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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Freiwilliger Wehr- oder Zivildienst Die Uni kann warten

 ·  Die Wehrpflicht wird ausgesetzt. Manche wollen aber nicht sofort studieren, sondern leisten freiwillig Militär- oder Zivildienst. Sie wollen nachdenken und sich beruflich orientieren.

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Für Simon Heinrich begann der Ernst des Lebens sechs Tage nach dem Abi-Ball. Im Juni bekam der 20-jährige Wiesbadener Post von Vater Staat: seinen Einberufungsbescheid sowie eine neue, vorläufige Heimatadresse: die Graf-Stauffenberg- Kaserne im rund 235 Kilometer entfernten Sigmaringen. Bald darauf fand er sich in der Kaserne ein, um die dreimonatige Grundausbildung zu absolvieren. Anfang Oktober wurde er in den Stab der Deutsch-Französischen Brigade ins grenznahe Müllheim versetzt, im Januar schließlich auf eigenen Wunsch zurück nach Wiesbaden. In der Abteilung Informationsarbeit des Landeskommandos Hessen leistet er dort als Obergefreiter noch bis zum 30. Juni Wehrdienst. Das ist ein halbes Jahr länger, als er eigentlich müsste. Simon Heinrich ist damit einer von rund 25 000 „freiwillig Wehrdienstleistenden“ (FWDL).

„Ich habe mich schon mit 18 dazu verpflichtet, ein Jahr zu machen“, sagt Heinrich. Zum einen habe er dadurch wählen können, wo er bei der Truppe eingesetzt werden wollte. „Zudem war es für mich attraktiv, weil ich nach dem Abitur erst einmal genug hatte von der Schule“, sagt der junge Soldat. Bis zur elften Klasse habe er sich gar nicht vorstellen können zu studieren. Das habe sich erst später geändert.

„Viel Zeit zum Lesen und Nachdenken“

Auf den mehrstündigen Zugreisen zwischen Heimat- und Standort habe er „viel Zeit zum Lesen und Nachdenken“ gehabt, berichtet der Obergefreite. Dort habe sich wohl auch das seit der Schulzeit latente Interesse für Wirtschaft herauskristallisiert. Zum kommenden Wintersemester hat sich Simon Heinrich zum Studium an mehreren Universitäten beworben.

Für den Dienst in der Truppe habe er sich schon aus einer „gewissen Familientradition“ heraus entschieden, sagt der aufgeschlossen und selbstbewusst wirkende junge Mann. „Mein Opa war erst Grenzer und dann Kriminalkommissar beim Bundeskriminalamt, mein Vater war ebenfalls beim Grenzschutz und mein älterer Bruder hat auch bei der Bundeswehr gedient“, erzählt er. „Schreckliche Geschichten aus der Zeit haben die nie erzählt, eher Spaß an der Ausbildung gehabt.“ Auch er empfindet die Zeit bei der Bundeswehr als lehrreich. „Ich bin einfach sicherer geworden, was ich so möchte in Zukunft“, sagt Heinrich, der sich selbst als sportlichen und eher disziplinierten Typen beschreibt.

„Ich war auf einer eher links angehauchten Schule“, erzählt er. Außer ihm hätten sich nur vier Mitschüler der Jahrgangsstufe zur Bundeswehr gemeldet. Die Zahl der Kriegsdienstverweigerer sei nur noch von der Zahl der Ausgemusterten übertroffen worden. „Im Nachhinein betrachtet, war das schon irgendwie ungerecht“, sagt Heinrich. Dies ist aber der Trend, der sich in Deutschland schon seit längerem abzeichnet. Gerade einmal 13 bis 17 Prozent der jungen Männer eines Jahrgangs wurden in den vergangenen Jahren noch eingezogen. Der Dienst an der Waffe ist politisch immer schwerer zu vermitteln. 2009 absolvierten 68.000 Rekruten Wehrdienst, 90.000 Eingezogene wählten den Zivildienst.

Die Truppe soll kleiner und effizienter werden

Doch der Mangel an Wehrgerechtigkeit war sicher nur einer der Steine des Anstoßes für die von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg forcierte Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Juli. Ein anderer Grund waren die neuen Aufgaben der Bundeswehr, als zunehmend international agierender Eingreiftruppe nach dem Ende des Kalten Krieges. Hinzu kommt das haushaltspolitische Spardiktat, ein Resultat der enormen deutschen Staatsverschuldung.

