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Geisteswissenschaftler Bereit für den Quereinstieg

12.05.2010 ·  Geisteswissenschaftler haben auf dem Arbeitsmarkt einen klaren Startnachteil gegenüber BWL-Absolventen. Damit ihr Wissen nicht zu brotloser Kunst wird, brauchen sie vor allem ein gutes Netzwerk.

Von Sebastian Balzter
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Quietschgelb ist der Sportwagen, außerdem steht er im absoluten Halteverbot vor dem Portal des altehrwürdigen Löwengebäudes der Martin-Luther-Universität in Halle an der Saale. Aber fast noch größere Aufmerksamkeit zieht der schlichte Plakatständer daneben auf sich. „BMW sucht Geisteswissenschaftler“ steht da Weiß auf Blau. Die unvermeidliche Reaktion der meisten lesenden Passanten nimmt der Text darunter gleich vorweg: „Glaubst du nicht? Dann schau heute auf unserer Messe vorbei.“

Stefan Angrick nimmt den Autobauer beim Wort - auch wenn es genaugenommen nicht dessen eigene Messe ist, sondern die des Vereins „Culture Con Action“, den drei Studentinnen aus Halle im vergangenen Jahr gegründet haben. Für den Bachelor-Studiengang Interkulturelle Europa- und Amerikastudien waren sie eingeschrieben, es war nicht mehr weit bis zum Examen, und eine gesunde Portion Realismus ließ sie den bald anstehenden Einstieg in das Berufsleben als eine besondere Herausforderung empfinden. Zum zweiten Mal richtet der Verein in diesem Frühling eine Firmenkontaktmesse speziell für jene Studenten aus, zu deren Fächern die Frage passt, die an diesem Tag eine Podiumsdiskussion unter der Stuckdecke im Löwengebäude erörtern wird: „Geisteswissenschaften - eine brotlose Kunst?“

Rund 130.000 Geisteswissenschaftler in der Privatwirtschaft

Während fast jede ingenieur- oder wirtschaftswissenschaftliche Fakultät inzwischen solche Veranstaltungen organisiert, um Studenten und potentielle Arbeitgeber miteinander ins Gespräch zu bringen, ist das Angebot für angehende Kultur- und Sprachwissenschaftler, Philosophen und Historiker gering. Dabei finden längst nicht alle von ihnen in der Schule oder Forschung, in Museen, Verlagen, Kulturbetrieben und Medien ein Auskommen. Rund 130.000 Geisteswissenschaftler, schätzen Fachleute, sind in der Privatwirtschaft beschäftigt. Weil auch Stefan Angrick diese Perspektive reizt, ist er aus Leipzig angereist, wo er Chinesisch, Volkswirtschaftslehre und Informatik studiert. „Als Geisteswissenschaftler fühle ich mich also nur zur Hälfte“, sagt der Vierundzwanzigjährige. Und vor allem für die andere Hälfte habe sich die Dame am Stand von BMW interessiert, berichtet er etwas ernüchtert nach dem Besuch dort.

Die beworbenen und mit 630 Euro im Monat vergleichsweise gutbezahlten Praktika im Werk Leipzig oder in der Münchener Zentrale sind nicht das, was er sucht. „In dieser Hinsicht habe ich mein Pensum erfüllt“, sagt er trocken. Praktikant war er schon in mehreren Softwareunternehmen und einer Unternehmensberatung in Schanghai. „Jetzt sollte es eher Richtung Festanstellung gehen, am besten im Ausland“, fasst Angrick seine Wünsche zusammen.

Ob sie ausgerechnet im Jahr nach der großen Wirtschaftskrise in Erfüllung gehen? Frank Walzel hat da seine Bedenken. Er selbst hat sein Politik- und Geschichtsstudium vor vier Jahren abgeschlossen und arbeitet nun für die Personalberatung RSVP in Frankfurt, außerdem schreibt er den Blog „Unternehmergeist“. Weil in den Unternehmen das Geld knapp sei, seien bei Einstellungen vor allem formale Kriterien entscheidend - für Exoten unter den Bewerbern, als die Geisteswissenschaftler gerade im Vergleich zu Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern wahrgenommen werden, ist das eher ein Hindernis. „Die Traineeprogramme, der klassische Weg für Quereinsteiger in die Wirtschaft, sind gnadenlos überlaufen“, sagt Walzel. „Und Geisteswissenschaftlern fehlt es am nötigen Markenbewusstsein, sie verkaufen sich nicht gut nach außen - das fängt oft schon an der Uni mit wohlwollenden Prüfern an und ist ein Nachteil gegenüber angeblich harten Fächern.“

