10.12.2007 · Florian Gimbel ist 35 Jahre alt und war bis vor kurzem Auslandskorrespondent der Financial Times in Hongkong. Jetzt studiert der gebürtige Österreicher an der Kennedy School of Governmnent - das Interview.
Sie haben sich für Ihr Studium für ein Jahr von Ihrem Job freistellen lassen. Was hat Sie dazu bewegt?
Für mich waren drei Gründe ausschlaggebend. Erstens wollte ich mein Wissen über Finanzwissenschaft und Fondsmanagement vertiefen und gleichzeitig neue Gebiete wie „social entrepreneurship“ erkunden. Ich genieße es, mit unglaublich hellen Köpfen in einer Klasse zu sitzen, und lerne viel durch die Interaktion mit den Studenten. Für jemanden mit Neugier und Wissensdurst ist Harvard ein einziges Schlaraffenland. Zweitens wollte ich mir Zutritt zum weltweiten Netzwerk der Harvard-Absolventen verschaffen. Der dritte Grund war für mich die „Marke Harvard“. Wenn man schon das Risiko einer beruflichen Auszeit auf sich nimmt, dann muss es eine der Top-Schulen der Welt sein.
Harvard bietet eine Fülle von Kursen und Veranstaltungen. Wie lässt sich dieses Zusatzangebot mit dem eigentlichen Studienziel verbinden?
Natürlich besuche ich auch Kurse, die für mich nicht unmittelbar relevant, aber einfach einzigartig sind – zum Beispiel einen Kurs über internationale Politik, der von ehemaligen Beratern des amerikanischen Präsidenten gehalten wird. Oder ich kann einen Kurs über die Hintergründe des Irak Kriegs besuchen mit Leuten, die selbst versucht haben, den zivilen Wiederaufbau des Landes voranzubringen. Alle paar Tage stehen Limousinen mit Sicherheitsleuten vor der Uni, weil wieder einmal ein Präsident oder Minister vorbeikommt, um einen Vortrag zu halten. Für ausländische Staatsgäste ist der Zwischenstopp ein fixer Bestandteil ihres Besuchsprogramms, weil sie damit die zukünftige amerikanische Elite ansprechen können.
Was gefällt Ihnen am Mid-Career-Programm besonders?
Mir war wichtig, dass ich kein standardisiertes Programm wie einen klassischen MBA geboten bekomme mit Kursen, die ich schon kenne oder nie brauchen werde. Hier kann ich mir die Rosinen sämtlicher Harvard-Fakultäten heraussuchen und das Studium genau auf meine beruflichen Bedürfnisse zuschneiden.
Was ist in Harvard anders als an deutschen oder österreichischen Unis?
Harvard kann sich das beste Lehrpersonal und die besten Forschungseinrichtungen leisten. Und: Harvard wird seit seiner Gründung als privatwirtschaftliches Unternehmen geführt. Hier gilt das Motto: „The customer is king!“ Die meisten Studenten sind mit 100-prozentigem Einsatz bei der Sache, im Gegenzug müssen auch die Professoren Einiges bieten. Es ist durchaus üblich, dass Studenten nach einer besonders gelungenen Vorlesung aufstehen und begeistert applaudieren. So etwas kommt an den meisten europäischen Universitäten eher selten vor.
Wie funktioniert die Evaluierung an der Kennedy School?
Die Professoren stehen unter einem erheblichen Erfolgsdruck. In den ersten Tagen des Semesters, den sogenannten „Shopping days“, ziehen die Studenten von Seminar zu Seminar, die Professoren preisen ihre Lehrveranstaltungen an. Gefallen einem die ersten Seminartermine nicht, wird der Kurs durch einen anderen ersetzt. Am Ende wird jeder Vortragende und jedes Seminar von den Studenten evaluiert, die Ergebnisse werden selbstverständlich veröffentlicht. Jeder weiß, dass schlechte Ergebnisse nicht förderlich sind für die Karriere eines Dozenten.
Was hat Sie am meisten überrascht?
Was ich nicht unbedingt erwartet hätte ist, wie hart hier gearbeitet wird. Chronischer Schlafmangel ist für viele Studenten ein ganz natürlicher Aspekt des Studiums. Die Studenten gehen große Risiken ein, viele haben ihren Job aufgegeben und Schulden aufgenommen, um hier zu studieren. Sie sind also fest davon überzeugt, dass sich diese Investition lohnen wird. Überrascht hat mich auch die Offenheit und Freundlichkeit meiner Studienkollegen. Arrogant war bisher noch keiner.
Gibt es etwas, das nicht begeistert?
Die Kennedy School ist ziemlich spartanisch ausgestattet: Winzige Schließfächer, betagte Seminarräume, unterdurchschnittliches Kantinenessen. In den besonders beliebten Veranstaltungen sind außerdem auch die Teilnehmerzahlen überraschend groß – aber in den Kursen, die ich besucht habe, hat der Professor es geschafft, bis zu 100 Studenten voll in seinen Bann zu ziehen.
Wie ist Ihre Erfahrung mit Rekrutierungsveranstaltungen?
Die haben manchmal einen gewissen Unterhaltungswert – es kommt ja nicht alle Tage vor, dass millionenschwere Investmentbanker oder freundliche CIA-Mitarbeiter um die Gunst von Studenten buhlen. Einige internationale Beratungsfirmen machen außerdem ganz gezielt deutschsprachige Studenten ausfindig und laden sie zum Abendessen ein. Auch das ist an deutschen oder österreichischen Unis eher unüblich.
Wie finanzieren Sie Ihr Studium?
In Deutschland und Österreich unterliegen öffentliche Stipendien zumeist einer Altersgrenze, die den typischen Mid-Career-Studenten faktisch von den Förderungen ausschließt. Und wer einen großen Studienkredit aufnehmen möchte, wird in Europa zumeist Schwierigkeiten haben. In den Vereinigten Staaten werden relativ günstige Studienkredite zwar angeboten, aber nur für amerikanische Staatsbürger. Ich finanziere mein Studium deshalb fast zur Gänze aus eigenen Mitteln.
Lohnt sich diese Investition?
Davon bin ich absolut überzeugt. Aber selbst die beste Kosten-Nutzen Rechnung kann den vollen Wert dieses Jahres nicht erfassen. Man muss vielleicht Harvard wirklich selbst erlebt haben, um zu verstehen, warum so viele Leute dafür bereitwillig ein finanzielles Risiko eingehen.