17.07.2010 · In manchen Vorlesungen sind die Hälfte der Hörer Senioren. Beliebt sind besonders die Geisteswissenschaften. Jung und Alt zusammen an der Hochschule - das geht nicht immer ohne Konflikte.
Von Nadine BösManchmal ärgert sich Ingeborg Gerlach ein wenig über ihre Kommilitonen. Weil sie unwissenschaftliche Fragen stellen. Fragen mit persönlichem Hintergrund. „Fragen aus dem Bauch“, so nennt sie das. Oder weil sie im Seminar allzu lange aus ihrem Erfahrungsschatz plaudern: „Damals war es ja so . . .“ Meistens aber fühlt sich die 68 Jahre alte Seniorenstudentin wohl zwischen ihren oft ebenfalls älteren Mitstudenten, mit denen sie an der Kölner Universität verschiedene Vorlesungen besucht. Und zwischen den jungen Studenten, die in so mancher Germanistik-Veranstaltung mittlerweile sogar in der Unterzahl sind. „Der Anteil der Oldies im Hörsaal liegt schon oft bei 50 bis 60 Prozent“, schätzt Ingeborg Gerlach.
Tatsächlich ist die Zahl der Gasthörer- und Seniorenstudenten im vergangenen Wintersemester gestiegen. Zwar liegt ihr Anteil im Durchschnitt keinesfalls bei 50, sondern lediglich bei 2,1 Prozent. Doch im Alltag konzentrieren sich die Senioren oft auf wenige Fächer, meist aus den Geisteswissenschaften. „In manchen meiner Veranstaltungen wähnt man sich eher in einem Altenheim als in einer Universität“, pointiert Hubertus Kohle, Professor für Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), die Situation. In den meisten seiner Vorlesungen sei gut die Hälfte der Zuhörer mehr als sechzig Jahre alt.
Der Prof als Reiseführer
Er habe nichts gegen die älteren Studenten, versichert Kohle. „Wenn es aber zu viele werden, hat das Auswirkungen auf den Gehalt einer Präsentation, bei der man als Dozent dann vielleicht auch mal auf avanciertere oder umstrittenere methodische Ansätze verzichtet.“ Zudem sei das Bildungsniveau der Seniorenstudenten sehr unterschiedlich. „Einige haben zwar sogar einen höheren Bildungsstand als die Jungen. Es kommt aber auch vor, dass allerlei Fragen gestellt werden, die fern der wissenschaftlichen Inhalte sind“, sagt Kohle. Im Extremfall sei er schon nach der Vorlesung von Seniorenstudenten gefragt worden, welche Sehenswürdigkeiten sie sich im Toskana-Urlaub anschauen sollten. „Das geht dann doch ein Stück zu weit“, findet der Professor. „Ich bin doch kein Reiseführer.“
Auch die jungen Studenten klagen zuweilen über die älteren Kommilitonen. Christian Hoffmann, gewählter Fachschaftsvertreter für Geschichte an der LMU, kennt die Konflikte. „Die älteren Studenten sind immer viel früher im Hörsaal, besetzen die besten Plätze“, sagt der 22 Jahre alte Student. Für die Jüngeren, die von Vorlesung zu Vorlesung hetzen, sei das ein Ärgernis. Die Fachschaft habe sich deshalb schon an die Dozenten gewandt. „Viele Professoren sagen nun zu Beginn der Vorlesung, dass Seniorenstudenten bitte nicht in den ersten Reihen Platz nehmen mögen.“ Überhaupt sind Gasthörer in München gar nicht in jeder Veranstaltung zugelassen. „Es gibt Dozenten, die sagen mittlerweile in solchen Vorlesungen: Seniorenstudenten, bitte den Raum verlassen“, berichtet Christian Hoffmann.
