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Gender-Deutsch an Unis : Professx trifft Student*innen

  • -Aktualisiert am

Eine Sprachform für jedes Geschlecht - ist das Quatsch? Bild: Reuters

Politisch korrekt oder unsäglich? Sogenanntes Gender-Deutsch treibt Befürworter und Gegner auf die Barrikaden. Der Ton an den Unis wird rauher.

          Nicht nur in der Wirtschaft, auch an deutschen Hochschulen gibt es mittlerweile regelmäßige Mitarbeitergespräche. Wenn es nach der Gleichstellungsbeauftragten der Universität zu Köln geht, sollten diese aber anders genannt werden. In einem Grundsatzpapier mit dem Titel „ÜberzeuGENDERe Sprache“, das auf ihrer Homepage steht, schlägt die Sozialpädagogin Annelene Gäckle folgende Alternativen vor: „Mitarbeitendengespräche, MitarbeiterInnengespräche, Mitarbeiter/innengespräche, Mitarbeiter_innengespräche, Mitarbeiter*innengespräche“. Der Unterstrich, der sogenannte Gender-Gap, soll signalisieren, dass das Wort alle Menschen meint, also auch Personen, die sich nicht eindeutig dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zuordnen. Das Sternchen in „Mitarbeiter*innengespräche“ steht ebenfalls für alle Geschlechter, es sei „eine weitere sprachliche Repräsentationsform jenseits des binären Systems“, wie es akademisch-kompliziert in dem Papier heißt.

          Der Kölner Leitfaden umfasst Erklärungen auf 32 Seiten. Nach dem Willen der Gleichstellungsbeauftragten Gäckle soll Gender-Deutsch überall an der Uni verwendet werden, um Diskriminierung entgegenzuwirken. An der Ludwig-Maximilians-Universität München gibt es einen ähnlichen Leitfaden - mit nur vier Seiten, verfasst von der Frauenbeauftragten Margit Weber in Abstimmung mit der Uni-Leitung. Im Unterschied zu Annelene Gäckle in Köln verwendet die Theologin Weber „für den Plural meistens die Formulierung Studentinnen und Studenten“, wie sie am Telefon erklärt. Die Begriffe Student_innen, Student*innen und StudentInnen finde sie „aus sprachästhetischer Sicht nicht so gelungen“.

          In diesem Punkt wird Margit Weber Kritikern von Gender-Deutsch aus dem Herzen sprechen. Von denen gibt es jede Menge. Jenovan Krishnan zum Beispiel ist Bundesvorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS), und der 25 Jahre alte Student der Politikwissenschaft aus Frankfurt sagt: „Die Mehrheit der Studenten wünscht sich die gegenderte Sprache nicht.“ Er beklagt, dass Hochschulen überall in Deutschland „den Weg des geringsten Widerstands gehen, indem sie der Forderung einer kleinen Gruppe nachgeben und die gegenderte Sprache für Haus- und Abschlussarbeiten verpflichtend einführen“. Krishnan und seine Mitstreiter empfinden das Gender-Deutsch als kompliziert und weltfremd. Mit mehr Stipendienprogrammen und familienfreundlicheren Hochschulen ließe sich für die Gleichberechtigung von Frauen mehr erreichen.

          „Noch nie eine Frau kennengelernt, die sich sprachlich diskriminiert fühlte“

          Professor Ulrich Kutschera aus Kassel formuliert seine Kritik am Gender-Deutsch drastischer. Die „Geschlechter-Ideologie“, wie er sie nennt, sei nicht akzeptabel. In seiner fast vierzigjährigen Laufbahn als Biologe an Hochschulen in Deutschland und den Vereinigten Staaten habe er „noch nie, weder beruflich noch privat, eine Frau kennengelernt, die sich sprachlich diskriminiert gefühlt hätte“. Allerdings schätzt der 61 Jahre alte Wissenschaftler durchaus die Formulierung „Studenten (m/w)“ - da „glücklicherweise der Anteil weiblicher Bildungsbürger in den letzten Jahren auf zirka 50 Prozent angestiegen ist - eine begrüßenswerte Konsequenz der Gleichberechtigung in Deutschland“.

