Ob in Dresden, München, Frankfurt oder Bonn - die Fachleute sind sich einig: Die frühkindliche Erziehung in Deutschland ist dringend reformbedürftig. Gewerkschafter, Arbeitgeber und Experten beklagen jahrzehntelange Versäumnisse im Umgang mit dem Nachwuchs. Kindergärten und Kindertagesstätten seien den Anforderungen nicht mehr gewachsen. "Zu viele Kindergärten in Deutschland sind immer noch reine Verwahrstationen", kritisiert Holger Brandes, Direktor des Instituts für frühkindliche Bildung in Dresden. Erziehung und individuelle Förderung fänden in den meisten Einrichtungen nicht statt. "Dies liegt vor allem daran, dass die Ausbildung der Erzieher den tatsächlichen Erfordernissen schon seit geraumer Zeit hoffnungslos hinterherhinkt."
Dabei klingt es so einfach - zumindest, wenn man der Bundesagentur für Arbeit glaubt. Auf ihrer Internetseite beschreibt die Nürnberger Behörde die Tätigkeit der Erzieher so: "Sie betreuen und beaufsichtigen die Kinder, fördern ihr soziales Verhalten und treiben ihre Entwicklung voran. So malen, spielen, basteln und singen sie mit den Kindern, erzählen ihnen Geschichten und machen Ausflüge." Doch die Realität in vielen der 40 000 deutschen Kindertagesstätten sieht anders aus. Norbert Hocke von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) schimpft deshalb über das "antiquierte Berufsbild" der Arbeitsagentur. Bildung und Erziehung müssten endlich als Kernaufgaben der Erzieher eta-bliert werden, fordert auch Ilsa Diller-Murschall vom Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo), einem der größten Arbeitgeber von Erziehern in Deutschland. "Mit der gängigen Ausbildung an Fachschulen können Erzieher die gestiegenen Anforderungen nicht erfüllen", diagnostiziert schließlich die Direktorin des Münchner Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP), Fabienne Becker-Stoll. Ihre Forderung: "Langfristig muss die Hochschulausbildung für Erzieher zur Norm werden."
Früher in Kontakt mit dem Alphabet
In Frankreich, wo dies bereits der Fall ist, kommen Kinder nach Becker-Stolls Beobachtung in der Ecole maternelle früher in Kontakt mit dem Alphabet und werden gezielter an die Schule herangeführt als in deutschen Kindergärten. Dies sei deshalb so wichtig, weil die entscheidenden Weichenstellungen in den ersten Lebensjahren erfolgten. Die Anforderungen an das Personal seien dabei riesig: "Eine Erzieherin muss eine Gruppe von 25 Kindern von zwei bis sieben Jahren, manchmal aus 18 verschiedenen Kulturen, betreuen und Bildungsprozesse unterstützen können", fasst Becker-Stoll zusammen. Häufiger als früher müsse dabei auch die fehlende Unterstützung durch das Elternhaus kompensiert werden. Um dennoch eine angemessene Entwicklungsdiagnostik erstellen und richtig anwenden zu können, brauche man aber wissenschaftliches Know-how und Methodenkenntnisse, die nur an Hochschulen vermittelt würden.
Bislang ist die Zahl der akademisch ausgebildeten Erzieher in Deutschland jedoch verschwindend gering. Weniger als 4 Prozent der rund 360 000 Erzieher haben einen Hochschulabschluss. Im europäischen Vergleich liegt die Bundesrepublik damit auf einem der hinteren Plätze. Doch langsam tut sich etwas: Seit dem Pisa-Schock entstehen an immer mehr Hochschulen Bachelor- und Master-Studiengänge für Erzieher. Nach Angaben des GEW-Experten Hocke sind es derzeit 24 Fachhochschulen und Universitäten, die entsprechende Programme anbieten. Ein Beispiel ist der Bachelor "Early Education - Bildung und Erziehung im Kindesalter" der Fachhochschule Neubrandenburg. In sechs Semestern sollen die Studenten dabei auf die Arbeit mit Kindern vorbereitet werden.
Birgit Fischer-Angelstein, die Koordinatorin des Studiengangs, erläutert das Curriculum: Neben Grundlagen in Pädagogik, Soziologie und Psychologie sollen die Studenten auch Kenntnisse in der Entwicklung und Durchführung individueller Bildungsprozesse, der Methodik und Didaktik kindgemäßen Lernens und der Analyse von Interaktionsprozessen erwerben. Darüber hinaus stehen die Lernfelder Bewegung und Gesundheit, Naturwissenschaften und Mathematik, Sprache und Sprachförderung sowie musisches und kreatives Gestalten auf dem Lehrplan. Die zurzeit 80 Neubrandenburger Studenten erproben ihre Kenntnisse bei Hospitationen: Neben zwei zehnwöchigen Blockpraktika in den Semesterferien gehen sie auch während des Semesters an einem Tag der Woche in eine Kindertageseinrichtung. "So fördern wir den Austausch zwischen Kitas und Hochschule und bereiten die Studenten frühzeitig auf den Alltag vor", sagt Fischer-Angelstein. Sie ist überzeugt davon: "Wo Erzieher umfassend akademisch ausgebildet werden, ist die frühkindliche Erziehung wesentlich innovativer, und die schulischen Leistungen sind später deutlich besser."
