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Geschlechterrollen in der Schule : Faul, fahrig, Junge

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

Mädchen seien in der Schule motivierter, heißt es. Doch woran liegt das? Frauen haben an den Schulen das Sagen. Viel spricht dafür, dass Jungen auch deswegen schlechter abschneiden.

          Scheißkerle fertigmachen“ heißt ein neues Büchlein, das laut Klappentext ein „Entwöhnprogramm für Scheißkerl-Geplagte“ beinhaltet. Im Buch bekommt die Leserin zum Beispiel Party-Tipps wie diesen: „Kleben Sie das Foto des Scheißkerls in die Mitte einer Dartscheibe. Wer die Augen trifft, bekommt die doppelte Punktzahl.“ Oder solche Alltagstipps: „Schreiben Sie den Namen des Scheißkerls auf so viele Klopapierblätter, wie Sie mögen. Rollen sie die Klopapierrolle anschließend wieder auf und hängen Sie sie ins Bad, wo sie ihrer natürlichen Verwendung zugeführt wird. Hehe!“ Kann man sich umgekehrt ein Buch vorstellen mit dem Titel „Scheißweiber fertigmachen“? Bei Gleichstellungsbeauftragten würden sofort alle Alarmglocken schrillen. Aber die Jungs sind erfahrungsgemäß geduldig im Nehmen.

          Auch im Klassenzimmer. Vom Kindergarten bis zum Abitur sind sie in den pädagogischen Einrichtungen meist in Frauenhand. Als Junge in der Krippe oder im Kindergarten einen männlichen Erzieher zu erwischen, der nicht vor allem Wert auf gemeinsames Singen und Erzählen im Stuhlkreis oder eine penibel angefertigte Bastelarbeit legt, sondern auch Fußballspielen, Holzhobeln und Schlammschlachten im Beschäftigungsangebot hat, grenzt fast an einen Lottogewinn. Einen Erzieher, der also „jungenhaft“-robuste Verhaltensweisen samt Raufen nicht reglementiert, sondern fördert.

          Dieser Exot, der Mann in der Kita, könnte künftig noch seltener werden. Denn mit der fortschreitenden Akademisierung im Bereich Frühpädagogik verstärke sich die weibliche Dominanz in den Kitas, hat das Institut für Hochschulforschung an der Universität Halle-Wittenberg beobachtet: Schrieben sich an den beruflichen Schulen, die auf den Erzieherberuf vorbereiteten, früher immerhin noch 15 Prozent männliche Auszubildende ein, so waren es zuletzt an den Hochschulen mit acht Prozent gerade halb so viele. Die Universitäten bemühten sich im Pädagogikbereich zu wenig um Männer, man habe dort „das Genderthema noch gar nicht auf dem Schirm“ und sei „sehr frauendominiert“, sagt Johannes Keil, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Halle-Wittenberg.

          172.000 weibliche Lehrkräfte, 26.000 männliche

          Auch in den Schulen sind Jungs heute mehr denn je von Frauen abhängig. Das zeigte der Bildungsbericht 2012. Vor allem an den Grundschulen fällt das weibliche Übergewicht ins Auge: 172.000 weiblichen Lehrkräften stehen dort nur 26.000 männliche gegenüber. 2002 war das Geschlechterverhältnis noch etwas günstiger ausgefallen: 161.000 Frauen versus 27.000 Männer. Die Pädagogen rühren die Werbetrommel. Bernd Thomas, Grundschuldidaktiker an der Universität Hildesheim, versucht, auch männliche Kandidaten auf den Geschmack zu bringen: „Als Mann sind Sie in der Grundschule der Star, die Ausnahme, der Exot. Wenn man kein Monster ist, wird man von Grundschulkindern ohne weiteres vorbehaltlos geliebt“, sagt er.

          Sein Institut hat es sich seit einigen Jahren zur Aufgabe gemacht, mehr Männer ins Grundschullehramt zu locken. Allerdings fällt es nicht jedem Mann leicht, in einem derart weiblich dominierten Kollegium zu arbeiten. Das Männernetzwerk Manndat e.V. behauptet sogar, mehr Männer in pädagogischen Einrichtungen seien „politisch nicht wirklich erwünscht“. Eine Motivation zur Jungenförderung sei in den Schulen gar nicht vorhanden, viele zeigten sich in dieser Frage ignorant. Diversity Management in Kitas und Schulen sei nicht gewollt, ,männlich’ assoziierte Verhaltensweisen würden abgelehnt.

          Sind Jungs dümmer als Mädchen?

          Während früher allerdings spätestens nach der Grundschulzeit Schluss mit der weiblichen Pädagogikdominanz war, so sieht das heute anders aus. Erstmals unterrichten auch an Gymnasien mehr Frauen als Männer. Gab es dort vor zehn Jahren noch 79.000 männliche und 76.000 weibliche Lehrkräfte, so stehen jetzt 80.000 Lehrern 100.000 Lehrerinnen gegenüber. Nur an den Berufsschulen sind Männer heute noch in der Überzahl, aber mit sinkender Tendenz. Insgesamt unterrichteten an Deutschlands Schulen im Jahr 2010 mit gut 500.000 weiblichen Lehrkräften doppelt so viele wie männliche. Vor allem im Osten der Republik sind Schulen eine Frauendomäne. Den Spitzenwert mit 79 Prozent verzeichnet Mecklenburg-Vorpommern, gefolgt von Sachsen-Anhalt (78), Brandenburg (77) sowie Sachsen und Thüringen (je 75). Den niedrigsten Anteil an weiblichen Lehrkräften bundesweit hat das Saarland mit 59 Prozent.

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