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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Fernstudium Der Hörsaal steht im Internet

 ·  Die größte Hochschule der Welt hat ihren Sitz in der englischen Retortenstadt Milton Keynes. Einzige Voraussetzung für das Online-Studium an der Open University ist ein Mindestalter von 18 Jahren. Das lässt deutsche Hochschulbürokraten erschaudern.

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Der erste Eindruck täuscht. Die Kleinstadt Milton Keynes in der englischen Grafschaft Buckinghamshire, deren Silhouette trist und nüchtern erscheint, ist in puncto Freizeit oder Grundversorgung ein stiller Ort der Superlative: Denn dort ist neben dem mit 720 Metern längsten Einkaufszentrum Englands auch Europas größte Indoor-Skihalle zu finden, mit der "National Bowl" außerdem eine gigantische Musikarena - und der Hauptsitz der größten Fern-Universität der Welt.

Vor anderthalb Jahrzehnten bot die "Open University" (OU) in der 1967 gebauten Retortenstadt ihre ersten Kurse an, gegenwärtig sind insgesamt 210.000 Studenten eingeschrieben. Hinter dem Erfolg steht ein außergewöhnliches Konzept: Um formale Hochschulzugangsberechtigungen wie das deutsche Abitur schert sich in Milton Keynes niemand, die einzige Studienvoraussetzung ist ein Mindestalter von 18 Jahren.

Auch in Deutschland ist die OU auf Wachstumskurs: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl ihrer in Deutschland wohnenden Studenten von rund 640 auf 1430 mehr als verdoppelt; die meisten von ihnen sind berufstätig und zwischen 31 und 40 Jahre alt. Einer der deutschen OU-Pioniere war Stefan Jauernig aus dem nordrhein-westfälischen Frechen. Mangels Abitur war dem heute 44 Jahre alten selbständigen Versicherungsmakler der Weg an die deutschen Hochschulen verbaut, als er sich vor 14 Jahren zum ersten Mal für einen Kurs der Open University einschrieb. Was für viele damals noch sehr exotisch klang, gefiel Jauernigs Vorgesetzten in der Niederlassung einer britischen Versicherung dafür umso mehr. "Sogar die konservativen Sirs und Lords im Vorstand fanden das gut", berichtet er von der Reaktion auf seine Weiterbildungsinitiative. Und die im Fernstudium gesammelten Studienpunkte habe er später ohne Probleme an die "konventionelle" Leicester University mitnehmen können, wo er seinen Abschluss machte.

Kuriositäten der akademischen Bürokratie

Dieser Titel und seine beruflichen Erfolge ebneten ihm danach zwar den Weg zu Lehraufträgen an verschiedenen Hochschulen in Deutschland, nicht aber zu einer allgemeinen Hochschulzugangsberechtigung als Student - eine der Kuriositäten der akademischen Bürokratie im Umgang mit flexiblen, internationalen Bildungskarrieren. Der Zwist darüber, ob das Studium und die Titel der Open University mit dem vergleichbar sind, was an regulären deutschen Hochschulen zu leisten ist, schwelt seit Jahren; die daran geknüpfte Frage ihrer Förderfähigkeit gemäß Bafög wird inzwischen in Parlaments- und Gerichtssälen verhandelt.

Stefan Jauernig, dessen Überzeugung vom Modell OU sich auch in seinem ehrenamtlichen Engagement für ihre studentischen Organisationen spiegelt, nimmt den Streit um die Paragraphen inzwischen gelassen. Sogar Thomas Mann habe an der Technischen Hochschule in München nie mehr als den Status eines Gasthörers erreicht, sagt er lakonisch. Und der sei später sogar Nobelpreisträger geworden.

In Großbritannien entschieden sich die Politiker einst für den unbeschränkten Zugang mit genauso viel Bedacht wie für den Standort der Open University 72 Kilometer nordwestlich von London: Milton Keynes ist eine von elf Städten im Königreich, die in den vergangenen 60 Jahren aus dem Boden gestampft wurden und den Aufbruch in das moderne Dienstleistungszeitalter symbolisierten. Nicht von ungefähr ließ es sich die damalige Premierministerin Margaret Thatcher nicht nehmen, höchstpersönlich das riesige Shopping-Center für die 184.000 Einwohner der Stadt zu eröffnen, um dabei gegen die Macht der Gewerkschaften zu trommeln und auf den Reformstau in der "Old Economy" zu verweisen. Die Ansiedelung einer effizient arbeitenden Fernuniversität, die Lernwilligen ohne Ansehen von Zeugnissen und Diplomen attraktive Berufschancen bietet, passte da gut ins Konzept.

