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Mittwoch, 08. Februar 2012
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Gekaufte Abschlussarbeiten Alles eine Frage des Preises

08.10.2009 ·  Absolventen und Studierende von Oxford und Cambridge arbeiten unter dem Firmennamen „Oxbridge Essays“ als Auftragsschreiber. Wir haben zum Beispiel versuchsweise eine komplette Doktorarbeit auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz bestellt. Mit erstaunlichen Ergebnissen.

Von Jürgen Kaube
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Haben Sie schon einmal etwas von der „Oxbridge Research Group“ (ORG) gehört? Die meisten Wissenschaftler zögern, so gefragt, schütteln dann aber den Kopf. In welcher Disziplin soll diese Gruppe denn forschen? In keiner bestimmten. Oder genauer: in der Disziplin, die Sie wünschen. Und das soll Forschung sein? Die meisten Wissenschaftler waren auch noch nie auf der Internetseite dieser Firma, denn um eine solche handelt es sich, und sie sind auch nicht gewohnt, von Forschungsgruppen allein über das Internet zu erfahren. Doch zur ORG kann man Kontakt nicht auf Tagungen oder an Universitäten aufnehmen. Mehr als zweitausend Akademiker der Universitäten Oxford und Cambridge will sie unter Vertrag haben. Aber in ihr Hauptquartier, 91 Charlotte Street in London, ganz in der Nähe von Pollocks Spielwarenmuseum, würden die nicht passen.

Die „Oxbridge Research Group“ ist nämlich ein Unternehmen, das gegen Bezahlung Texte liefert und dazu ein offenbar recht umfangreiches Netzwerk an akademischen Heimarbeitern unterhält. „Unsere Dienstleistungen umfassen ...“, heißt es auf ihrer Website unter „Oxbridge Editing“ - und dann kommen unter dem Titel „Academics“: Doktorarbeiten, Master- und Undergraduate-Abschlussarbeiten, Essays, Examensantworten. Ganz offenherzig teilt die Firma mit, für das Abfassen von Arbeiten im Grundstudium würden vor allem „undergraduates“ und Master-Studierende der beiden Universitäten beschäftigt. Wer hingegen „Material für Publikationen“ und redaktionelle Hilfe beim wissenschaftlichen Publizieren benötige, der dürfe auf Promovierte und Lehrpersonal aus Oxbridge rechnen. Wer eine Dissertation bei ORG einreiche, dem helfe man in Stil- und Inhaltsfragen. Ein

„Paraphrasier-Service“ wird auch angeboten, der das Gesagte in eine andere Rhetorik übersetze, wenn etwa eine einfachere oder auch kompliziertere, analytischere, wissenschaftlichere, phantasievollere oder akademischere Ausdrucksweise gewünscht werde.

Die Website vermeidet das Angebot, wissenschaftliche Publikationen vollständig zu liefern. Aber die Stärke des Arguments, die Struktur der Arbeit, die Qualität der Quellen wie des Inhalts und der Fußnoten sowie den Sprachstil zu verbessern bietet sie an. Auch Benotungsservice existiert, der eingereichte Texte jedweder akademischen Stufe bewertet und Verbesserungen vorschlägt.

Ein Subunternehmen bietet „100 Prozent plagiatfreie“ Abschlussarbeiten

Geht man allerdings zum Subunternehmen „Oxbridge Essays“ über, wird auch der Einkauf ganzer und „100 Prozent plagiatfreier“ Abschlussarbeiten nur noch eine Frage des Preises. Welches Preises? Praktischerweise hat die Website einen eigenen Kalkulator dafür. Wir haben versuchsweise einmal eingegeben, eine komplette Doktorarbeit, die zwar nicht publizierbar sein müsste, aber doch die Prüfung „passieren“ sollte, im Umfang von 50 000 Worten auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz innerhalb eines guten Monats zu benötigen: 7500 Pfund. Will man dasselbe und innerhalb von vier Tagen haben und soll das Werk publikationsfähig sein, so sind knapp 17.000 Pfund fällig. Der Austausch von Fächern spielt nach unseren Tests übrigens keine Rolle: Mathematik ist genauso teuer wie Philosophie oder eine Arbeit auf dem Gebiet der Schönheitstherapie. Nur bei „Betriebswirtschaftslehre“ gibt es einen Aufschlag von anderthalbtausend Pfund. Und eine erstklassige Arbeit im Bankrecht in vier Tagen kommt dann schon auf mehr als 30 000 Pfund (Strafrecht: 19.145 Pfund, Strafrecht mit ausreichender Note: 8065 Pfund, Bankrecht mit ausreichender Note interessanterweise: 7440 Pfund). Der Oxbridge-Rechner ist also ein hübsches Instrument zur Marktwerteinschätzung jeglicher Disziplin. Sehr lesenswert ist auch die Beispielsammlung der Website für jedwede Art von Dienstleistung, die sie anbietet.

Es sei bedauerlich, heißt es unter „Häufig gestellte Fragen“, dass manche Studenten bei Inanspruchnahme der Dienstleistungen von ORG das Gefühl hätten, vielleicht etwas Unmoralisches oder Unrechtes zu tun. Und das, obwohl es ja ganz und gar legal sei. Die britischen Universitäten unterstützten die Studenten einfach nicht mehr ausreichend, und hier springe ORG ein. Soziologisch paraphrasiert: Die Universitäten lassen mehr Studenten zu, als es Studierende gibt und als sie sinnvoll betreuen können. Wer wird da widersprechen wollen? Es sind die nüchternsten, geschäftstüchtigsten Formen der Gegenwart, die uns anstelle des Moralisierens nahelegen, den Gründen für Verwahrlosungstendenzen der Universität nachzugehen.

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