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Veröffentlicht: 18.03.2017, 09:09 Uhr

Frauenrechte und Kopftuch „Die Gesellschaft hängt zu sehr an äußerlichen Merkmalen“

Am „Equal Pay Day“ ist das Thema Frauenrechte in aller Munde. Angesichts eines aktuellen Urteils wird außerdem wieder über das Kopftuch diskutiert. Diese Studentin verkörpert beide Debatten.

von Lukas Schöne
© Frank Röth Nabila Bushra stammt aus Pakistan. In Frankfurt hat sie gerade ihren Bachelor im Fach Soziale Arbeit erworben.

Für viele Menschen verkörpert Nabila Bushra einen Widerspruch. Sie ist praktizierende Muslimin, trägt Kopftuch - und setzt sich für Frauenrechte ein. An der Frankfurt University of Applied Sciences ist die 27 Jahre alte Studentin der Sozialen Arbeit Mitglied der Frauenkommission und will dafür sensibilisieren, dass es Rassismus und Diskriminierung auch an Hochschulen gebe.

 
Eine Studentin mit Kopftuch setzt sich für Frauenrechte ein. Wie geht das zusammen? #EqualPayDay

Für Bushra schließt es sich nicht aus, Muslimin zu sein und sich gesellschaftlich zu engagieren. Trotz ihres Glaubens - sie betet regelmäßig und hält sich an das Fastengebot - könne sie ihr Leben so führen, wie es ihr gefalle. Bushra, die in Pakistan geboren ist und seit 1992 in Deutschland lebt, sagt: „Die Gesellschaft hängt zu sehr an äußerlichen Merkmalen.“ Wenn man über Frauenrechte spreche, sei es doch egal, ob eine Frau gläubig sei und ein Kopftuch trage.

Die Hochschule hat Bushras Engagement mit dem Laura-Maria-Bassi-Preis gewürdigt. Er ist mit 1000 Euro dotiert und wird jährlich an Studenten und Mitarbeiter verliehen, die sich in besonderer Weise für Gleichberechtigung einsetzen. Bushra hatte im vergangenen Jahr eine vielbeachtete Podiumsdiskussion über Frauenrechte im Islam organisiert, zu der fast 400 Zuschauer gekommen waren.

„Frauenrechte nicht nur aus der Sicht weißer Frauen behandeln“

Für sie ist der Preis ein Zeichen dafür, dass die Hochschule ihr Anliegen endlich in die Öffentlichkeit tragen will. Als sie ihr Bachelor-Studium begonnen habe, sei ihr aufgefallen, dass viele heikle Themen kaum Beachtung gefunden hätten. Sie habe sich entschlossen, das zu ändern. „Es ist ein Problem, wenn es in der Gesellschaft rassistische und frauenfeindliche Tendenzen gibt, sie aber an der Hochschule nicht thematisiert werden.“ Und wenn sie angesprochen würden, dann oft nur einseitig. „Es nützt nichts, wenn Frauenrechte nur aus der Sicht weißer Frauen behandelt werden.“ Immer wieder macht Bushra die Hochschulleitung auf solche in ihren Augen falschen Betrachtungsweisen aufmerksam.

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Auch im studentischen Alltag gebe es Diskriminierung, beklagt die angehende Sozialarbeiterin. Sie habe selbst erlebt, wie in Vorlesungen Frauen mit Kopftuch das Wort abgeschnitten wurde und Sprüche fielen wie „Du hast doch zu Hause gelernt, zu gehorchen.“ Das sei rassistisch und sexistisch zugleich.

Anfeindungen in sozialen Netzwerken

Nabila Bushra ist eine Idealistin. Doch auch sie zweifelt manchmal. In sozialen Netzwerken wird sie angefeindet, ihre Familie, die sie selbst als „bildungsfern“ bezeichnet, versteht ihr politisches Engagement nicht. Auch konservative islamische Gruppen kritisieren sie. „Wenn ich mich für die Rechte verschleierter Frauen einsetze, wird mir gesagt, dass ich nicht mitreden könne, weil ich keinen Schleier trage“, berichtet sie.

Doch aktuelle Ereignisse wie die Wahl Donald Trumps und islamfeindliche Äußerungen bestärken sie weiterzumachen. Sie hofft, auch andere Studenten zu mehr Engagement ermuntern zu können. „Ich mache das nicht trotz, sondern wegen der momentanen Lage.“

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