Von der Vielfalt des Angebots aus Milton Keynes ist auch Stefan Jauernigs Landsmann Klaus-Dieter Rossade überzeugt. "Dank des Einsatzes moderner Medien haben unsere Studenten nahezu völlige Wahlfreiheit beim Angebot und in der Frage, wann und wo sie ihre Lernmaterialien beziehen", sagt der in London lebende Dozent, der seit 1999 von seinem Büro zu Hause oder direkt von Milton Keynes aus etwa 130 Studenten im Jahr betreut. Wurden in der Startphase der Open University noch Bücher oder Videokassetten per Post in alle Welt verschickt und durch die jeweiligen Lernprogramme auf dem britischen Staatssender BBC ergänzt, gehören für Rossades Seminarteilnehmer im "Zeitalter des Internets" regelmäßige Online-Konferenzen sowie der direkte Zugriff auf Vorlesungen, aktuelle Daten und einschlägige Hintergrundliteratur zum Studienalltag. "Wir bieten Wissen à la carte und bügeln so vielleicht die Nachteile einer traditionellen Universität aus, wo Präsenz Pflicht ist."

Nachahmer in den Niederlanden und Niedersachsen

Inzwischen findet das Vorbild des unbeschränkten Hochschulzugangs auch auf dem Kontinent Nachahmer, etwa in Spanien oder in den Niederlanden. In Deutschland startete vor einem Jahr das Land Niedersachsen gemeinsam mit der Leuphana-Universität in Lüneburg eine "offene Hochschule" als Pilotprojekt. Stefan Jauernig jedoch hält dem Original die Stange. Vor zweieinhalb Jahren fasste er den Entschluss, noch einmal als Student an die Open University zurückzukehren. "Wenn meine Tochter in der Schule ist, meine Kunden aber noch nicht am Schreibtisch sind, dann lerne ich eben auch etwas", beschreibt er den neuen familiären Rhythmus. Läuft alles nach Stundenplan, dann klickt, liest und mailt er sich am frühen Morgen, außerdem in der Mittagspause und am Wochenende durch seine Kurse.

Deren Titel verraten breitgefächerte Interessen. Aber weder "Family Meanings" noch "Islam in the West" oder "Understanding of Music" betrachtet er selbst als reines Privatvergnügen. In Gesprächen mit islamischen Kunden etwa, aber auch mit Künstlern und Medienschaffenden profitiere er von der gezielten Weiterbildung. Teils freiwillige, teils verpflichtende Workshops und Repetitorien im Kölner Carl-Duisberg-Zentrum, wo die OU eine ihrer drei Vertretungen in Deutschland unterhält, ergänzen die virtuelle Lehre. Hausarbeiten werden online übertragen, Klausuren in angemieteten Räumen unter realer Aufsicht geschrieben. Sobald auf diese Weise 300 Studienpunkte erreicht sind, ist der Open University die individuelle Kombination von Inhalten sogar einen Bachelor-Titel wert, den "Open Degree".

Während sich in Großbritannien rund 40 Prozent der Absolventen für diese doppelte Offenheit entscheiden, sind nach Auskunft der OU in Deutschland Mathematik, Sozialwissenschaften, Wirtschaft und Kunst die beliebtesten Studienfächer. Ein Fünftel der Immatrikulierten entscheidet sich allerdings auch für den "Master of Business Administration" der "Open University Business School". Für die Managerausbildung wirbt die Hochschule besonders intensiv - haben ihn doch alle drei international renommierten Akkreditierungsagenturen akzeptiert, was von den deutschen MBA-Anbietern nur die Mannheim Business School von sich behaupten kann. Rund 20 000 Euro Studiengebühren sind dafür fällig, während ein grundständiger Bachelor umgerechnet bis zu 15 000 Euro kostet - je nachdem, welche Kurse belegt werden und was das britische Pfund auf dem Devisenmarkt gerade wert ist. Die voraussichtlichen Kosten für ein individuell zusammengestelltes Studium lassen sich im Internet berechnen. "Günstiger, als für ein Vollzeitstudium den Job aufzugeben, ist das auf jeden Fall", schätzt Stefan Jauernig.

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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