26.08.2009 · Sie können schon im Kindergartenalter lesen oder rechnen vorzeitig das Mathebuch durch. Für viele begabte Teenager zieht sich die Schule wie Kaugummi. Deshalb wollen sie früher an die Uni als üblich. Die F.A.Z. hat einige von ihnen getroffen.
Von Nadine BösFelix Schmid wirkt so gar nicht wie einer, der alles vergisst, wenn er sich hinter seinen Büchern vergräbt. Schlank und braungebrannt ist er, und man sieht ihm an, dass er gern Sport macht. An seinem Handgelenk baumelt das Eintrittsbändchen vom Rock-Festival South Side, wo er sich mit seinen Freunden die Eagles of Death Metal angeschaut hat. Felix Schmid wirkt wie ein ganz normaler Neunzehnjähriger, der nach dem Abitur den Sommer genießt. Doch für diese Wirkung hat er schon oft kämpfen müssen. Denn Felix ist hochbegabt. Mit fünf brachte sich der Junge aus einem Dorf in der Nähe von Würzburg selbst das Lesen bei. In der Grundschule las er „Der Herr der Ringe“, mit zehn stibitzte er Bücher aus den Schränken seines acht Jahre älteren Bruders. Wie hoch sein IQ genau ist, will er nicht verraten. Ein Test im Grundschulalter ergab jedenfalls, dass er sich zu den zwei Prozent der intelligentesten Deutschen zählen darf. Das ist nicht nur ein Segen. Immer wieder geriet Felix in einen Teufelskreis aus Unterforderung und Frust. Doch er hatte Glück: Er bekam die Chance, sich schon mit 15 Jahren dorthin zu begeben, wo er endlich genug Bücher und genug Herausforderung fand: an die Universität.
Felix Schmid ist einer der 1000 bis 1500 Jugendlichen, die nach einer Hochrechnung der Telekom-Stiftung jedes Semester ein sogenanntes Frühstudium absolvieren. Darunter versteht man ein paralleles Hochschulstudium von Schülern mit regulären Kursen und Prüfungen, für das die Teilnehmer sogar manche Schulstunden ausfallen lassen können. „Das Frühstudium bieten inzwischen immer mehr Hochschulen an“, sagt Ekkehard Winter, der Geschäftsführer der Telekom-Stiftung. Allein für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik seien es mindestens 50 Universitäten.
Der alte Weg des frühen Studiums
Früher gab es nur einen ganz anderen Weg, um schon als Minderjähriger im Hörsaal zu landen: Schulklassen überspringen, schneller Abitur machen und dann entsprechend früher studieren. Auch diese Möglichkeit existiert heute noch. „Die üblichen Schätzungen gehen aber davon aus, dass deutlich weniger Jugendliche diesen Weg wählen“, sagt die Pädagogin Claudia Solzbacher von der Universität Osnabrück. Dennoch: „Beide Wege des frühen Studiums haben ihre Vor- und Nachteile“, sagt Solzbacher. Es gebe auch Jugendliche, für die das Überspringen und ein anschließendes frühes Vollstudium besser sei als ein Studium parallel zur Schule.
Ines ist so eine, eine quirlige junge Frau mit langen dunklen Haaren und wachen Augen. Sie trägt auffällige Ohrringe, die wie geometrische Körper geformt sind, ein sechsseitiger und ein zwanzigseitiger Würfel. Mit ihren 18 Jahren hat Ines an der Uni schon das zweite Semester Physik hinter sich. Ihren Nachnamen will sie lieber nicht im Zusammenhang mit ihrer Schul- und Unikarriere in der Zeitung lesen - aus Angst, das könnte wirken wie Prahlerei. Dabei sind ihre Leistungen beachtlich: Schon in der Grundschule übersprang sie eine Klasse, am Gymnasium übersprang sie ein weiteres Mal, machte mit 16 Jahren Abitur und konnte mit 17 ihr Studium beginnen. Zwar hat sie einen völlig anderen Weg ins frühe Studium beschritten als Felix Schmid, dennoch haben die beiden vieles gemeinsam. Auch Ines gehört laut IQ-Test zu den intelligentesten zwei Prozent der deutschen Bevölkerung, und auch Ines will ihren genauen IQ-Wert nicht verraten. Selbst was den Musikgeschmack angeht, würden sich beide gut verstehen: Ines trägt gleich drei Festivalbändchen um das Handgelenk, die alle mit Rock und Metal zu tun haben.
Mit 13 zum ersten Mal an der Uni
Stundenlang kann sie von den kleinen Stolpersteinen erzählen, die sie erwarteten, als sie mit 17 Jahren an die Uni kam: Wie ihr in der neuen Stadt in Baden-Württemberg niemand eine Wohnung vermieten wollte und schließlich ihre Mutter den Vertrag für ihr Wohnheimzimmer unterschreiben musste. Wie die Mitbewohner halb im Scherz den Schrank auf dem Flur abschlossen, weil da ein paar Schnapsflaschen drin waren. Und wie die Stadtbibliothek ihr den Ausweis verweigerte, mit dem brüsken Hinweis, sie sei noch nicht geschäftsfähig. Trotzdem: „Ich bin heilfroh, dass ich die Schule hinter mir habe“, sagt Ines. Jetzt an der Uni sei sie „endlich mal“ richtig gefordert. „Für manche Übungsblätter muss ich mich sogar mit einer Lerngruppe zusammensetzen, um die Sachen überhaupt zu verstehen.“ Ein fast schon vergessenes Gefühl für sie.
