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Flüchtlingskrise : Nachhilfe für Lehrer

  • -Aktualisiert am

Hier werden Flüchtlinge von angehenden Lehrern unterrichtet. Bild: Prompt

Die Flüchtlingskrise und ihre Folgen für Lehramtsstudenten: Es winken zwar mehr Stellen, aber viele sind vom Umgang mit traumatisierten Kindern überfordert. Wie die Ausbildung sich ändern muss und wo sich schon jetzt etwas tut.

          Jeden Montag, pünktlich um 14 Uhr, eröffnet Marwah Reza-Jakubi gemeinsam mit einem Kommilitonen den Deutschunterricht in der Kölner Herkulesstraße. Und jeden Montag erwartet die beiden Lehramtsstudenten hier eine Überraschung: Bevor sie die Klassenräume im Kinder- und Jugendtrakt der Kölner Flüchtlingsnotunterkunft betreten, wissen sie nicht, wen sie diese Woche unterrichten werden. „An einem Tag stehen wir vor einer Gruppe junger Mädchen aus verschiedenen Nationen, am nächsten Tag sind fast nur ältere Jugendliche aus Afghanistan in der Klasse“, berichtet Reza-Jakubi. „Manche Kinder können noch kein Wort Deutsch und sind nie zur Schule gegangen, andere standen in ihrer Heimat schon kurz vor dem Schulabschluss.“ In der Kölner Notunterkunft für Flüchtlinge kommen all diese Kinder und Jugendlichen mit ihren Familien unter, bevor sie abgeschoben oder in anderen Unterkünften untergebracht werden. Manche bleiben nur einige Wochen, andere für Monate oder länger.

          Für Reza-Jakubi und ihre Kommilitonen, die hier den Deutsch-Förderunterricht leiten, heißt das: Jede Woche müssen sie sich aufs Neue ein Unterrichtskonzept überlegen, das den Bedürfnissen der Kinder gerecht wird - ob nun neu angekommen oder schon seit langem hier. „Das ist eine große Herausforderung, und wir lernen dabei unheimlich viel“, sagt sie. Das Kölner Projekt „Prompt“, bei dem angehende Lehrer Flüchtlinge unterrichten, ist für die Studenten mehr als nur privates ehrenamtliches Engagement: Ein Semester Sprachförderunterricht in der Notunterkunft wird als Berufsfeldpraktikum angerechnet, ein Pflichtbestandteil des Bachelor-Studiums. Die Universität bietet begleitende Seminare und Workshops an, die Studenten bekommen psychologische, fachliche und methodische Unterstützung.

          Gilt als vorbildlich: Das Kölner Projekt „Prompt“
          Gilt als vorbildlich: Das Kölner Projekt „Prompt“ : Bild: Prompt

          „Das Interesse der Studierenden an dem Projekt ist riesig. Wir haben sehr lange Wartelisten“, sagt Juliane Ungänz vom Kölner Zentrum für Lehrerbildung. Das Thema Flüchtlingskinder treibt derzeit viele Lehramtsstudenten um. Und zwar auch, weil sie wissen: Wenn sie nach Studium und Referendariat ins Lehramt starten, werden in ihren Klassen wahrscheinlich viele Flüchtlingskinder sitzen. Darauf wollen sie sich vorbereiten.

          Wachsende, statt schrumpfender Klassen

          Insgesamt müssen in Deutschland dieses Jahr rund 325.000 Flüchtlingskinder in deutschen Schulklassen aufgenommen werden. Für die Schulen, die sich seit Jahren auf abnehmende Schülerzahlen eingestellt haben, ist schon die schiere Menge eine Herausforderung. Die Bundesländer gehen davon aus, dass insgesamt 20.000 zusätzliche Lehrer gebraucht werden. Einige Länder haben schon damit begonnen, neue Stellen zu besetzen: Nordrhein-Westfalen zum Beispiel hat im laufenden Schuljahr 674 zusätzliche Lehrerstellen und 300 Integrationsstellen geschaffen, insgesamt sollen mehr als 2600 zusätzliche Lehrer eingestellt werden.

          Für Lehramtsstudenten, die bald ihre Ausbildung abschließen, sind das einerseits gute Nachrichten. Aber oft treten sie ihre erste Stelle auch mit einem unguten Gefühl an. Sie fühlen sich schlecht vorbereitet auf die Integration der Flüchtlinge in ihren Klassen, wissen nicht genau, was sie erwartet. Denn in der Lehramtsausbildung sind zwar meistens theoretische Seminare zu interkulturellem Lernen vorgesehen. Praxisorientierte Kurse, in denen angehende Lehrer zum Beispiel lernen, wie man Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, sind jedoch nur als freiwillige Zusatzqualifikation im Angebot - wenn überhaupt.

          Selbst erfahrene Lehrkräfte sind mit der neuen Situation oft überfordert. Denn sie wurden nicht auf die besonderen Bedürfnisse der Flüchtlingskinder vorbereitet. „In Schulen, in denen schon seit langem hohe Anteile von Kindern mit Migrationshintergrund in den Klassen sind, können die Lehrkräfte mit der Situation oft gut umgehen“, sagt Marlis Tepe, Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW. „Sie haben sich meist schon zum Thema Mehrsprachigkeit fortgebildet und viel Erfahrung mit der Integration von Kindern aus anderen Ländern und Kulturen.“ Doch anderswo fehlt vielen Lehrern dieses Wissen. „Hinzu kommt: Wir wissen aus der Erfahrung mit Flüchtlingskindern, die während des Balkankriegs zu uns kamen, dass diese Kinder besondere Unterstützung brauchen. Sie sind oft traumatisiert, darauf müssen Lehrer reagieren können“, sagt Tepe. Die Fortbildungsinstitute für Lehrer können die Nachfrage nach Weiterbildungen zum Thema kaum noch bedienen. Und an den Universitäten sind die entsprechenden Seminare, so vorhanden, völlig überlaufen.

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