          Studenten (m/w), weibliche Bildungsbürger - es wird immer komplizierter. Ein Blick in mehrere Vorlesungsverzeichnisse und auf die Homepages von Hochschulen zeigt aber, dass die meisten, die dort schreiben, einen pragmatischen Weg wählen. Hier ist zum Beispiel auch von Studentinnen die Rede, nicht mehr durchweg von Studenten, wie es vor 20 Jahren noch gang und gäbe war. Die Freie Universität Berlin benutzt auf ihrer Homepage zumeist die männliche Pluralform für beide Geschlechter, benennt also „die Wissenschaftler“ oder „die Gewinner“ eines Video-Wettbewerbs.

          Schlafende, Essende, Blumengießende

          Auf der Seite der Uni Leipzig ist hingegen häufig von „den Studierenden“ und „den Lehrenden“ die Rede. Dabei drückt diese Form, also das substantivierte Partizip, eigentlich aus, dass jemand gerade jetzt eine bestimmte Tätigkeit ausübt. Dabei haben Studierende und Lehrende auch Freizeit, in der sie zum Beispiel Schlafende, Essende oder Blumengießende sind. Aber solche sprachlichen Feinheiten gehen oft unter in der emotional aufgeladenen Debatte über richtige und falsche, angemessene und diskriminierende Sprache.

          Der Gender-Gap und das Sternchen im Wort sind auf den Internet-Seiten vergleichsweise selten zu finden. Auch „Professx“ (gesprochen: Professix) oder „Studentx“ haben sich bislang nicht durchgesetzt. Die x-Endung meint ebenfalls alle Geschlechter. In die Diskussion eingebracht hatte sie vor zwei Jahren Lann Hornscheidt, Professor für Gender Studies und Sprachanalyse an der Humboldt-Universität Berlin. Hornscheidt, Jahrgang 1965, wurde für den Vorschlag ausgiebig angefeindet - vor allem von Menschen, die Gender-Deutsch für eine Kopfgeburt halten.

          Anfeindungen gibt es jedoch auch von der anderen Seite. Der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera aus Kassel kennt sie, und sie stimmen ihn offenbar noch zorniger. Es gebe nur zwei Geschlechter, lässt der Professor wissen. Allerdings: „Selbsternannte Gut-Frauen, die mit ihrer Femininität psychologische Probleme haben, bemühen sich, der Menschheit ihre Gendersprech-Heilslehre zu verabreichen - und das führt zu heftigen Konflikten.“ Kutschera sieht Biologen in der Pflicht, „die Gender-Ideologie mit Sachargumenten in die Schranken zu weisen“. Sein „polemisch-direkter Stil“, sagt er, habe mit Aggression wenig zu tun. „Es handelt sich um eine Verteidigungsstrategie von Seiten der kausalanalytisch ausgerichteten Naturforschung gegen esoterische Einmischung.“

          Die „sozialkundliche Gegenseite“, erklärt der Professor, reagiere hingegen aggressiv, „da es um staatliche Gelder geht“. Bislang habe noch keine „Geschlechter-Ideologin“ ein Sachargument aus seinem gerade erschienenen Buch (Das Gender-Paradoxon) „aufgegriffen, diskutiert und widerlegt“.

          „Alle Menschen sollten respektiert werden“

          Womöglich hat die Gegenseite inklusive ihrer männlichen Mitstreiter Wichtigeres zu tun. Der 24 Jahre alte Gregor Heisterkamp jedenfalls hat die Würde des Menschen im Blick. Der Student der Politikwissenschaft ist Vorsitzender des sogenannten Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) der Goethe-Universität in Frankfurt. „Alle Menschen sollten respektiert werden“, sagt Heisterkamp. „Daher sollte man sie so ansprechen, wie sie es wollen.“ Und weil viele Frauen sich diskriminiert fühlten, wenn sie im Plural als Studenten angesprochen werden, findet er „Studierende“ oder „StudentInnen“ besser - vor allem in der Schriftsprache.

          Der Asta formuliere alle seine Papiere und Einträge auf seiner Homepage gender-gerecht, berichtet er. Und der Asta setze sich auch dafür ein, dass diese Formen überall an der Uni verwendet werden. Was das Mündliche betrifft, ist Heisterkamp gelassen: „Eine hundertprozentig gender-gerechte gesprochene Sprache - das kann kaum jemand durchhalten. Das wäre ein fast totalitärer Anspruch.“

