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Flüchtlinge an der Hochschule : Die hohe Kunst der Integration

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Fixpunkt: Rayan Abdullah, Professor für Typographie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, im Kreise seiner Erstsemester. Bild: Matthias Lüdecke

Ein renommierter Designer lockt Kreative und Künstler unter den Flüchtlingen nach Leipzig an die Hochschule. Sein Erfolg ist beachtlich - aber auch unsicher.

          Die Ocean Drum rauscht, das Geräusch des Musikinstruments erinnert ans Meer. Einige der Zuhörer sind im vergangenen Jahr über das Mittelmeer nach Deutschland geflüchtet. Ihnen und weiteren sechzig Studienanfängern gilt die Immatrikulationsfeier der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), der die brandende Musikeinlage vorausgeht. „Veränderungen sind der wichtigste Motor für die Kunst“, sagt Ralf Hartmann, amtierender Rektor der HGB, in seiner Ansprache. „Sie sind insbesondere gut für ein Haus, das auf eine über 250-jährige Geschichte zurückblickt, in der immer wieder äußere Impulse zu einer Weiterentwicklung geführt haben.“

          Die größte Veränderung in diesem Jahr stellt die neugegründete Akademie für transkulturellen Austausch (ATA) an der Leipziger Kunsthochschule dar. Sie bietet Flüchtlingen in Deutschland im neuen Wintersemester die Möglichkeit, als ordentlich immatrikulierte Studenten ihr abgebrochenes Kunst- oder Designstudium fortzusetzen. Eine Studentin und vierzehn Studenten aus Syrien und dem Irak sind an der ATA aufgenommen worden. Einige können erst in den kommenden Wochen ihr Studium beginnen, wenn ihr Asylverfahren abgeschlossen ist und sie nach Leipzig ziehen dürfen. Das Überschreiten von Grenzen zwischen den Kulturen - die sogenannte Transkulturalität - ist ein Schwerpunkt des Studiums. Rektor Hartmann sagt, dass sie nicht mehr zwischen Eigenkultur und Fremdkultur unterscheide und keine Integration einer Kultur in eine andere oder das Verschmelzen von Kulturen sei.

          Rayan Abdullah, Professor für Typographie an der HGB, fragt die Erstsemester: „Ändert sich Kunst dadurch, dass sie die Grenze überschreitet? Während wir in Deutschland über einen weißen Raum reden, warum existieren in anderen Ländern flächendeckend Ornamente und Farben? Ist ihre Bildsprache oder Farbharmonie anders?“ Er fordert seine Studenten auf, neugierig zu sein und einander Fragen zu stellen. So sei der Kreis im Islam die wichtigste geometrische Form, während im deutschen Raum das Viereck verbreitet sei, welches man auch verlängern könne und somit viel mehr Spielräume habe. „Legt ab und zu eure Brillen weg“, bittet Abdullah - um den beiderseitigen Perspektivwechsel zu fördern.

          Neo Rauch studierte hier

          Die Gründung der Akademie, die dieses in Deutschland einmalige Studienprogramm anbietet, war kein Selbstläufer. Ralf Hartmanns Vorgängerin Ana Dimke bat mit Blick auf die zahlreichen Geflüchteten, zu überlegen, welchen Beitrag die HGB leisten könne. Im Herbst 2015 wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die Abdullah leitet. Die Mitglieder diskutierten kontrovers, verschiedene Konzepte waren zu komplex und scheiterten an administrativen Hürden. Doch im Juni 2016 bewilligte der Senat der HGB einstimmig die Einrichtung, wofür eigens die Immatrikulationsordnung geändert wurde. Die Kunsthochschule in Leipzig unternimmt mit dieser Akademie auch den Versuch, sich selbst zu erneuern. Hartmann sagt, dass vieles, was in der Kunst nach siebzig Jahren Wohlstand behandelt werde, sich für andere, die diese Erfahrung nicht teilen, ganz anders darstelle.

          Die traditionsreiche HGB, die Künstler wie Neo Rauch hervorgebracht hat, bietet im zweijährigen Grund- und dreijährigen Hauptstudium diverse Fächer an: Malerei und Grafik, Buchkunst und Grafik-Design, Fotografie und Medienkunst sowie das weiterbildende Masterprogramm „Kulturen des Kuratorischen“. Die Durchlässigkeit der Genres und die gut ausgestatteten Werkstätten der Hochschule ziehen viele nationale und internationale Bewerber an, und ein Fünftel der Studenten kommt bereits aus dem Ausland. Dieser Anteil hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt und trägt zum Ziel bei, Netzwerke mit internationalen Hochschulen zu festigen.

          Der Iraker Raisan Hameed, 25 Jahre alt, ist einer der neuen ATA-Studenten. Der zierliche Mann mit Elvis-Tolle und modelliertem Bart hat am College of Fine Arts im irakischen Mossul Malerei studiert und sein Studium als Pressefotograf finanziert. Der künstlerische Gestaltungsspielraum war dort allerdings eingeschränkt. „Aktmalerei ist verboten. Es gibt keine Freiheit“, sagt er. Als die Terroristen des IS seine Geburtsstadt besetzten, floh er mit seiner Familie in die nordirakische Stadt Arbil und musste sein Studium abbrechen. Er konnte auch nicht weiter fotografieren, da die Polizei ihm auf der Straße die Kamera zerschlagen hatte. „Nicht alles soll dort fotografiert werden“, sagt er.

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