Zwischen Konflikt und Bereicherung
Er selbst empfinde das Zusammensein mit den Älteren allerdings nicht immer als negativ. §Es kann auch eine Bereicherung sein, wenn man über Friedenspolitik in den achtziger Jahren spricht, und dann zeigt einer auf, der damals für EADS gearbeitet hat“, sagt er. Die Zeitzeugenrolle, das Selbsterlebthaben, das manche als peinlich, andere als unwissenschaftlich empfinden, interpretiert er auch als „ein Stück Lebendigkeit“. Gerade in Geschichte sei das ganz wichtig. „Aber natürlich gibt es auch etliche, die sich darüber aufregen.“
Zu Recht, findet Ingeborg Gerlach aus Köln. Die ehemalige WDR-Redakteurin hat ihre Rolle als Seniorenstudentin stark reflektiert. „Wenn Fragen am Vorlesungsende zugelassen sind, dann halte ich mich an die Regel, dass die Jüngeren zuerst dran sind“, sagt sie. „Wir Älteren sind uns darüber klar, dass die Jungen einen Abschluss anstreben, dass sie das Wissen brauchen für ihren späteren Beruf.“
Ablenkung von den Rückenschmerzen
Gleichzeitig macht sie sich wenig Illusionen über das Verhältnis der Generationen im Hörsaal. „Es gibt eine klare Trennung zwischen den Alten und den Jungen. Man fragt vielleicht mal den anderen nach einem Taschentuch. Aber man unterhält sich nicht länger über die Themen der Vorlesung, man lernt nicht zusammen.“ Gerlach erwartet das nach eigener Auskunft allerdings auch gar nicht. „Wir müssen doch dankbar sein für das, was die Universität uns bietet“, findet sie. Als sie vor etwa dreieinhalb Jahren „aus vollem Lauf“ in Rente ging, bewahrte das Seniorenstudium sie davor, in ein Loch zu fallen. „Ich lebe allein, die Kinder sind längst aus dem Haus. Und mein Beruf war mein Hobby. Das Studium ist eine wunderbare Art, sich geistig fit zu halten und neues Wissen zu erwerben. Und es lenkt ganz gut von Rückenschmerzen ab.“
Der Kunstgeschichtsprofessor Kohle aus München sieht das ähnlich. „Natürlich ist es ein Stück weit unsere Aufgabe, die alten Leute vom Fernseher wegzuholen“, räumt er ein. „Gerade in einem Fach wie meinem gibt es ja auch einen gesamtgesellschaftlichen Bildungsauftrag.“ Viele ältere Studenten seien auch sehr engagiert. „Sie bewundern einen geradezu. Sie lachen an der richtigen Stelle in der Vorlesung und bringen manchmal hinterher Pralinen mit. Das kann sehr rührend sein und ist natürlich irgendwie schmeichelhaft.“
Trotzdem plädiert Kohle dafür, die Lehre für Jung und Alt stärker zu trennen. In Teilen passiert das schon. Wie viele andere große Universitäten macht auch die LMU spezielle Angebote für die ältere Klientel, besondere Ringvorlesungen zum Beispiel. In Köln wiederum gibt es sogar bestimmte Seminare, die bewusst auf das gemeinsame Studium von jüngeren und älteren Studenten ausgelegt sind - und entsprechende Themen behandeln.
Eine Universität nur für Senioren
Vollständig auf Trennung setzt dagegen das Europäische Zentrum für universitäre Studien der Senioren (EZUS) in Ostwestfalen-Lippe, eine reine Seniorenuniversität. Hier studieren etwa 30 Teilnehmer in für sie maßgeschneiderten Programmen. Da gibt es ein Studium Generale, das Inhalte aus Fächern miteinander kombiniert, die bei Senioren gewöhnlich sehr beliebt sind. Da gibt es aber auch einen Kurs namens „Management im Bürgerschaftlichen Engagement“, der auf ehrenamtliche Tätigkeiten im Alter vorbereitet.
„Die Konflikte über Platz und Dominanz im Hörsaal sind altbekannt“, sagt der Geschäftsführer der Seniorenuniversität, Paul Wolters. „Diese Reibereien gibt es bei uns nicht. Das Hauptmotiv der Gründung von EZUS war aber inhaltlich: Wir wollten den älteren Hörern ein umfassendes, seniorengerechtes Studienangebot machen, das besser ist als das punktuelle Reinhören ins reguläre Uni-Angebot.“ Billig ist das Ganze nicht: Etwa 1350 Euro im Jahr kostet das Studieren am EZUS.
Peter Schneider ist trotzdem glücklich mit der etwas kostspieligeren Lösung. Der 71 Jahre alte frühere Beamte im gehobenen Justizdienst absolviert schon im vierten Jahr das Studium am EZUS. Zuvor hatte er ein herkömmliches Seniorenstudium ausprobiert, unter den Spannungen zwischen den Generationen aber gelitten. „Die jungen Menschen haben doch heutzutage gar keine Zeit mehr, nach links und rechts zu schauen“, sagt er. „Sie studieren sehr fokussiert, wir Alten werden da eher als störend empfunden.“ An der Seniorenuniversität fühlt sich Schneider wohler. Hier hat er Gleichgesinnte getroffen, mit denen er lernt und diskutiert. „Da haben sich tiefe Freundschaften gebildet“, sagt er. „Für mich ist das Studium enorm wichtig, um fit zu bleiben. Wer im Hörsaal sitzt, sitzt nicht beim Arzt im Wartezimmer herum.“
Auch wenn Ingeborg Gerlach das inhaltlich ähnlich sieht, möchte sie auf die gemeinsamen Veranstaltungen mit den jungen Studenten nicht verzichten. „Ich will gerne Rücksicht nehmen auf die Jungen, das gehört zum Älterwerden dazu“, sagt sie. „Und auch wenn wir uns nicht wirklich kennenlernen - mir ist es wichtig, dass wir immerhin beim Lernen nebeneinander sitzen.“