          Jenovan Krishnan vom RCDS berichtet von Seminaren, in denen gender-gerechte Rednerlisten geführt werden. Nach einem Mann müsse dann unbedingt eine Frau sprechen. RCDS-Mitglieder in mehreren Städten hätten erlebt, dass für vermeintlich nicht gender-gerechte Sprache in einer Hausarbeit Punkte abgezogen würden. „Linke, Antifa-Mitglieder und Jusos versuchen zum Teil aggressiv, ihre Forderungen nach politischer Korrektheit an den Hochschulen durchzusetzen“, sagt er und beklagt: „An Diskussionskultur haben die meisten von ihnen kein Interesse.“

          Neue Schilder, Briefbögen, Internetseiten - das kostet viel Geld

          Wie viele andere Kritiker von Gender-Deutsch moniert Krishnan auch die Kosten, die für dessen Einführung anfallen. Schilder, Briefbögen, Internet-Seiten und vieles mehr müssen geändert werden. In Berlin wird es nach Angaben eines Sprechers des Studentenwerkes rund 500.000 Euro kosten, dieses in Studierendenwerk Berlin umzutaufen. Die Umbenennung in Studierendenwerk Thüringen schlägt laut seiner Sprecherin mit rund 100.000 Euro zu Buche. Viele Mitarbeiter seien von dem neuen Namen nicht begeistert, erzählt sie: „Studentenwerk“ sei auch in den neuen Bundesländern mittlerweile ein eingeführter Begriff, eine Marke. Der Mitarbeiter eines weiteren deutschen Studierendenwerks murrt: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass dieser Name wieder in Studentenwerk geändert wird, wenn in unserem Bundesland eine bürgerliche Regierung übernimmt.“

          Die Münchner Frauenbeauftragte Margit Weber setzt jedoch darauf, dass sich die Menschen an die neuen Begriffe gewöhnen, wie sie auch die Rechtschreibreform akzeptiert hätten. Sie bekomme gelegentlich Anfragen von Menschen, die skeptisch seien. „Wenn ich ihnen erkläre, warum ich den Leitfaden gender-gerechte Sprache verfasst habe, stoße ich in der Regel auf Verständnis“, sagt sie. Oft würden diese Menschen sogar ein Bewusstsein für gender-gerechte Sprache entwickeln. Mitarbeiter von Behörden, anderen Hochschulen und Institutionen würden sich jedenfalls erkundigen, ob sie Ratschläge aus dem Leitfaden übernehmen dürften, berichtet Margit Weber. Das Gender-Deutsch ist nämlich längst auch an wissenschaftlichen Einrichtungen und in der Politik zu finden. So wenden sich auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka und ihre Mitarbeiter regelmäßig an „Studierende“. Als kürzlich die Linken im Rathaus von Flensburg in einem satirisch gemeinten Antrag die gender-gerechte Bezeichnung von „StaubsaugerInnen“, „Briefkopf/-köpfin“ und anderen Arbeitsmitteln forderten, nahmen das viele Menschen so ernst, dass ein Orkan der Entrüstung über die Politiker hinwegfegte.

          Jenovan Krishnan vom RCDS erzählt, dass das Gender-Deutsch auch Ausländern Schwierigkeiten bereite. Statt nur Student und Studentin müssten sie inzwischen noch die vielen anderen neuen Formen lernen - oder sie wenigstens verstehen, wenn sie in einem Text auftauchen. Dem widerspricht jedoch Elke Rößler, die das Sprachenzentrum der Humboldt-Universität Berlin leitet. „Für die meisten ausländischen Studierenden stellt das gender-gerechte Deutsch kein Problem dar“, sagt sie. Einige seien allerdings „irritiert“ - so zum Beispiel Menschen mit der Muttersprache Italienisch oder Spanisch. In beiden Sprachen wird die männliche Form verwendet, sobald mindestens ein Mann zur Gruppe gehört.

          Liebe Leser_innen

           Natürlich auch: Liebe Leser*innen oder Liebe Lesende - je nach Standpunkt in der aufgeladenen Debatte um eine politisch korrekte Sprache an den Hochschulen: Schreiben Sie uns, ob der gute alte Student und die gute alte Studentin zu Recht durch neue, sensiblere Sprachschöpfungen ersetzt werden sollten. Und wenn ja durch welche und warum? Oder ob all die Varianten mit Gender-Gap, Sternchen oder anderem eine einzige Zumutung sind. Meinungsfreudige Beiträge erhoffen wir unter der Mail-Adresse Campus@FAZ.de oder in der Leserkommentarspalte unter diesem Text.

          Quelle: F.A.Z.

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