Besonders, bevor sie von der neunten in die zehnte Klasse sprang, machte sie dagegen eine schwierige Zeit durch, berichtet Ines. Die Lehrer waren ihr zu langsam, alles machte sie nervös und ungeduldig. Das Mathe-Buch hatte sie schon zu Ende gerechnet. Sie lernte nebenher Griechisch und probierte mehrere Musikinstrumente aus. Sie versuchte es sogar mit einem Ausflug an die Uni, besuchte eine Geometrie- und eine Physikveranstaltung. „Aber das Ganze war nicht optimal für mich. Ich war noch ziemlich jung und habe mich unter all den Zwanzigjährigen etwas verloren gefühlt.“ Einmal erkundigte sich ein Kommilitone nach ihrem Alter. „13“, antwortete Ines. Der Mitstudent fragte ungläubig: „In der 13. Klasse?“ - „Nein“, sagte Ines. „13 Jahre alt.“ Wenn sie den Blick des Kommilitonen beschreibt, muss sie noch heute grinsen. Doch trotz der bizarren Begegnung blieben die Kontakte zu den älteren Mitstudenten rar. Auch fachlich war nicht alles einfach; einige Grundlagen fehlten. Das Schlimmste aber war: „Die Schule nervte immer noch genauso wie vorher.“
Fachleute nennen dieses Gefühl „Academic Dead End“, wie Pädagogin Solzbacher erklärt. „Das bedeutet, dass Hochbegabte ihre Situation in der Schule häufig als so unerträglich empfinden, dass ein Studium nebenher das kaum ausgleichen kann.“ Dann helfe das Überspringen einer Klasse oft besser. Ines fand das auch. „Ich habe mir den Entschluss nicht leichtgemacht, habe sogar Pro-und-Contra-Listen geführt.“ Beim Überspringen überwog die Pro-Seite. „Ein guter Entschluss. Ich hatte dann wieder Spaß an der Schule, und ich habe heute Spaß an der Uni.“
Die intellektuelle Sackgasse vermieden
Felix Schmid dagegen hat die intellektuelle Sackgasse von Anfang an vermeiden können. „Ich habe mich irgendwann mit der Schule arrangiert“, sagt er - und es hört sich an, wie wenn sich jemand mit eisernem Willen dazu entschließt, keine Schokolade mehr zu essen. Trotzdem klingt es glaubwürdig. Vor allem, wenn er von den Freundschaften in der Klasse erzählt: „Da ist so vieles, was man zusammen durchmacht.“ Dazu kam: Felix war zwar in vielen Fächern gut, doch nirgends war das Interesse so übermächtig wie in seinem Lieblingsfach Geschichte. Was ihn daran so faszinierte? „Die Geschichten in der Geschichte. Dass man sich an jeder Stelle fragen kann, wie man selbst gehandelt hätte.“
„Ein typischer Fall, in dem ein Frühstudium die passende Lösung ist“, sagt die Psychologin Eva Stumpf, die an der Uni Würzburg zum Thema Begabtenförderung forscht und auch das Frühstudium von Felix Schmid betreut hat. „Ein überdurchschnittliches Interesse an einem Studienfach ist der Dreh- und Angelpunkt“, erklärt sie. Ein paralleles Studium neben der Schule sei besonders geeignet für sehr begabte Schüler, die aufgrund sozialer Bindungen partout nicht überspringen wollen. „Eine gute Möglichkeit ist ein Frühstudium auch für einseitig Begabte, mit klaren Leistungsspitzen.“ Wichtig sei überdies, dass die Schüler in der Schule nicht zurückfallen. Deshalb fürchtet Stumpf, dass Hochbegabten, die aus Langeweile schlechte Noten schreiben, durch ein Frühstudium nicht zwingend geholfen ist. Darauf deuten auch Zwischenergebnisse ihrer Forschung hin.
Felix Schmid ging von seinem fünfzehnten Lebensjahr an morgens zur Schule und nachmittags zur Uni. „Für mich war das wie eines von mehreren Hobbys“, sagt er. Ungefähr wie das Fußballtraining. Mit seinen älteren Kommilitonen kam er gut aus. „Auch wenn ich anfangs als Paradiesvogel galt.“ Freundschaften dagegen haben sich nicht entwickelt, vor allem weil Felix auf dem Dorf wohnte und die anderen alle in der Stadt. Ein bisschen lag es wohl auch daran, dass ihm seine gleichaltrigen Schul- und Fußball-Kumpels schlicht zu wichtig waren.
Zusammen mit dem Abiturzeugnis hat Felix Schmid in diesem Sommer auch vier Geschichts-Scheine in Empfang genommen. Damit kann er nun auf dem Niveau des vierten Semesters ins Geschichtsstudium einsteigen. Leicht gemacht hat er sich seine Studienwahl trotzdem nicht. Denn eigentlich wollte er erstmal etwas ganz anderes ausprobieren. Warum? „Geschichte war immer mein liebstes Hobby und irgendwie konnte ich mir anfangs nicht vorstellen, dass es so etwas wird wie schnöder Alltag“, versucht er zu erklären. „Aber dann hab ich mir gedacht: Wenn ich die Chance habe, mich in meinem Studium mit einem Fach zu beschäftigen, das mir mehr Freude bereitet als alle anderen, dann sollte ich diese Chance nutzen.“
Wunderbar!!
Thomas J. Huber (tjhuber)
- 26.08.2009, 22:06 Uhr