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Geisteswissenschaften Steile Karriere mit Orchideenfächern

09.10.2006 ·  Schön, aber nutzlos? Von wegen. Geistes- und Sozialwissenschaftler haben mehr als eine Taxifahrer-Karriere in Aussicht. Ethnologen und Philosophen können richtig Karriere machen in der freien Wirtschaft.

Von Philip Eppelsheim
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Schön, aber nutzlos - Geistes- und Sozialwissenschaften werden oft pauschal als Orchideenfächer abgestempelt. Die Absolventen dieser Studiengänge gelten als schwer vermittelbare Schwafler, nicht geeignet für den Berufsalltag: brotlose Kunst ohne Nutzwert und ohne Chance auf dem Arbeitsmarkt.

Doch dieses Klischee ist nicht mehr zutreffend, auch wenn die Chancen, später als Historiker, Soziologe oder Politikwissenschaftler zu arbeiten, gering sind. Die Berufsaussichten für Germanisten, Historiker, Ethnologen und Co. haben sich gebessert und das, obwohl die Studiengänge immer nur unzureichend auf mögliche Jobs vorbereiten.

Unternehmen suchen nach Quereinsteigern

Den Studenten fehlt die Praxis. Doch gerade in fachfremden Branchen sind Geisteswissenschaftler aufgrund ihrer generalistischen Fähigkeiten zunehmend gefragt. Immer mehr Unternehmen suchen nach Quereinsteigern.

"Der Begriff Orchideenfach für die Geistes- und Sozialwissenschaften ist eine Denunzierung. Man darf diese Wissenschaften nicht unter den Generalverdacht der Nutzlosigkeit stellen", sagt Wolfgang Rohe, Referatsleiter Forschung beim Wissenschaftsrat. Die Arbeitslosigkeit sei in diesen Fächern zwar höher als in anderen akademischen Studiengängen, allerdings nur halb so hoch wie bei Nichtakademikern.

73 Prozent finden einen Beruf

Fünf Jahre nach dem Studienabschluß nähert sich der Anteil berufstätiger Geistes- und Sozialwissenschaftler mit 73 Prozent dem Durchschnitt aller akademischer Fächer - 89 Prozent - an. In einer im Januar 2006 veröffentlichten Studie kommt der Wissenschaftsrat zum Ergebnis, daß der Arbeitsmarkt den Geisteswissenschaftlern gute Chancen biete, auch wenn der Berufseinstieg oft mit Phasen der Arbeitslosigkeit, eines Praktikums oder freier Mitarbeit verbunden ist. Die Chancen und Risiken für Geistes- und Sozialwissenschaftler seien im gleichen Maße gewachsen.

Die Absolventen der Geisteswissenschaften finden immer öfter den Einstieg in das Berufsleben, obwohl der Arbeitsmarkt nur wenige fachspezifische Arbeitsplätze in Museen, der Forschung oder Stiftungen hergibt. Doch leicht ist es nicht: "Die Akademiker dieser Fächer müssen sich auf einem Arbeitsmarkt tummeln, auf den ihr Studium in der Regel nicht vorbereitet hat", sagt Bernhard Hohn, Arbeitsmarktexperte in der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung.

Nachfrage sinkt, Möglichkeiten wachsen

Die explizite Nachfrage nach Geisteswissenschaftlern geht zurück, ein originärer Arbeitsmarkt ist laut Bundesagentur für Arbeit "kaum zu erkennen". Doch "Angebote für Seiteneinsteiger aus den Geisteswissenschaften in Funktionen der Personalwirtschaft, der Werbung und des Marketings oder im Vertrieb zeigen eine leicht ansteigende Tendenz", so die Bundesagentur für Arbeit.

Das Tätigkeitsspektrum von Geisteswissenschaftlern wird größer. Sie sind nicht mehr nur in Hochschul-, Bildungs- und Forschungseinrichtungen tätig, sondern zunehmend in der Wirtschaftsberatung, den Medien und im Handel. In Unternehmen besetzen Geisteswissenschaftler vor allem Positionen an der Schnittstelle zwischen Unternehmen und Kunden oder zwischen Unternehmen und Öffentlichkeit, das heißt in der Kundenbetreuung und der PR-Abteilung. Besonders internationale Unternehmen sind an den geisteswissenschaftlichen Akademikern interessiert. "Ich habe den Eindruck, daß Geisteswissenschaftler, allemal promovierte, sich enorm breit in das Berufssystem eingearbeitet haben", sagt Rohe.

Theologe in der Unternehmensberatung

Allerdings muß die Leistung stimmen. Unternehmen schätzen bei Geisteswissenschaftlern gute Noten und die im Studium erworbenen generalistischen Fähigkeiten. Die Akademiker bringen Schlüsselqualifikationen wie Kommunikationsgeschick, Textverständnis, Eigeninitiative und analytische Fähigkeiten mit.

"Diese besonderen Fähigkeiten, ihre soziale Kompetenz und ihr interkulturelles Verständnis müssen die Absolventen rüberbringen", sagt Ulrich Holst. Der ehemalige Theologiestudent war über ein Jahrzehnt in der Unternehmensberatung tätig. Die Welt werde immer globaler, bunter und interessanter, daher sei auch die Kreativität der Geisteswissenschaftler gefragt. Viele Unternehmen zeigten sich zunehmend kulturell engagiert, und neue Märkte seien zu analysieren.

Studium allein ist zu wenig

Doch das Studium allein ist für den Weg in den Beruf zuwenig, und erst nach dem Studium etwas für das Berufsleben zu tun ist zu spät. Der Einstieg muß während des Studiums beginnen. "Die Studenten müssen Auslandssemester und Praktika machen, sie müssen Fremdsprachen können, sich ehrenamtlich betätigen und Fortbildungen machen. Von Interesse ist der ganze Mensch, nicht das Fachwissen", so Holst.

Die Studenten müssen das Hauptstudium nutzen, um durch den Erwerb von am Arbeitsmarkt verwertbaren Qualifikationen ihren Lebenslauf bewußt zu formen. Zusatzqualifikationen wie etwa Praktika, Praxisprogramme oder Semesterjobs seien eine Grundvoraussetzung für den beruflichen Erfolg. Auch sollte sich die Abschlußarbeit einem für künftige Arbeitgeber interessanten Thema widmen. Nur dann könnten Geisteswissenschaftler mit anderen Akademikern konkurrieren.

Berufliche Flexibilität und die Nutzung aller Bewerbungsvarianten ermöglichen Geisteswissenschaftlern den Berufseinstieg. Sie müssen sich für die Unternehmen interessant machen und ihnen Neues anbieten. Dabei ist es jedoch wichtig, die Begeisterung für das gewählte Studium nicht zu verleugnen. "Die Begeisterung kann für Unternehmen interessant sein. Geisteswissenschaftler müssen selbst Hinweise geben, wo sie eingesetzt werden könnten", sagt Holst. Dazu gehöre auch der Mut, sich auf Stellenanzeigen zu melden, in denen Unternehmen nicht explizit Geisteswissenschaftler suchen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.10.2006, Nr. 40 / Seite C17
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Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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