05.05.2007 · Immer mehr Frauen studieren eine Naturwissenschaft. Auch wenn sie gut sind: Karriere ist schwierig. Einige Hochschulen fördern Wissenschaftlerinnen. So wie das Europäische Molekularbiologische Labor in Heidelberg.
Von Ursula KalsMelina Schuh verbringt viele Stunden gut gelaunt im Kellergeschoss des EMBL vor dem Computer. Hierauf spielt sie Bilder, die ihr ein konfokales Mikroskop liefert. Durch dieses Lichtmikroskop können virtuelle optische Schnitte durch ein Objekt erzeugt werden. Dank ausgefeilter Software werden diese Schnittbilder dann zu einer räumlichen Darstellung zusammengesetzt. Im Blick hat die Doktorandin die Entwicklung von Maus-Eizellen. Sie betrachtet Aufnahmen von dünnen Schnitten innerhalb der Eizelle. Melina Schuh will wissen, wie eine befruchtungsfähige Eizelle entsteht, und zwar anhand eines Organismus, der mit dem des Menschen verwandt ist. Wenn die Stipendiatin, die in Bayreuth Biochemie studiert hat, über das Thema ihrer Doktorarbeit spricht, ist ihr die Faszination anzumerken. Und auch die Freude darüber, eine Doktorandenstelle in der "Gene Expression"-Gruppe im EMBL ergattert zu haben.
European Molecular Biology Laboratory heißt das international vernetzte Forschungsinstitut auf dem Heidelberger Boxberg, das 1974 gegründet wurde und inzwischen von 19 westeuropäischen Staaten und Israel unterstützt wird. Das Forschungslabor verfolgt vier Ziele: Es betreibt Grundlagenforschung in der Molekularbiologie. Wissenschaftler in den Mitgliedstaaten können die Geräte und Datenbanken für ihre Forschung nutzen. Mitarbeiter und Studenten werden ausgebildet. Und schließlich werden hier neue Geräte für die biologische Forschung entwickelt. Das Hauptlabor befindet sich in Heidelberg, weitere Standorte sind Hamburg, Grenoble, das italienische Monterotondo und das britische Hinxton. Kurzum, das Labor ist eine erste Adresse für Wissenschaftler geworden.
Und auch für Wissenschaftlerinnen. Um junge Frauen zu einer Forscherinnenkarriere zu ermutigen, gehen die Mitarbeiterinnen gezielt in Schulen, Universitäten und laden Schüler zu sich ein (siehe Kasten). Das scheint trotz respektabler Zahlen notwendig. Zwar sind längst die meisten neuen Biologen weiblich, ähnlich sieht es in der Chemie aus, und auch in der Mathematik stellen Frauen die Mehrzahl der Absolventen. Weitaus geringer ist allerdings der Frauenanteil bei der Physik, der Informatik und in den Ingenieurwissenschaften und fächerübergreifend vor allem dann, wenn es um renommierte Positionen geht: Mit einem Professorinnen-Anteil von nur 5,9 Prozent an Universitäten rangiert Deutschland ziemlich weit hinten im internationalen Vergleich. In Finnland sind es laut EU-Statistik 18,4 Prozent und in der Türkei sogar 21,5 Prozent.
Karrierestart mit Fruchtfliegen
Ob Melina Schuh später einmal eine Professur anstrebt, das weiß sie noch nicht. Glasklar fest steht aber, dass sie in der Forschung bleiben möchte. "Akademisches Forschen macht mir ganz viel Spaß. Für mich ist es ein großes Geschenk, an der Basis des Lebens etwas anschauen zu können." So wie bei den Ovarien von Mäusen. Die 26-Jährige untersucht, wie die Chromosomenverteilung bei der Befruchtung zustande kommt, ein noch wenig erforschter Mechanismus, der - wenn er denn durchleuchtet ist - später helfen kann, Chromosomendefekte zu verhindern oder Gründe für eine Unfruchtbarkeit zu erkennen.
Birgit Kerber hat ihre wissenschaftliche Karriere nicht mit Mäuse-Ovarien, sondern mit Ausscheidungsorganen bei Fruchtfliegen gestartet. "Das hat mich richtig gepackt mit den Fliegen und genau zu schauen, wie sich deren Organe entwickeln, und zu sehen, wie es dazu kommt, dass es eine festgelegte Größe gibt", sagt die promovierte Biologin und schwärmt bei aller nüchternen Naturwissenschaftlichkeit von der "Faszination für ein Thema". Als sie sich für das Studium der Biologie in Marburg eingeschrieben hat, war sie unter den 130 Erstsemestern die einzige Frau. Entschieden hat sich die heute 37-Jährige für das Fach auch durch "sehr gute Biologielehrer, die meine Begeisterung geweckt haben". Vor allem das Gebiet der Genetik hat sie gepackt, "ich wollte wissen, wie das geht". Promoviert hat sie dann am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie. Und den Spagat zwischen Kindern und Karriere hat Birgit Kerber auch hinbekommen. Sie arbeitet Teilzeit im Unternehmen Emblem, das auf Technologietransfer spezialisiert ist und sich mit der Patentierung und Vermarktung der am EMBL entstandenen Erfindungen beschäftigt. Hier leitet sie den Bereich Intellectual Property Management, "ein sehr dynamisches Feld". Ihr Nachwuchs, zwei und drei Jahre alt, ist fünf Stunden am Tag im institutseigenen Kindergarten untergebracht. "Das ist sehr beruhigend, wenn etwas ist, kann ich rübergehen. Ich habe das Beste aus beiden Welten", sagt die Frau eines Physikers. Sie wird übrigens in ihre ehemalige Schule im saarländischen Dillingen gehen, um Mädchen für den Beruf zu begeistern.