Über das Studium hinaus qualifizieren

Diesen Eindruck bestätigt, was Anika Rasner und Carroll Haak von der Deutschen Rentenversicherung herausgefunden haben: Zwölf Monate nach ihrem Examen haben nur 55 Prozent der Geisteswissenschaftler eine feste Stelle gefunden, unter allen anderen Absolventen liegt die Quote bei 80 Prozent. Die Autorinnen kommen zu dem Schluss, dass ein geisteswissenschaftliches Abschlusszeugnis in den Augen der meisten Arbeitgeber kein aussagekräftiges Qualitätsmerkmal ist.

Um ihre Aussichten zu verbessern, lautet die Botschaft, müssen Geisteswissenschaftler sich in besonderem Maß über das Studium hinaus qualifizieren. Doch diesen Befund will Karl-Heinz Minks vom Unternehmen Hochschul-Informations-System (HIS) nicht gelten lassen. Er ist einer der Diskutanten, die in Halle der brotlosen Kunst auf die Spur zu kommen versuchen. „Bemühen Sie sich nicht, möglichst viel vermeintlich Nützliches in ihr Studium hineinzupressen“, warnt er die Zuhörer davor, sich zwanghaft Zusatzkurse aufzuhalsen. „Bestehen Sie stattdessen darauf, dass Sie Geisteswissenschaftler sind!“ Auch der Hochschulforscher kann sich für seine Argumente auf Studien berufen. Das Institut der deutschen Wirtschaft etwa hat untersucht, ob Geisteswissenschaftler Verhandlungen und Vertragsabschlüsse positiv beeinflussen - und Ermutigendes herausgefunden: Aus den befragten Unternehmen, die Geisteswissenschaftler beschäftigen, kam in drei von vier Fällen die Antwort, dass deren interkulturellen und kommunikativen Kompetenzen dem Geschäft nutzen.

„Kommunikation, Rhetorik, Dialektik, das ist unser Pfund“

„Kommunikation, Rhetorik, Dialektik, das ist unser Pfund“, betont auch Frank Walzel. „Damit sollten wir wuchern, wenn es auch manchmal klischeehaft sein mag.“ Außerdem sagt er voraus, dass die Studienreform à la Bologna den Geisteswissenschaftlern auf Dauer nutzen wird - weil sie auf ihr Bachelorstudium ein Masterprogramm aufsatteln können, von dem aus sich leichter ein Bogen zur Wirtschaft schlagen lässt.

Ähnlich zuversichtlich fällt die Prognose von Andreas Eimer aus, der das Career Center der Universität Münster leitet. „Der Akademikerarbeitsmarkt verändert sich“, analysiert er die Situation. Die Unternehmen würden ihre Einstiegswege künftig nicht mehr so stark nach Fächern unterscheiden, sondern zwischen Bachelor- und Master-Absolventen differenzieren. „Das wird den Druck auf Literatur- oder Philosophiestudenten verringern, mit Praktika oder BWL-Seminaren ihre Studienwahl zu reparieren.“

Ohne ein funktionierendes Netzwerk, da sind sich die Fachleute aus Frankfurt und Münster genauso wie die Diskutanten in Halle einig, wird der Berufseinstieg für Geisteswissenschaftler auch in Zukunft schwierig sein. „Vitamin B, das verletzt meinen Stolz“, wirft eine Studentin ein. Um Vetternwirtschaft aber geht es nicht. Eher um Beispiele wie das von Friederike Hecker, einer der Initiatorinnen von „Culture Con Action“. Als sie nach Ausstellern für die Messe suchte - knapp 20 sind es schließlich geworden, von der Filmproduktion bis zur Zeitarbeitsvermittlung -, kam sie auch mit dem Goethe-Institut ins Gespräch. Die Organisation, deren Aufgabe die Förderung der deutschen Sprache und Kultur in aller Welt ist, sagte nicht nur einen eigenen Stand für die Messe zu. Hecker konnte gleich auch noch ein zweieinhalbmonatiges Praktikum für sich selbst in Neu-Delhi aushandeln. Darauf will sie aufbauen - und könnte damit gleich zwei Vorurteile entkräften: Weder Geisteswissenschaften noch ehrenamtliches Engagement müssen brotlos sein.

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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