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Forscherkarrieren Der lange Aufstieg zum Olymp

29.11.2009 ·  Viele Absolventen träumen von einer Karriere in der Wissenschaft. Wer es wirklich bis zur Professur schaffen will, muss motiviert und zielstrebig sein - aber auch gut betreut werden.

Von Nina Brodbeck
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Norbert Koch hat Grund, entspannt zu sein: Vor kurzem hat er den Ruf auf eine Professur für „Molekulare Systeme“ am Institut für Physik der Berliner Humboldt-Universität erhalten, wo er seit fünf Jahren eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Nachwuchsgruppe für physikalisch-chemische Grundlagenforschung leitet. Jetzt ist der Physiker auf dem Olymp der Wissenschaften angekommen - und mit gerade mal 38 Jahren ein Prototyp für den Typus „Erfolgreicher Nachwuchsforscher“, den eine Studie des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (IFQ) als fokussiert, engagiert und strategisch orientiert beschreibt.

Für die Untersuchung wurde eines der bekanntesten Förderprogramme für Postdoktoranden in Deutschland, das Emmy-Noether-Programm der DFG, unter die Lupe genommen. Auch Norbert Koch ist Stipendiat dieses Programms. „Uns ist aufgefallen, dass die meisten ,Emmys' ihre Projektideen mit großer Hartnäckigkeit verfolgen und sehr früh dezidierte Vorstellungen haben, wie ihre akademische Karriere ablaufen soll“, sagt Susan Böhm, eine der Autorinnen der Studie.

Noch etwas ist Böhm aufgefallen: die Schlüsselfunktion von Mentoren. Erfahrene Kollegen können den Karriereweg von Nachwuchsforschern maßgeblich beeinflussen. „Er war mein Vorbild“, sagt zum Beispiel Norbert Koch über den Professor, der seine eigene Diplomarbeit betreut hat. „Er hat mich so richtig für die Forschung fasziniert und mir Spielraum beim Bearbeiten der Themen gelassen.“

Viel Arbeitszeit geht für promotionsfremde Leistungen drauf

Freiheiten gewähren, Leistung über positive Motivation einfordern - das ist für den gebürtigen Kärntner die richtige Mischung, mit der Mentoren dem wissenschaftlichen Nachwuchs den Weg ebnen können. Das gilt vor allem für die Zeit der Promotion, die nach wie vor der klassische Türöffner zur Hochschulkarriere ist. Fatal, wenn sich da zwischen Professor und Doktorand Schwierigkeiten auftun. „Betreuungsprobleme zählen zu den Hauptgründen, warum Studenten an der Doktorarbeit scheitern“, sagt jedenfalls Marcus Müller. Er ist der Bundesvorsitzende des Promovierenden-Netzwerks Thesis, dessen Umfragen ergeben haben, dass ein Viertel der Doktoranden mit der Betreuungssituation sehr unzufrieden ist. Angehenden Doktoranden rät Müller deshalb, die Rahmenbedingungen möglichst früh und genau abzustecken: Was erwartet der Doktorand? Was der Professor? Am besten sei es, das sogar schriftlich festzuhalten; als Hilfestellung dabei mag das „Best Practice“-Papier dienen, das Thesis zusammen mit dem Deutschen Hochschulverband (DHV) erarbeitet und auf seine Internetseite gestellt hat.

Die Thesis-Umfrage ergab ein weiteres Problemfeld: Bis zu 50 Prozent der Arbeitszeit von Doktoranden werden demnach von sogenannten promotionsfremden Leistungen aufgezehrt - das sind Lehrverpflichtungen, Verwaltungsaufgaben oder Forschungsprojekte, die nichts mit dem eigenen Promotionsthema zu tun haben. „Das schnürt den Doktoranden regelrecht die Luft ab“, warnt Müller.

Finanzierungsprobleme führen oft zum Abbruch

Ein häufiger Abbruchgrund sind auch Finanzierungsprobleme. Vor allem Geisteswissenschaftler sind auf Stipendien angewiesen, weil es für wenige Nachwuchsstellen gibt. Franziska Schilling etwa hat dreimal versucht, ein Stipendium für ihre Doktorarbeit im Fach Kunstgeschichte zu ergattern - vergeblich. Damit war der Traum vom Doktortitel ausgeträumt, trotz eines sehr guten Magisterabschlusses und des Zuspruchs ihres Professors, wie die heute Zweiunddreißigjährige betont. Durch die Wartezeiten habe sie außerdem fast zwei Jahre verloren, in denen sie sich mit Nebenjobs über Wasser hielt. Übrig blieben Frust, Angst vor der Zukunft - und die große Frage, was sie denn nur falsch gemacht habe bei der Planung ihrer Karriere. „Am Ende deines Studiums wirst du getriezt, nur ja schnell fertig zu werden“, sagt sie bitter. „Dann machst du den Abschluss und auch noch gut - aber dann heißt es plötzlich, es reicht immer noch nicht - du brauchst einen Doktor.“

Wie viele ihrer Kommilitonen hätte sich Schilling gewünscht, dass sie schon während ihres Studiums auf die Zeit danach vorbereitet worden wäre. Dass es an diesem Punkt eine Schwachstelle gibt, bemängelt auch die DFG. „Das Problem ist, dass es keine gerichteten Karrierepfade gibt, an denen sich der wissenschaftliche Nachwuchs orientieren kann“, kritisiert DFG-Mitarbeiterin Annette Schmidtmann. „Die Universitäten müssten gerade den Mittelbau fördern und frühzeitig beraten, wohin die Reise gehen kann, anstatt den Nachwuchs ohne Karriereperspektiven einzusetzen.“ Was dann droht, ist das Versanden im schon oft beschriebenen „akademischen Prekariat“.

Gezielte Vorbereitung

Wie Studenten dagegen gezielt auf die Forscherpraxis vorbereitet werden können, zeigt die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy in ihren Projektseminaren. „Das ist eine gute Möglichkeit, Forscherpersönlichkeiten zur Entfaltung zu bringen“, sagt die 37 Jahre alte Französin. Sie selbst hat eine der ersten Juniorprofessuren in Deutschland an der TU Berlin erhalten - eine wissenschaftliche Bilderbuchkarriere.

Jetzt möchte Savoy ihre eigenen positiven Erfahrungen weitergeben. Gemeinsam mit einer interdisziplinären Studentengruppe hat sie sich dafür das 700 Seiten starke zweibändige Werk „Leben und Kunst in Paris seit Napoleon I.“ aus der Feder der Berlinerin Helmina von Chézy vorgenommen, das 1805 zum ersten und bisher letzten Mal veröffentlicht wurde. Seite für Seite haben die Studenten ausführlich kommentiert und so für die Forschung wieder zugänglich gemacht. Das Ergebnis ist im Juni im Akademie Verlag erschienen. „Für junge Wissenschaftler ist diese dynamische Form der Aneignung eine wertvolle Erfahrung, die ihnen die Möglichkeit bietet, professionell einzusteigen“, erläutert Savoy das Projekt. Möglicherweise dauere das ein Semester länger, aber am Ende hätten sie eine eigene Publikation vorzuweisen.

Savoys Ratschlag an den Nachwuchs? „Werdet sichtbar! Und geht dabei nicht allzu strategisch vor.“ Wichtig sei es, die Sache um der Sache willen zu machen, mit Konsequenz, Konzentration und Freude. „Ein Wissenschaftler, der dieses Feuer für die Forschung hat, wird auch von den maßgeblichen Leuten erkannt.“

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