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G8 und Bildungschancen : Abi nach acht Jahren bringt Ungleichheit

Kurze Gymnasialzeit: Ob Schüler damit klar kommen hängt auch vom Elternhaus ab. Bild: Picture-Alliance

Über kaum ein Schulthema gibt es so leidenschaftlichen Streit, wie über die Verkürzung des Gymnasiums. Diese Studie beleuchtet einen neuen Aspekt.

          Geht es um G8 und G9 an Gymnasien, stehen meistens Themen wie Schülerstress, knappe Freizeit und der frühere Wechsel ins Berufs- oder Studentenleben im Mittelpunkt – aber so gut wie nie die Auswirkungen auf die Bildungschancen. Sebastian Camarero Garcia hat sich in einer Studie genau damit beschäftigt. Der Wirtschaftswissenschaftler widmet sich am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim insbesondere internationalen Verteilungsanalysen, und er ist ziemlich sicher: G8 hat dafür gesorgt, dass die Ungleichheit der Bildungschancen verstärkt wurde. Die soziale Herkunft sei bei Schülern, die in acht Jahren aufs Abitur vorbereitet werden, wichtiger als bei jenen, die dafür – wie früher einheitlich – neun Jahre Zeit haben.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Grundlage von Camarero Garcias noch unveröffentlichter Untersuchung, die der F.A.Z. vorab vorliegt, waren die Daten jener Pisa-Studien der OECD, die einst eine rege Debatte über Vorzüge und Schwächen des deutschen Schulsystems ausgelöst haben. Mit den G8-Schülern sah sich der Autor eine Gruppe näher an, deren Schulalltag sich deutlich verändert hat. Denn ihre Schulzeit wurde auf die Schnelle um ein Jahr verkürzt, ohne dass das Curriculum wesentlich verändert wurde.

          Ob man das nun Lernstress nennt oder erhöhte Bildungsintensität wie Camarero Garcia, ist einerlei. Entscheidend ist, wie Schüler und Eltern reagieren. Hierzu sagt er: „Es gab einen signifikanten Anstieg in der Ungleichheit der Bildungschancen.“ Denn: „Faktoren wie das Elternhaus und die Verhältnisse, in die man hineingeboren wird, spielen eine deutlich wichtigere Rolle für die gemessenen Leistungen der Schüler.“ Vor allem im Vergleich zum alten G9-System. Bildungsnähere Elternhäuser können nämlich entweder selbst helfen – oder sie können es sich wenigstens leisten, ihre Kinder mit Nachhilfestunden zu versorgen.

          Nachhilfe wirkt besonders in Mathe und Naturwissenschaften

          In einigen Fächern lohne sich das mehr als in anderen. Das Maß an Ungleichheit der Bildungschancen sei „in Bezug auf mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen fast doppelt so stark angestiegen wie in Bezug auf die Lesekompetenz“. Insbesondere in diesen Fächern scheine auch die Nachfrage nach außerschulischer Hilfe stark gestiegen zu sein. Denn während Sprache und Lesen im Alltag „automatisch mittrainiert“ würden, wirkten sich in Mathematik oder Naturwissenschaften Nachhilfe oder elterliche Unterstützung besonders effektiv auf die Schülerleistungen aus.

          Es sei naheliegend, dass die Väter der G8-Reform den Zusammenhang von höheren Anforderungen an den Schulen und Chancengerechtigkeit nicht bedacht hätten. Und das, obwohl es einen weiteren bedenklichen Zusammenhang gebe: Denn Ungleichheit in Bildungschancen gehe einher mit der Ungleichheit von späterem Einkommen. Zwei politische Schlussfolgerungen wären für Camarero Garcia naheliegend: Entweder die Rückkehr zu G9 oder eine Beibehaltung von G8 unter bestimmten Voraussetzungen – nämlich einer Anpassung der Lehrpläne an die kürzere Schulzeit oder die Umsetzung eines Ganztagsschulkonzepts mit zusätzlichen Förderangeboten für alle, die sie zu Hause nicht bekommen.

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