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Jurastudium : Hier geht es um Indianer, nicht um Häuptlinge

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„Bibel“ eines jeden Jurastudenten: Der Schönfelder. Doch was bietet ihnen während des Studiums noch Orientierung? Bild: dpa

Wer das Jurastudium reformieren möchte, sollte sich dabei nicht auf ein idealisiertes neunzehntes Jahrhundert stützen: Eine Gegenrede zum Artikel „Das freie Denken kommt zu kurz“, von einem Kollegen des Autors.

          Neulich in Münster - mehr als dreihundert Jurastudenten, vom Erstsemester bis zum Doktoranden, sind gekommen, um in den „Gesprächen zum Öffentlichen Recht“ unserem Gast, dem Berliner Staatsrechtler Christoph Möllers, zuzuhören und mit ihm über das Verbotsverfahren gegen die NPD zu diskutieren. Von Verwendbarkeit der Veranstaltung keine Spur, nur ein beeindruckter Berliner Kollege. So soll Universität sein, und so ist sie auch immer noch. Peter Oestmann hat Ende November in einem Gastbeitrag für die F.A.Z. Struktur und praktische Durchführung des Jurastudiums in Deutschland harsch kritisiert. Nach seiner Auffassung werden Studierende von Bildungserlebnissen geradezu abgehalten, Lehrveranstaltungen wie Prüfungsmodi hätten mit akademischer Freiheit und akademischem Sinn nichts zu tun.

          Was an der Universität getan würde, sei in Bezug auf das Jurastudium eine anwendungsbezogene Fachausbildung. Darin läge nicht zuletzt ein Abschied von den historischen Wurzeln der Universität, wie sie insbesondere im neunzehnten Jahrhundert in Deutschland in hoher Blüte gestanden hätte. Peter Oestmann hat ausdrücklich zum Widerspruch eingeladen. Und in der Tat ist es angezeigt, seiner Perspektive dezidiert entgegenzutreten: Seine Analyse kann mich historisch nicht überzeugen, sie verfehlt den gegenwärtigen Realbefund und ist für die zukünftige Entwicklung kaum hilfreich.

          Die historische Ausgangsüberlegung geht schon von einer romantisierend-realitätsfremden Imagination aus: Die Universität im neunzehnten Jahrhundert habe die zweckfreie Bildung ermöglicht, und dieses Ideal sei nun in der Gegenwart verabschiedet worden. Tatsächlich aber ist die Gründung der modernen Universität, wesentlich angestoßen durch die Staatsreformen nach 1789, das gerade Gegenteil einer zweckfreien Bildungsveranstaltung gewesen.

          Qualitätssicherung durch Freiheitsgewähr

          Im Mittelpunkt der neuformatierten Fakultäten stand die qualifizierte Ausbildung hoher Staats- und Funktionsämter: Der Pfarrer, der Richter, der Arzt und der Lehrer gaben der universitären Ausbildung im neunzehnten Jahrhundert das Maß vor. Die weiter mitgeführte Ausbildung von Magistern in den philosophischen Fakultäten war eine Reminiszenz an das Mittelalter und sollte in ihrer strukturellen Bedeutung keineswegs überschätzt werden. Vielleicht ist diese irreguläre Beziehung zu den modernen Hauptfakultäten ein Grund, weshalb das Magisterstudium in einer langen Verfallsgeschichte bis zum ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert keinen Selbststand mehr gefunden hat und ein naheliegendes Opfer der Bologna-Reformen wurde. Die Ausbildung für die genannten Ämter wurde mit Staatsexamina und damit von vornherein und seit jeher mit staatlich regulierten Prüfungen abgeschlossen. Vor allem aber war die innere und äußere Freiheit des Studienbetriebs, die diese Zeit gekennzeichnet hat, stets funktional rückgebunden: Es ging um Qualitätssicherung durch Freiheitsgewähr.

          Sowohl die eigentliche universitäre Forschung als auch das spätere Berufsleben der Absolventen konnte, so war die Überzeugung der damaligen Bildungsplaner, nur dann den Anforderungen der Zeit und einer offenen Zukunft genügen, wenn sie nicht in die platte und redundante Einübung des vorhandenen Wissens zurückfallen würde, sondern Kompetenzen neue Problemlagen bereitstellen würde. Dieses Mixtum an funktionellen Grundüberlegungen und praktischer Freiheit ist das Kennzeichen der modernen Universität, nicht die Freiheit des Magisters. Für den Blick auf die Gegenwart ist erstaunlich, dass die Ausweitung der Studierendenquote von zwei Prozent auf gut die Hälfte eines Jahrgangs für die Analyse scheinbar keine Bedeutung hat. Geradezu selbstverständlich muss doch eine so massive Veränderung Auswirkungen auf die Struktur und Qualität des Studiums und auch die Erwartungen an die Absolventen haben.

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