09.10.2009 · Computer, Fahrräder, Bahncards: Manche Hochschulen beschenken ihre Erstsemester. Nicht Großzügigkeit steckt dahinter, sondern der harte Kampf um Studienanfänger.
Von Nadine BösKamp-Lintfort am Niederrhein ist eine alte Bergarbeiterstadt. Kurzzeitig bekannt wurde sie allenfalls im Jahr 2006 durch die Insolvenz des Handyherstellers BenQ, die zur Schließung des Kamp-Lintforter Werks führte. Neben der alten Zeche Friedrich-Heinrich, in der bis 2012 tatsächlich noch Kohle gefördert wird, prägen Gewerbegebiete das Stadtbild. Drei plattenbauartige Hochhäuser, im Volksmund die „drei weißen Riesen“ genannt, verschandelten lange die Kulisse. Immerhin: Die Hochhäuser werden abgerissen, 2010 soll der letzte „Riese“ verschwunden sein. Als Studienort macht aber auch diese Kosmetik die Stadt nicht gerade zur ersten Wahl.
Das dachten sich wohl auch die Gründer der neuen Fachhochschule Rhein-Waal, die zur Hälfte in Kamp-Lintfort und zur anderen Hälfte im abgelegenen Kleve residiert. In diesem Wintersemester öffnet sie ihre Pforten. Wer entscheidet sich schon für eine unbekannte Hochschule in der Mitte von Nirgendwo? Die Verantwortlichen gingen das Problem mit einer Marketingstrategie an: Sie boten den Erstsemestern Sachprämien an und versuchten, damit möglichst oft in die Schlagzeilen zu kommen. Der Text in der „Bild“-Zeitung etwa klang wie bestellt: „1. Hochschule lockt Studis mit Geschenken“, hieß es darin. Ein Fahrrad, einen Laptop und ein iPhone verspreche die FH ihren Erstsemestern. Über dem Artikel prangt ein Foto von einer hübschen Blondine, mit Handy am Ohr und Notebook auf den Knien.
Ganz einhalten konnte die Hochschule ihr Versprechen am Ende jedoch nicht. „Wegen der Wirtschaftskrise haben wir nicht so viele Sponsorengelder einwerben können wie geplant“, gibt Vizepräsident Martin Goch zu. Nun bekommen die Studenten keine iPhones, beim Fahrrad und Laptop bleibt es. Wirklich geschenkt sind diese Sachen auch nicht: Weiterverkaufen ist verboten; wer sich exmatrikuliert, muss seine Prämie zurückgeben. Je Student gibt die Fachhochschule für die Lockangebote mehr als 650 Euro aus; das Geld stammt von Sponsoren.
Buhlen um Erstsemester
Rhein-Waal ist nicht die einzige deutsche Hochschule, die auf diese Weise um Erstsemester buhlt: Zuletzt machte die Universität Paderborn Furore, indem sie Netbook-Computer im Wert von einer Million Euro an ihre Studienanfänger verteilte, um ihnen Zugang zu einer neuen elektronischen Universitätsplattform zu ermöglichen. Auch hier zahlen Sponsoren aus der Wirtschaft. „Studiengebühren dafür herzunehmen ist absolut tabu“, versichert Universitätspräsident Nikolaus Risch.
Mit einem etwas anderen Angebot lockt die Universität Potsdam. Hier erhalten Erstsemester, die neu in die Region ziehen, eine Bahncard 50. Normalerweise kostet die Karte je Student 115 Euro, was sich für die Uni auf gut 75 000 Euro je Semester läppern würde. Die Bahn schießt zwar etwas Geld zu, über die Summe haben Bahn und Hochschule aber Stillschweigen vereinbart. Die Uni Potsdam verrät nur so viel: Mehrere zehntausend Euro Staatsgeld aus dem Hochschulpakt werden je Semester dafür ausgegeben.
