Home
http://www.faz.net/-gyq-z6o3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gaststudenten Gebührenpflicht für Gäste

08.06.2010 ·  In Australien müssen Gaststudenten aus dem Ausland doppelt so hohe Gebühren wie Einheimische zahlen. So verdient das Land mit Bildung viel Geld. Ein Vorbild für Deutschland?

Von Sebastian Balzter und Pia Volk
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)

Sonne, Strand und Surfen - so stellen viele sich ein Auslandsstudium in Australien vor. Dabei wäre „Studiengebühr“ als Stichwort mindestens genauso richtig. Denn Australien hat ein gestaffeltes Studiengebührensystem, in dem Ausländer mehr zahlen müssen als Inländer. Für Jan Westphalen zum Beispiel, der für Umweltmanagement an der University of South Australia in Adelaide eingeschrieben ist, kostet das Studium so viel wie ein Kleinwagen. Umgerechnet 21 000 Euro investiert er in seinen Studiengang, doppelt so viel wie seine einheimischen Kommilitonen. Die Kosten werden nicht je Semester berechnet, sondern je Kurs; schnelles Studieren bringt daher nichts. Zudem hängen die Gebühren vom Studiengang ab: Medizin und Jura sind besonders teuer, Grafikdesign und Ethnologie eher günstig.

In den Augen mancher deutscher Finanz- und Bildungspolitiker sieht das australische Modell wie der Stein der Weisen aus. Statt für die Hochschulen immer nur Geld auszugeben - im vergangenen Jahr waren es insgesamt fast 17 Milliarden Euro sogenannte Grundmittel -, könnten die Bundesländer auf diese Weise womöglich sogar etwas an ihnen verdienen. Zurzeit erheben Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hamburg zwar Studiengebühren, aber der Satz ist mit maximal 500 Euro je Semester niedrig. Und zur Kasse gebeten werden ausländische und inländische Studenten gleichermaßen, das ist in den Hochschulgesetzen festgeschrieben.

Die Einschläge kommen näher

„Immer wenn Finanznot herrscht, dann kommt die Diskussion über höhere Studiengebühren für Ausländer hoch“, sagt Johannes Glembek, der Geschäftsführer des Bundesverbands ausländischer Studierender. Vor drei Jahren führte die Universität Bonn für ihre Studenten aus nicht zur Europäischen Union gehörenden Ländern eine - inzwischen wieder abgeschaffte - Betreuungsgebühr von 150 Euro je Semester ein. Vor drei Monaten sprachen sich der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) und der sozialdemokratische Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) in ungewohnter sozialliberaler Einigkeit prinzipiell für Studiengebühren für internationale Studenten aus. „Wohlhabende Ausländer sollten das bezahlen, was ein Studium in einer der angesehensten Wissenschaftsnationen der Welt wert ist“, zitierte Pinkwart damals die „Zeit“.

Die Einschläge kommen näher, so könnte Johannes Glembek es empfinden. Denn die Schuldenlast von Bund und Ländern wächst. Schon hat Hessens scheidender Ministerpräsident Roland Koch (CDU) gefordert, die Bildungsausgaben nicht länger von der Spardebatte auszunehmen. Bei jeder solchen Nachricht, sagt Johannes Glembek, fürchte er, dass der finanzielle Druck nun auch groß genug für die Ausländergebühr werden könnte.

In England und Amerika üblich

Auch in Großbritannien und an vielen amerikanischen Hochschulen sind die Gebühren für internationale Studenten höher als für Einheimische, berichtet Alexandra Michel von der Studienberatung College Contact in Münster. Dennoch bleibt Australien das Paradebeispiel: Jeder vierte Student dort ist Ausländer. 629.000 „full fee paying students“ aus dem Ausland zählt die Statistik, 250.000 von ihnen sind an Universitäten eingeschrieben. Rund 17 Milliarden Dollar hat das Land nach Auskunft der Australian Trade Commission im vergangenen Jahr im Bildungssektor eingenommen, dank Studiengebühren, populären Sprachschulen und Einnahmen aus der Lehrlingsausbildung. Die Bildungsbranche nimmt damit Platz vier auf der Rangliste der australischen Exportgüter ein - gleich hinter Gold, Kohle und Eisenerz.

