dass die Ausbildung zu mehr Ungleichheit führt.

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Wann haben Sie und die anderen begonnen, den Harvard-Campus zu besetzen?

Am Abend des 9. November.

Wie ging das vor sich?

Vor der Besetzung des Campus wusste nur eine Kerngruppe von 30 Leuten Bescheid. Den anderen sagten wir nur, dass sie auf den Campus kommen sollten. 800 waren da. Wir veranstalteten einen Marsch und errichteten dann das Zeltlager.

Wie sah das Lager aus?

Es wurde auf dem Yard, dem zentralen Platz, genau vor der Statue des ehrwürdigen John Harvard errichtet. In der ersten Nacht bauten wir 34 Zelte auf. Über Thanksgiving errichteten wir ein großes Kuppelzelt, das von Studenten des Massachusetts Instituts of Technology gestiftet wurde.

Wie reagierte die Hochschulverwaltung?

Sie schloss die Tore zum Yard. Nach unserer wiederholten Einladung traf sie sich mit uns. Man zeigte sich besorgt über unsere Sicherheit: Mit dem Schließen der Tore wolle man Außenstehende abhalten, sich uns anzuschließen. Die Verwaltung schien nicht zu verstehen, dass sie unser Recht auf freie Meinungsäußerung verletzte.

Wie reagierten Studenten und Dozenten?

Mehr als 100 Mitglieder der Fakultäten unterstützten in einer Petition unser Recht auf Protest. Anfang Dezember hielten wir ein Teach-in. Dabei hielten acht Professoren Vorlesungen zu Themen wie freie Meinungsäußerung und ökonomische Irrlehren. Die Studenten reagierten ambivalenter. Viele nervte, dass sie an den Toren ihre Ausweise zeigen mussten.

Warum haben Sie Harvard besetzt?

Harvard ist nach der katholischen Kirche die wohlhabendste „nicht profitorientierte" Einrichtung auf der Welt. Wir wollen, dass man einen kritischen Blick auf seinen Einfluss auf die Politik, auf seine Investitionen und auf die Ideologie, die es an seine Studenten weitergibt, wirft. Es gibt enge Verbindungen zur Wall Street und nach Washington. Manche, zum Beispiel der frühere Harvard-Präsident Larry Summers und das Mitglied des Boards, Robert Rubin, haben als Politiker an der Deregulierung mitgewirkt, die zum finanziellen Zusammenbruch im Jahr 2008 geführt hat.

Werden in Harvard nicht die klugen Köpfe von morgen ausgebildet?

Sicher werden in Harvard einige der großen Köpfe der nächsten Generation geformt. Doch viele Studenten werden mit fragwürdigen Ideologien gefüttert und in Branchen geschickt, die weiter dazu beitragen werden, die enorm ungleiche Vermögensverteilung in unserem Land zu verstärken.

Studieren wirklich die besten Köpfe in Harvard oder die reichsten?

Obwohl Harvard bestreitet, Familienmitglieder zu begünstigen, ist es viel wahrscheinlicher, hier zu studieren, wenn die Eltern schon in Harvard waren. Es ist auch viel wahrscheinlicher, genommen zu werden, wenn man aus einer reichen, gut vernetzten Familie stammt, die eher Geld in die Universität stecken wird.

Wer macht mit bei Occupy Harvard?

Wir haben ganz unterschiedliche Mitglieder: Studenten aus niedrigen Semestern, die auf finanzielle Hilfe angewiesen sind, und höhere Semester, die an den Hauptfakultäten studieren; außerdem Angestellte und Professoren von der theologischen bis hin zur juristischen Fakultät. Eine Soziologieprofessorin, die lange in Harvard an der ökonomischen Fakultät gelehrt hat, wird, von uns inspiriert, an ihrer neuen Hochschule in Boston im Frühjahr eine Vorlesung halten mit dem Titel „Ökonomik für die 99 Prozent".

Am 19. Dezember wurden die Zelte entfernt. Warum?

Die Zelte waren nicht praktisch genug für einen harschen Neuengland-Winter. Doch die Kuppel ist winterfest und bleibt.

Wie geht es weiter?

ANTWORT: Im Januar haben wir im Internet Occupy Harvard 2.0 für die Öffentlichkeit geöffnet. Viele Aktionen sind in der Planung. Wir werden weitermachen, solange es uns gelingt, Bewusstsein für unsere Themen zu wecken.

Das Gespräch führte Lisa Becker.

Quelle: F.A.Z.
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