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Geld für die Lehre Einfach mal den Hörsaal verkaufen

28.03.2010 ·  An der Humboldt-Uni in Berlin versteigern Studenten das Mobiliar. Die Preise liegen zwischen 250 und 4000 Euro für einen Hörsaal-Sitz. Mit dem Ertrag soll die Lehre besser gemacht werden.

Von Anna Loll
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Sommer 2008. Beim Feierabendbier kann es zwischen Studenten ganz schnell gehen. „Da kommen einem so komische Ideen. Und dann heißt es: mach mal“, berichtet Eva Heberer. „Und dann hat man es plötzlich an der Backe.“

„Es“ sind 296 Stühle des größten Hörsaals der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität (HU), mehr als 1000 Alumni, 100 Unternehmen, die Univerwaltung, scheinbar endloses Briefekleben und ein Auftritt auf dem Fakultätsball. „Man“ sind Eva Heberer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Finanzwissenschaft, und Christian Berger, BWL-Student und Vorsitzender des Vereins Studentenrat. Sie haben das Projekt „Platzstiften“ gegründet. Damit wollen sie die neuen Stühle des Hörsaals 201 an Sponsoren „verkaufen“, also Unternehmen und Privatpersonen für die Sitze spenden lassen. Die Preise liegen zwischen 250 und 4000 Euro, als Gegenleistung bekommen die Mäzene für bis zu zehn Jahre Plaketten mit ihrem Namen an den Stuhllehnen.

Verkaufen statt besetzen

Private Mittel für Hochschulprojekte einzuwerben, das ist keine neue Idee. Doch dieses Projekt ist ungewöhnlich. „Andere besetzen den Hörsaal, wir verkaufen ihn“, flachst Heberer. Das Ziel - bessere Studienbedingungen - teilen Besetzer und Verkäufer. Sonst haben sie nicht viel gemeinsam. Christian Berger etwa hat zusätzlich zum Einwerben von Sponsorengeldern alle alten Gegenstände aus den Hörsälen 201 und 202 auf Ebay verkauft. Selbst die 30 Jahre alten grünen Vorhänge gingen für 10 Euro weg. So manche Stuhlreihe mag sich bald in einer Kneipe oder im alternativen Kino wiederfinden. 7500 Euro ließen sich mit dem Material verdienen, das die Universität sonst wahrscheinlich weggeworfen hätte.

Den Wirtschaftswissenschaftlern geht es mit ihrem Engagement nicht um die rund 10 Millionen Euro teure Renovierung der Hörsäle. Die Studenten wollen mit den Einnahmen stattdessen die Lehre verbessern. „Die Lehre geht häufig unter. Es geht fast immer nur um Forschung“, erklärt Christian Berger. Eva Heberer nickt. Als Student oder wissenschaftliche Mitarbeiterin erfahre man dies an der Universität alltäglich. Heberers Thema im vergangenen Semester war Marktversagen. 90 Studenten saßen im Hörsaal, im Sommersemester könnten es 180 sein. Ein Lehrstuhl der Fakultät wird gestrichen, entsprechend weniger Veranstaltungen gibt es. „An diesem Zustand wollen wir etwas ändern“, sagt Christian Berger.

Ein Lehrstuhl finanziert mit Stühlen?

Startdatum für das Projekt „Platzstiften“ war der Fakultätsball im vergangenen Oktober; im Sommer davor gab die Universitätsleitung grünes Licht. „Wir freuen uns sehr über die Initiative der Studenten“, sagt Oliver Günther, der Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Als der Ball näher rückt, schicken Heberer und Berger Briefe an Unternehmen und Alumni. „Ich habe 1200 Briefe auf der falschen Seite gestempelt. Es musste alles überklebt und neu markiert werden“, erinnert sich Eva Heberer zerknirscht. Christian Berger grinst. „Darüber machen sich die anderen immer noch lustig“, flachst er. „Kurven berechnen kann sie, aber keinen Stempel richtig setzen ...“

Den ersten Stuhl ersteigert auf dem „Ball der Wirtschaftswissenschaften“ dann die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers, für 2100 Euro. „Die HU ist für uns eine Topadresse, wenn es um die Rekrutierung neuer Mitarbeiter geht“, sagt Marius Möller, der Personalvorstand von PWC, dazu. Die Idee, mit dem Geld die Lehre aufzubessern, habe ihn sofort begeistert. „Die Ausbildung von jungen Menschen ist niemals eine Aufgabe, die der Staat allein bewältigen kann. Auch Unternehmen haben dazu ihren Beitrag zu leisten.“

Für 10 Prozent der fast 300 Stühle haben Berger und Heberer inzwischen Spender gefunden, 20.000 Euro kamen so zusammen. Bis zum Jahresende wollen sie zwei Drittel der Plätze verkauft und 200.000 Euro eingenommen haben. „Es wäre traumhaft, wenn wir einen Lehrstuhl finanzieren könnten“, sagt Eva Herberer.

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