Um 8,4 Milliarden Euro soll allein die Bundeswehr bis 2014 ihre Kosten reduzieren. Kleiner soll die Truppe werden und effizienter. Bleibt es bei den bislang vorgestellten Plänen aus dem Verteidigungsministerium wird die Zahl der Soldaten von derzeit knapp 240.000 auf etwa 185.000 reduziert.

Formell abgeschafft ist die Wehrpflicht übrigens nicht. Sie bleibt in Artikel 12 a, Absatz 1 des Grundgesetzes verankert. Allerdings soll keine Verpflichtung zum Wehr- oder Ersatzdienst mehr bestehen, stattdessen soll ein zwölf- bis 23-monatiger Freiwilligendienst geschaffen werden. Diese Freiwilligkeit würde dann auch für den Zivildienst gelten. Noch ist offen, wie die Bundeswehr künftig Jahr für Jahr bis zu 15.000 Freiwillige gewinnen will. Gleiches gilt für den Bundesfreiwilligendienst, der an die Stelle des Zivildienstes tritt. Hier sind 35.000 Stellen zu besetzen.

Besonders viele Studienanfänger

Erste Auswirkungen der Wehrpflichtaussetzung zeichnen sich indes an anderer Stelle ab: Die ohnehin angespannte Situation an Unis und Hochschulen verschärft sich. Der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), äußerte bereits die Sorge, dass die Hochschulen 2011 bis zu 50 000 zusätzliche Studenten aufnehmen müssten. Durch die doppelten Abiturjahrgänge in Bayern und Niedersachsen in diesem Jahr erwarten die Hochschulrektoren besonders viele Studienanfänger.

Etwa 40 Prozent eines Jahrgangs machen Abitur und erlangen damit die Berechtigung zu einem Hochschulstudium. Etwa 70 Prozent davon machen tatsächlich von diesem Recht Gebrauch. Im vergangenen Wintersemester kamen auf einen Uni-Professor im Schnitt bereits 60 Studierende. Eine Studie der Politologin Silke Gülker vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung kam jüngst zu dem Ergebnis, dass bis 2025 rund 30 000 Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter zusätzlich gebraucht würden, wenn zumindest der Status quo an den Unis und das derzeitige Betreuungsverhältnis erhalten bleiben sollen. Woher die finanziellen Mittel kommen sollen, weiß derzeit niemand so recht.

„Ideale Überbrückung“

Simon Heinrich sagt, mit Blick auf seinen weiteren Werdegang sei der Dienst als freiwillig Wehrdienstleistender eine „ideale Überbrückung“, weil er sich so die Zeit bei der Truppe genau habe aussuchen können. Vor dem Beginn der Uni im Herbst will er für mehrere Wochen mit Freunden nach Amerika reisen. Dass er als „Wehrfähiger“ heute zwar noch einberufen, aber nicht mehr gegen seinen Willen eingezogen würde, stört ihn nicht. Im Gegenteil hat er sich bereits freiwillig für die Reserve gemeldet.

Auch Dominic Julian John wollte „Zeit überbrücken“ und hat seinen ursprünglich im Dezember endenden Zivildienst beim hessischen Landesamt für Denkmalpflege bis zum 31. Juli verlängert. Nach Realschule und einer abgeschlossenen Ausbildung zum Elektroniker will der 22-Jährige von August an wieder die Schulbank drücken, um an einer Berufsschule in Wiesbaden das Fachabitur zu machen und dann zu studieren. „Während der Ausbildung habe ich gemerkt, dass ich den Job nicht ein Leben lang machen möchte“, erzählt er. Abbrechen sei für ihn „keine Alternative“ gewesen. Mit Blick auf seine berufliche Neuorientierung habe sich der Zivildienst als Glücksgriff erwiesen.

„Durch die Arbeit im Landesamt habe ich interessante Erfahrungen sammeln können und mich letztlich für eine Laufbahn im öffentlichen Dienst entschieden“, sagt John. Und: „Wer frisch aus der Schule kommt und nicht genau weiß, was er machen will, für den ist ein freiwilliger Dienst, ob beim Bund oder als Zivilist, sicher allemal besser als zu Hause rumzuhängen oder auf gut Glück eine Ausbildung anzufangen.“

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