01.07.2010 · Gut ausgebildete Nachwuchs-Spezialisten für Geriatrie fehlen in Deutschland schon heute. Und die Bevölkerung altert weiter. Warum bilden Deutschlands Unis kaum Altersmediziner aus?
Von Uta JungmannAuf eine Zeitreise hat sich Christian Heim an der Universität Erlangen-Nürnberg begeben: Dort werden Medizinstudenten in einem „Instant Aging“-Kurs in ihre späten Jahre versetzt. Schienen versteifen ihnen etwa die Gelenke an den Fingern. „Damit ist das Halbieren einer Tablette fast unmöglich“, berichtet der 25 Jahre alte Student. „Doch wie oft verordnen Ärzte den alten Leuten halbe Tabletten zur Einnahme?“
Längst nicht alle angehenden Ärzte werden so früh wie Christian Heim auf solche Probleme aufmerksam gemacht. Nur an sieben der sechsunddreißig medizinischen Fakultäten in der Bundesrepublik verzeichnet das Weißbuch Geriatrie Lehrstühle für die Medizin des Alterns, obwohl sie als Querschnittsfach im Lehrplan seit 2004 verankert ist. „Oft halten fachfremde Dozenten die Vorlesungen“, klagt Cornel Sieber, der Chefarzt der Geriatrie an der Uniklinik Nürnberg. „Doch man sollte spezielle Kenntnisse haben, um die komplexen Zusammenhänge bei älteren Patienten zu vermitteln: Ein Geriater muss ganzheitlich handeln und weniger auf ein Organ zentriert.“ Der Mangel an Lehrstühlen wirke sich auch auf die Forschung aus: Es fehle etwa an Studien, die Arzneimittel auf ihre Wirkung bei älteren Menschen testeten.
In anderen Ländern gibt es mehr Lehrstühle
Im europäischen Ausland, legt Sieber nach, habe die Geriatrie eine deutliche Aufwertung erfahren. Vielerorts gebe es mehr Lehrstühle als in Deutschland; in Italien seien es rund dreißig. Mit Blick auf den steigenden Bedarf einer alternden Gesellschaft will der Hochschullehrer die Studenten zudem möglichst früh für das Ziel der Altersmedizin gewinnen, ein selbständiges Leben möglichst lange zu erhalten oder wiederherzustellen. „Wie bereichernd ärztliches Handeln bei betagten Menschen ist, merken junge Menschen nur, wenn sie dies in der Klinik erleben und es dafür auch genug geriatrische Lehrkrankenhäuser gibt.“
Gefragt sind gut ausgebildete Geriater schon heute. „Ich erhalte regelmäßig Anrufe, ob ich nicht einen Chefarzt für eine geriatrische Klinik wüsste“, berichtet Sieber. „Es fehlt schon jetzt an Nachwuchs.“ Doch die Mittel für den Ausbau der Ausbildung sind knapp und die Hürden hoch. „Anders als etwa in England gibt es in Deutschland keinen eigenständigen ,Facharzt für Geriatrie', also für alte Menschen“, kritisiert Dirk van den Heuvel, der Geschäftsführer des Bundesverbandes Geriatrie. „Wir fordern daher zumindest die flächendeckende Einführung eines fachärztlichen Schwerpunktes Geriatrie, vergleichbar mit der spezialisierten Wahrnehmung der Kinderärzte in der Inneren Medizin.“
Das Bewusstsein für den Einzelfall schärfen
Christian Heim weiß schon, wie die Vorbereitung darauf aussehen könnte: In Vorlesungen hat er sich mit dem Phänomen der „Multimorbidität“ beschäftigt, der Gleichzeitigkeit mehrerer Erkrankungen, das die Geriatrie kennzeichnet. „Hinzu kommen soziale und psychische Belange der Patienten“, berichtet Heim von seinen Erfahrungen am Krankenbett. Ihn habe berührt, wie zufrieden die Patienten häufig nach ihrer Akutversorgung und den anschließenden Reha-Maßnahmen in der geriatrischen Klinik seien. „Sie sind dankbar dafür, dass sie nach einem Knochenbruch wieder alleine die Treppe hochgehen und zu Hause leben können“, sagt er.
In seinem Praktischen Jahr arbeitet der Franke nun für vier Monate ebenfalls in der Geriatrie. „Sie bietet einen breiten Überblick in der Inneren Medizin“, liefert Heim noch einen Grund für seine Wahl. „Und man erfährt viel über unerwünschte Wechselwirkungen von Medikamenten.“ Dass der Fünfundsechzigjährige mit Demenz anders behandelt werden muss als die Fünfundachtzigjährige, die zu Hause am PC Bilder bearbeitet - auch dieses Bewusstsein für den Einzelfall sei schärfer geworden. Obwohl Heim sich später auf die Herzchirurgie spezialisieren möchte, schätzt er dieses Wissen. Sein Fazit aus der Nürnberger Geriatrie klingt wie ein Ratschlag an ein Land, das älter wird: „Man muss alte Leute mögen“, sagt Heim. „Das hilft.“
Wahrnehmungsstörung?
Andreas Raab (winzling)
- 01.07.2010, 12:29 Uhr