Keine Lust auf das Old-boys-Network
Als Botschafterin für Wege in den Naturwissenschaften ist auch Rebecca Wade unterwegs. "Die Vielfältigkeit, die Frauen mitbringen, ist gut für die Wissenschaft", sagt die Britin, die bisher rund 130 wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht hat und die Arbeitsgruppe "Molecular and Cellular Medling" des European Media Laboratory, eines privaten Forschungsinstituts in Heidelberg, leitet. Biophysik hat sie in Oxford studiert, Chemie in den Vereinigten Staaten, in Deutschland Informatik. "Ich mache viel interdisziplinär. Wir versuchen, Biomoleküle zu verstehen, zu verstehen, wie sie funktionieren im Hinblick auf Werkstoffentwicklung." Abwanderungspläne haben sie und ihr Mann, ein Bioinformatiker, nicht. "Heidelberg ist wunderschön", sagt sie, außerdem haben die beiden 8 und 12 Jahre alten Söhne hier ihre Freunde. Ein weiterer Grund: "Es ist schwierig, für zwei Karrieren, die auf ziemlich hoher Ebene sind, Herausforderungen zu finden. Die Bedingungen hier sind gut." Professorenstellen hat sie abgelehnt - "Ich hatte wenig Lust auf das ,Old-boys-Network' - und schätzt die große zeitliche Flexibilität ihres Arbeitgebers.
Auf dem Boxberg, wo Rebecca Wade neun Jahre geforscht hat, sind die Arbeitszeiten ohnehin ungewöhnlich. Um zwei Uhr am Sonntagmorgen noch Laborlichter zu sehen ist hier keine Seltenheit. Sabine Schmidt trifft man zu nachtschlafender Zeit allerdings nicht an. Sie ist einer von 600 Heidelberger EMBL-Mitarbeitern und als sogenannter Technical Officer beim Genomics Core Facility tätig.
Deutsche Rabenmütterdiskussion
Studiert hat sie Biotechnologie an der Universität für Angewandte Wissenschaft in Mannheim und war danach beim Deutschen Krebsforschungsinstitut und bei einem Start-up-Unternehmen. Die Diplom-Ingenieurin verbringt einen Großteil ihres Arbeitstages mit der Gen-Expression-Analyse. "Wir schauen uns Gewebe an, gesund gegen krank, behandelt gegen unbehandelt." Dazu gehören auch Tumorproben von Kliniken, häufig Leber-, Brust- oder Hodengewebe. "Wir betreiben keine Diagnostik, aber suchen auf genetischer Ebene nach Unterschieden, die zwischen gesund und krank unterscheiden. Zum Beispiel sind Stoffwechselwege in der Leber nicht hundertprozentig bekannt. Es geht darum, Vorgänge in den Genen, also Muster, zu verstehen." Ihr Tagesablauf sieht immer anders aus. Die 34-Jährige ist in bis zu sieben parallel arbeitende Projekte einer Serviceeinheit eingebunden, die international vernetzt ist. Proben kommen aus ganz Europa, manchmal auch aus Australien. Keine Frage, dass die Umgangssprache Englisch ist. Die Kinder-Karriere-Frage sei übrigens gerade bei den wechselnden ausländischen Kollegen immer wieder Thema. "Meine Kollegen aus Frankreich oder Portugal finden die deutsche Rabenmutterdiskussion mittelalterlich. Ganz abgesehen davon: Wer in der Wissenschaft drei Jahre Pause macht, der ist draußen."
Botschafterinnen
- Das Europäische Molekularbiologische Labor, kurz EMBL, engagiert sich gemeinsam mit der Europäischen Organisation für Molekularbiologie, EMBO, und dem Genfer Institut für Kernphysik, CERN, im europaweiten Projekt SET-routes. Ziel des Programms ist es, Mädchen und junge Frauen zu ermutigen, sich zu Schulzeiten für die Naturwissenschaften zu entscheiden. Andererseits sollen Wissenschaftlerinnen Wege in die Führungspositionen gezeigt werden.
- Am Mittwoch, 9. Mai, beginnt eine dreitägige Start-up-Konferenz in Heidelberg, die internationale Wissenschaftler, Politiker und wissenschaftliche Entscheidungsträger an einen Tisch bringt (www.set-routes.org/conference/index.html).
- Außerdem gibt es ein Botschafterprogramm für Schulen und Universitäten. Angehende Wissenschaftlerinnen aus ganz Europa besuchen ihre ehemaligen Schulen und halten dort Vorträge über ihren Weg in die Wissenschaften. Überdies referieren Forscherinnen an Universitäten über Karriereperspektiven für Studentinnen.
- Ausführliche Informationen gibt es unter www.set-routes.org
Naturwissenschaft und Karriere
Sophia Orti (rum)
- 05.05.2007, 13:37 Uhr
Ursula Kals Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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