21.000 Euro für anderthalb Jahre Studium, das klingt nach sehr viel. Drei Monate hat Jan Westphalen denn auch mit sich gerungen, ob er seine Ersparnisse für das Studium ausgeben möchte. Heute ist er sehr glücklich über seine Entscheidung. Er freut sich besonders darüber, dass sein Professor erreichbar ist - das kannte er aus Deutschland nicht, wo er in überfüllten Hörsälen saß und BWL-Vorlesungen lauschte. „Hier ist die Lehre besser, die Unterrichtsmaterialien sind neuer, die Klassen kleiner.“ Ein teures Studium? Für Jan Westphalen eine Frage des Standpunkts. „Man könnte auch sagen, dass Bildung in Deutschland unglaublich günstig ist.“

Genau das sei aber auch das Markenzeichen, das viele internationale Studenten anziehe, sagt Johannes Glembek - und die würden angesichts des Fachkräftemangels doch dringend benötigt. „Außerdem existiert schon eine Gebührenlandschaft für ausländische Studenten“, ergänzt er. 50 Euro für die Überprüfung von Zeugnissen, 100 Euro für den Nachweis von Sprachkenntnissen, künftig bis zu 130 Euro für den zurzeit kostenfreien Studierfähigkeitstest Testas - die Liste ist lang.

Andere Ansprüche an das Studium

Zusätzliche Kosten würden nicht als Ausweis höherer Qualität von Lehre und Forschung wahrgenommen werden, da ist sich Glembek sicher, sondern abschrecken. „Nachfragesteigerung durch Preiserhöhung, das klappt nur bei Apple“, pflichtet Achim Meyer auf der Heyde, der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, ihm bei. Von der Idee, von den rund 240.000 ausländischen Studenten in Deutschland höhere Gebühren zu verlangen, hält er deshalb wenig. Knapp 75.000 von ihnen wären von ihr per Gesetz ohnehin ausgenommen, da sie aus Mitgliedstaaten der EU stammen. Ob der Rest eine Sondergebühr zahlen würde, um ausgerechnet in Deutschland studieren zu dürfen?

„Seitdem ich für mein Studium zahle, habe ich andere Ansprüche an die Vorlesungen und Tutorien - und auch an mich selbst“, sagt Birte Biehler, die in Adelaide Sportwissenschaften studiert - dort heißt das Fach Human Movement and Health Studies. Biehler kam vor drei Jahren nach Adelaide, im ersten Jahr hat sie Vollzeit studiert, mit Auslandsbafög und Bildungskredit. Zusätzlich hat sie 20 Stunden in der Woche gearbeitet, mehr ließ das Studentenvisum nicht zu. Jetzt ist sie Teilzeitstudentin und finanziert sich mit erspartem Geld und der Hilfe ihrer Eltern. In Deutschland würde sie sich über einfache Kurse mit wenig Arbeitsaufwand freuen, gibt sie zu. In Australien hält sie das für Zeit- und Geldverschwendung. Zwei Kurse besucht sie dieses Jahr, jeder kostet 2300 Dollar. Die Uni sei besser organisiert, sagt sie - aber dass alle Kurse, die sie belegt, ihr Geld wert sind, will sie nicht beschwören. Die Tutorien jedenfalls seien nicht immer so gehaltvoll, wie sie es gerne hätte, sagt sie.

Höhere Studiengebühren für Ausländer? Zurzeit sei das politisch nicht durchsetzbar und ökonomisch nicht sinnvoll, sagt Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Kommt Not, kommt Gebühr - so lässt sich seine Prognose dennoch übersetzen. „In fünf Jahren“, sagt er, „ist das ein heißes Thema.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge