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Geisteswissenschaften „Jobwunder für Historiker“

17.01.2007 ·  Die Zahl der arbeitslosen Historiker ist im vergangenen Jahr um ein Drittel gesunken. Jobs gibts beim Fernsehen und in den Archiven von Unternehmen - für den, der rechtzeitig die richtigen Kontakte knüpft.

Von Josefine Janert
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Alexander Schug stand schon mit beiden Beinen im Berufsleben, als er das Examenszeugnis der Humboldt-Universität in Empfang nahm. Seine Magisterarbeit behandelte die Geschichte der Werbeagentur Dorland, die ihm für die Recherche ein Honorar zahlte. Der Transcript Verlag veröffentlichte ein Buch über die Wurzeln von Dorland - mit Schug als Koautor. Heute strotzt der 33 Jahre alte Historiker geradezu vor Selbstbewusstsein.

Die „Vergangenheitsagentur“, die er im Jahr 2000 mit einem Kompagnon in Berlin gründete, zählt unter anderem den Lebensmittelkonzern Kraft Foods und den Süßwarenhersteller Sawade zu seinen Kunden. Alexander Schug erforscht ihre Geschichte und stellt diese medienwirksam dar. Er schreibt Texte zu Firmenjubiläen und konzipiert Ausstellungen. Von dem, was die „Vergangenheitsagentur“ abwirft, habe er von Anfang an leben können, berichtet Schug: „Ich kann was, und das kostet auch Geld.“ Es sei nicht einzusehen, dass ein Historiker weniger verdiene als beispielsweise ein Ingenieur.

Auf die Selbstvermarktung achten

Landläufigen Vorurteilen zufolge sind Geisteswissenschaftler die Stiefkinder des Arbeitsmarktes. Wer nicht mindestens im Nebenfach Betriebswirtschaft studiert, habe bei den Unternehmen kaum eine Chance, heißt es. Dann wieder werden Historiker, Germanisten und Co. für ihre ganzheitliche Sicht und kritische Herangehensweise gelobt. Das Beispiel Alexander Schug zeigt: Wer beizeiten die richtigen Kontakte knüpft und sich schlau vermarktet, kann von seinem Handwerk leben. So mancher Absolvent durchleidet allerdings eine schwierige Anlaufphase mit unsicheren Beschäftigungsverhältnissen. Als Volontär, Referendar oder freier Mitarbeiter verdient er im Durchschnitt weniger als ein junger Betriebswirtschaftler oder Informatiker. Nach Ansicht der Karriereberaterin Sabine Breitbart helfen frühzeitig gesammelte praktische Erfahrungen dem Absolventen dabei, sich rasch „von eher einfacheren Einstiegstätigkeiten in verantwortungsvollere Positionen zu verbessern“. Außerdem hält Breitbart „Medien- und EDV-Kompetenz“ für unerlässlich, ebenso wie die schon so häufig geforderten betriebswirtschaftlichen Kenntnisse.

Der Absolvent darf sich freuen: Dank des Konjunkturaufschwungs gab es im Jahr 2006 deutlich mehr Stellen für die Geisteswissenschaftler. Nach Informationen der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) hat sich die Zahl der beschäftigungslosen Historiker um ein Drittel verringert. Marion Rang von der ZAV hofft auf weitere Jobs. „Dass 2007 zum Jahr der Geisteswissenschaften erklärt wurde, hat einen positiven Effekt auf die Arbeitgeber“, glaubt sie.

Angemessen bezahlte Tätigkeiten

Christian Saehrendt spricht sogar von einem „Jobwunder für Historiker“. Um seinen Studenten Mut zu machen, lädt er in sein Seminar an der Humboldt-Universität Menschen ein, die eine angemessen bezahlte und interessante Tätigkeit gefunden haben. Die gibt´s nicht nur im Museum, im Archiv und im Verlag - Arbeitsplätze, für die Historiker seit jeher prädestiniert sind. Seine Gäste leben etwa davon, dass sie historische Veranstaltungen organisieren oder Reisen zu geschichtlich interessanten Orten. Oder sie arbeiten fürs Fernsehen, das mit Sendungen über den Bau der Berliner Mauer oder den Bombenangriff auf Dresden Millionen Zuschauer angelockt hat. „Man kann von zwei Seiten kommen - aus dem Journalismus und aus der Wissenschaft“, sagt Florian Hartung, Mitarbeiter der Pro GmbH, die im Auftrag verschiedener TV-Sender historische Filme produziert. „Wer aus der Wissenschaft kommt, muss aber Federn lassen, was die Akribie anbelangt“, meint Hartung.

Eine Doktorarbeit mitsamt aller Fußnoten und Querverweise in ein Dokudrama zu übersetzen - das geht eben kaum. Gleichwohl müssen die Fakten stimmen und aussagekräftige, glaubwürdige Zeitzeugen gefunden werden. Für diese Aufgaben engagiert das Fernsehen einen Historiker. Von ihm wird erwartet, dass er dem Publikum sein Wissen in verständlicher Weise präsentiert. Es will unterhalten werden. Manchen Studenten würde es schwer fallen, sich auf diese Anforderung des Marktes einzustellen, meint Christian Saehrendt. Der 39 Jahre alte Berliner hat schon eine vielseitige Karriere hinter sich. Er ist Bildender Künstler, studierte Geschichte und arbeitet jetzt als Publizist und Lehrbeauftragter.

Unternehmen interessieren sich für ihre Wurzeln

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist die Zahl der Geschichtsabsolventen seit Beginn der neunziger Jahre stetig gestiegen. Im Jahr 2005 strömten knapp 3.000 frisch examinierte Historiker auf den Arbeitsmarkt. Die gute Nachricht für sie: Ebenfalls seit den Neunzigern ist das Interesse der Unternehmen an ihren Wurzeln gewachsen. „Das kam auch durch die Diskussionen über die Zwangsarbeiter“, meint Saehrendt. Wer heute über Wirtschaftshistorie forscht, beschäftigt sich natürlich nicht nur mit der Nazizeit und ihren Folgen. „Die Firmen entdecken ihre eigene Geschichte als Marketingfaktor“, sagt Peter Blum von der Vereinigung deutscher Wirtschaftsarchivare. Aufwändige Werbekampagnen erinnern an die Erfindung, die den Betrieb einst berühmt gemacht hat. Oder man bereitet sich monatelang auf ein rundes Jubiläum vor. Wenn es endlich gefeiert wird, will man sich mindestens von der Lokalpresse hochleben lassen - mit nachweisbaren Folgen für den Umsatz.

Blum schätzt, dass in Deutschland 600 bis 1.000 Unternehmensarchivare tätig sind. Höchstens die Hälfte seien Historiker, die anderen Quereinsteiger. Um in der Wirtschaft bestehen zu können, sollten sich angehende Geschichtswissenschaftler auf den Dresscode der Branche einlassen, für die sie sich interessieren, und außerdem lernen, ihre Forschungsergebnisse ansprechend zu präsentieren. Peter Blum leitet das Stadtarchiv von Heidelberg und hat außerdem einen Lehrauftrag an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Mit seinen Studenten probt er schon mal den Ernstfall. Sie halten ihre Referate vor einer Videokamera. Hinterher wird nicht nur das Fachliche diskutiert, sondern auch die Güte des Vortrags. „Manche Studenten kommen im Anzug“, berichtet Blum. Mit dieser Garderobe im Schrank ist es sicher nicht mehr weit bis zur eigenen PR-Agentur.

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