Kritik am Trend zur Akademisierung
So pauschal würde Holger Hölzinger ihr nicht zustimmen. Den Trend zur Akademisierung sieht der Mann aus der Praxis - bis vor kurzem leitete er eine Kindertagesstätte in einem Stadtteil von Fulda - durchaus kritisch. Auch die bislang herkömmliche Ausbildung sei intensiv, sagt der 36-Jährige. Zwei Jahre Vorpraktikum, zwei Jahre Fachschule und ein Anerkennungsjahr gehören dazu, Voraussetzung ist die mittlere Reife. Professioneller müsse der Beruf zwar werden, aber dafür sei nicht das Studium entscheidend, sondern die Klientel, die sich für die Ausbildung interessiere. Die Knackpunkte sind für Hölzinger die gesellschaftliche Anerkennung - und die Vergütung. "Was nützt mir ein akademischer Titel, wenn die Bezahlung so schlecht ist?" Er selbst hat sich erst nach einem Maschinenbaustudium für die Arbeit im Kindergarten entschieden, außerdem noch Psychologie studiert. 2005 bekam er die Leiterstelle, mit Verantwortung für mehr als 100 Kinder und neun Erzieherinnen - und einem Monatsverdienst von am Ende nur noch 2249 Euro brutto. "Durch den Wechsel vom Bundesangestelltentarif in den Tarif für den öffentlichen Dienst habe ich fast 900 Euro im Monat verloren. Wenn man Alleinverdiener einer Familie ist, geht das einfach nicht." Nach zwei Jahren in dieser Situation zog er im Sommer die Konsequenz und wechselte auf eine besser bezahlte Stelle als Projektleiter für die Kinderbetreuung an einer Grundschule in Frankfurt.
Materielle Aussichten trübe
Hölzingers Fall ist exemplarisch. Für die heranwachsende, akademisch ausgebildete Erzieher-Elite sind die materiellen Aussichten trübe. Bislang startet eine kinderlose Erzieherin mit einer Vollzeitstelle mit 1200 Euro netto ins Berufsleben, ihr Gehalt kann später kaum auf mehr als 1500 Euro steigen. Zu wenig Aufstiegschancen, wenn man mehr Abiturienten - und damit potentielle Akademiker - in den Erzieherberuf locken will. "Mit einer höheren Qualifikation müssen auch die Gehälter steigen", fordert deshalb Norbert Hocke. Zwar gebe es seit 2005 einen neuen Tarifvertrag, der Gehaltsabstufungen zwischen Fachschul- und Bachelor-Erziehern vorsieht. "Dieser Vertrag hat sich aber noch nicht durchgesetzt", klagt Hocke. Wohin das führen wird? Holger Brandes befürchtet, dass die deutschen Kindergärten angesichts der großen Konkurrenz besser bezahlter Berufe in einigen Jahren vor einem akuten Personalmangel stehen werden. "Das ist ein heikles Thema", sagt er.
Gelöst ist das Problem noch nicht, aber immerhin beziffert: Die höhere Vergütung für Hochschulabsolventen wird nach Schätzungen der Unternehmensberatung McKinsey bundesweit 2,3 Milliarden Euro im Jahr kosten. Wie man der öffentlichen Hand so viel Geld aus der Tasche ziehen kann? Holger Hölzinger hat da eine Vermutung. "Wir müssten wahrscheinlich alle gemeinsam aufstehen", sagt er. "So wie es die Lokführer gemacht haben."
Not am Mann
- Deutschlands Kinder wachsen ohne Männer auf - jedenfalls in den Kindertagesstätten. 2002 waren nur 2,6 Prozent des pädagogischen Personals in den Einrichtungen männlich, 2006 waren es 3,2 Prozent.
- Der Männeranteil variiert von Bundesland zu Bundesland - in Bremen liegt er bei 9,5 Prozent, in Thüringen nur bei 0,95 Prozent.
- Einen Hochschulabschluss haben 14,2 Prozent der Erzieher, aber nur 3,5 Prozent der Erzieherinnen. Die meisten von ihnen haben Sozialpädagogik studiert. Im Herbst haben die ersten Frühpädagogik-Bachelors die Berliner Alice-Salomon-Hochschule verlassen, die als eine der ersten diesen Studiengang angeboten hat.
Is ja ´n Ding
Torsten Klier (TorstenKlier)
- 29.12.2007, 11:33 Uhr
Zusammenhänge erkennen
claudia otlo (claudiao)
- 29.12.2007, 15:50 Uhr
Den untengenannten Zusammenhängen fehlt etwas.
Herrmann Mueller (Herbie_2005)
- 29.12.2007, 20:14 Uhr
Man sollte das anwenden, was man in der Schule gelernt hat...
Ricarda Schügner (rschuegner)
- 30.12.2007, 12:59 Uhr
