10.03.2008 · Jeden nimmt sie nicht, die deutsche Hochschule. Könnte ja noch ein besserer Bewerber kommen. Sechzig Prozent ihrer Studenten wählen die staatlichen Universitäten schon selbst aus: Wie sich Hochschulen und Abiturienten umwerben.
Von Friederike HauptEs ist das alte Spiel. Er will nur sie, die Attraktivste von allen. Die Mauerblümchen interessieren ihn nicht. Aber die Begehrte weiß um ihre Reize - schließlich macht man ihr täglich unzählige Anträge. Jeden nimmt sie nicht: Könnte ja noch ein Besserer kommen. "So läuft das eben in der Partnerwahl", stellt Heinz Schuler lakonisch fest. Sie, das ist die Spitzenuniversität, er der ambitionierte Bewerber. Und der Hohenheimer Psychologieprofessor Schuler weiß, nach welchen Regeln Hochschulen und Abiturienten sich umwerben.
Gebalzt wird, was das Zeug hält. Denn genau so selten, wie heute noch Nachbarsjunge und -mädchen einander heiraten, wählen die Abiturienten die erste Hochschule, die ihnen in den Sinn kommt. Weit weg von zu Hause zu studieren schreckt die Ehrgeizigen nicht ab, sie wollen wissen: Wo wird mir in meinem Fach das meiste geboten, und welche Hochschule hat den besten Ruf? 60 Prozent ihrer Studenten können sich die öffentlichen Hochschulen inzwischen aussuchen, die privaten ohnehin jeden einzelnen. Schuler, der zu Auswahlverfahren an Hochschulen forscht, stellt fest, dass davon eifrig Gebrauch gemacht wird: "Der Markt professionalisiert sich." Neben dem Wunsch, der wachsenden Bewerberzahl bei immer weniger Professorenstellen Herr zu werden, ist es die Suche nach den Topstudenten, die zu den Beschränkungen führt. Schließlich sollen die Absolventen Karriere machen. Und die Universitäten erhalten Prämien für Studenten, die in der Regelstudienzeit ihren Abschluss schaffen, anstatt zu bummeln. Die Folge: Jeder zweite der rund 9000 Studiengänge an deutschen Hochschulen ist inzwischen zulassungsbeschränkt.
Für die Masse ist der Numerus clausus die Hürde
Bei den Massenstudiengängen ist immer noch der Numerus clausus die Hürde. So ist für den, der Psychologie studieren möchte, oft auch an Durchschnittsuniversitäten ein Notendurchschnitt von 1,0 die einzige Chance, ohne Wartesemester loslegen zu können. In Baden-Württemberg treten die, die Medizin studieren wollen, zu schriftlichen Intelligenztests an - und zahlen dafür 50 Euro Teilnahmegebühr. "Die Unis sind ganz wild darauf, sich ihre Leute selbst auszusuchen", meint Schuler. Dabei überschätzten sich die Hochschulen aber oft. Selbst konstruierte Tests brächten oft nicht das gewünschte Ergebnis. Häufig werde auch die Aussagekraft von Interviews überschätzt. Am Ende habe man dann doch nicht die Studenten, die man wollte.
Die Qual der freien Auswahl haben die öffentlichen Spitzenhochschulen wie etwa die Technische Universität München. Sie gehört als einer der "Leuchttürme der Wissenschaft" zu den Gewinnern der Exzellenzinitiative: Ihr Zukunftskonzept, zwei Exzellenzcluster und eine Graduiertenschule erschienen der Kommission förderungswürdig. Seitdem, erzählt TU-Präsident Wolfgang Herrmann, seien die ohnehin seit Jahren wachsenden Bewerberzahlen sprunghaft angestiegen. Und das, obwohl die Gelder aus dem Wettbewerb komplett in die Forschung, nicht in die Lehre fließen. Viele spekulieren aber auf die gute Adresse im Lebenslauf. "Wir sind mit Stanford auf Augenhöhe", sagt Herrmann. "Und wir wollen nicht jeden. Wir wollen die Topleute aus der ganzen Welt." Kein Wunder, dass München im Talentindex, den Roland Berger für die F.A.S. erstellt hat, an erster Stelle steht.