„Dass Unis ihren Erstsemestern hochwertige Geschenke machen, liegt im Trend“, sagt Markus Langer aus dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Das sei eine Auswirkung des zunehmenden Wettbewerbs um Studenten. Das glaubt auch Elisabeth Hoffmann, die Vorsitzende des Bundesverbands für Hochschulkommunikation. „Früher gab es Begrüßungspakete mit Tütensuppen“, sagt sie. „Jetzt wird das Recruitment kreativer.“ Nicht immer geschehe dies freiwillig. „Studierende sind zum Wirtschaftsfaktor geworden.“ Sogar die Städte beteiligten sich an der Entwicklung. Denn für jeden neuen Einwohner fließt Geld in ihre Kassen. Bisweilen versprechen die Städte deshalb ihrerseits Vergünstigungen. Prominentestes Beispiel: Frankfurt an der Oder. Dort können Studenten für ein Semester grundmietfrei wohnen, wenn sie ihren Erstwohnsitz in der Stadt anmelden.
Viel Geld für Marketing
Die Hochschulen stehen unter einem anderen Druck. Beispiel Potsdam: Laut Hochschulpakt müssen die Universitäten in den neuen Bundesländern ihre Studentenzahl bis 2010 auf dem Niveau von 2005 halten. Wegen der großen demographischen Schwierigkeiten kein leichtes Unterfangen, erklärt Janny Armbruster, die das Studentenmarketing verantwortet. Nun wirkt sich aus, dass nach der Wende viele junge Familien gen Westen gezogen sind. Die Abiturienten- und Erstsemesterzahlen schrumpfen. „Wir stecken im Jahr 2009 rund 270.000 Euro in das Marketing“, sagt Armbruster. „Die Bahncard-Aktion ist nicht die einzige Maßnahme.“ Nicht ohne Grund: Die Uni hat für 2009 zwei Millionen Euro aus dem Hochschulpakt erhalten. „Die Mittel werden erfolgsabhängig bezahlt“, erläutert Armbruster. „Verfehlen wir die Ziele, besteht die Gefahr, dass diese Mittel gekürzt werden.“
Vor ähnliche Probleme stellt der Hochschulpakt auch viele Hochschulen im Westen. Trotz sinkender Geburtenraten und schrumpfender Schulabgängerzahlen sollen sie künftig mehr Studienanfänger als bisher gewinnen: 26 307 zusätzliche Erstsemester bis 2010 lautet die Vorgabe zum Beispiel für Nordrhein-Westfalen.
Doch die Erstsemester-Geschenke sieht Kommunikations-Expertin Hoffmann als zweifelhaftes Mittel auf dem Weg zu diesem Ziel. „Man darf seine Studierenden nicht an irgendwelche Sponsoren verkaufen“, warnt sie. Gerade gute Abiturienten ließen sich kaum von Prämien locken. Langfristig gehe es auch nicht darum, sich gegenseitig Erstsemester abzujagen. „Eher müssen wir einen höheren Prozentsatz überhaupt fürs Studium begeistern.“
Unter Studenten umstritten
Umstritten sind die Geschenke auch unter den Studenten. „Natürlich freuen wir uns, dass die Erstis ein Netbook kriegen“, sagt Pierre Schade, der Asta-Vorsitzende in Paderborn. Aber die Paderborner Studenten zahlten auch 500 Euro Studiengebühren im Semester. „Wir hätten uns mehr darüber gefreut, wenn man mit Hilfe der Sponsoren die Gebühren gesenkt hätte“, sagt Schade. Warum die Chancen dafür gering sind, erklärt Elisabeth Hoffmann: „Auf eine Studiengebührensenkung kann keine Firma ihren Namen drucken, auf eine Sachprämie schon.“
Aber kommen nun wirklich mehr Studenten an die Prämien verteilenden Hochschulen? Der Paderborner Universitätspräsident Risch sagt, die Computer-Aktion könne allenfalls das Tüpfelchen auf dem i sein, falls Schulabgänger Paderborn als Studienort ohnehin auf der Liste hätten. Ihm sei sowieso die Bindung der Studenten wichtiger als das Recruitment. In Potsdam dagegen ist die Marketingabteilung schon fleißig am Auswerten: Vor der Bahncard-Aktion kamen 8,5 Prozent der Erstsemester aus dem Westen, zitiert Janny Armbruster die Statistik. „Ein Jahr später, als die Aktion schon lief, waren es 11,9 Prozent. Immerhin.“