„Die echten Talente wollen kein 08/15-Studium“
In sechzig Prozent der Studiengänge gibt es Auswahlverfahren: Meist wird anhand von Abiturnote und Lebenslauf entschieden, wer persönlich vorsprechen darf. Für das Studium der Ernährungswissenschaften hatten sich zuletzt 660 Interessenten beworben - 70 wurden schließlich genommen. Im Elitestudiengang TopMath werden pro Jahr höchstens 15 Studenten aufgenommen; jeder von ihnen hat sich mit Bestnoten beworben, vor Professoren mehrere Referate gehalten und mit ihnen über mathematische und fachfremde Themen diskutiert. "Die echten Talente wollen kein 08/15-Studium", meint Herrmann. "Die tun was für ihr Wunschstudium." Er will "jedes Talent identifizieren", egal woher es kommt. Vor einem Jahr hat seine Hochschule daher ein Recruiting-Center in Peking eröffnet: für die vielen Chinesen, die sich an der TU München bewerben.
Nicht ganz so weit war der Weg zur Wunschhochschule für Robert Peetz. Nach dem Internatsbesuch in Bonn zog es ihn nach Hamburg, an die private Bucerius Law School. Seiner Bewerbung mit Zeugnis und Sprachzertifikat folgte ein Multiple-Choice-Test der intellektuellen Fähigkeiten, außerdem reichte er einen Essay ein. In der zweiten Phase präsentierte sich Peetz den Professoren in Vorträgen, Gruppendiskussionen und einem persönlichen Gespräch. Mit Erfolg: Er gehörte 2006 zu den 100 Besten, die aus den rund 570 Bewerbern ausgewählt wurden.
Rechnen nach dem Test
Nach den Tests begann das Rechnen: 39.600 Euro kostet das Studium insgesamt. Der 21 Jahre alte Jurastudent hat dafür einen Kredit aufgenommen. Das Umfeld, sagt er, rechtfertige das, es herrsche an der kleinen Hochschule eine Lernbereitschaft und Kameradschaft, die ihn motiviere. In Hamburg fühlt sich der geborene Rheinland-Pfälzer wohl. Stünde seine Hochschule in einer anderen Stadt, wäre er aber auch dorthin gegangen. Ob er nach dem Studium die Stadt wechselt, weiß er noch nicht: "Hamburg ist cool, aber ich bin da ganz offen."
Eignungsdiagnostiker Heinz Schuler sieht die aufwendigen Auswahlverfahren gerade der privaten Hochschulen kritisch. "Viele dieser Tests sind unnötig", sagt er und verweist auf ganztägige Assessment-Center, wie sie etwa die Otto Beisheim School of Management in Vallendar veranstaltet. Hier würden teilweise Fähigkeiten geprüft, die für das Studium nicht relevant seien, beispielsweise das persönliche Auftreten. "Die Smarten mit dem richtigen familiären Background haben's hier leicht", sagt der Wissenschaftler. Wer sich aber nicht so gut verkaufen könne, bleibe auf der Strecke. Dabei seien das oft die besten Studenten. Denen kommen vor allem die fachspezifischen Regelungen zugute, wie sie bei künstlerischen Studiengängen schon lange üblich sind. Wer etwa am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig studieren will, muss eigene Textproben einreichen. Überzeugt er damit, folgen im Gespräch Fragen zur Motivation wie: "Warum schreiben Sie?" Da kann sich auch der Schüchternste von der Schokoladenseite zeigen. Und vielleicht klappt's ja doch noch mit der Traumuniversität.
Die "Besten" an die "besten" Universitäten
Jürgen Helmchen (helmchenJ)
- 10.03.2008, 14:30 Uhr