25.10.2006 · Wer schon früh im Studium Kinder bekommt, hat es später leichter beim Berufseinstieg. Arbeitgeber finden Frauen gut, die Uni und Nachwuchs unter einen Hut bekommen. Manche Powerfrau macht richtig Karriere.
Von Michael WittershagenBlaue Augen, blonde Haare, Helena ist beinahe zwei Jahre alt. Ihre Mutter Michaela Mertens sagt über sie: "Ich bin glücklich, daß ich sie habe." Dabei ist das nicht selbstverständlich.
Zwar ist Michaela Mertens mittlerweile einunddreißig Jahre alt und somit in einem Alter, in dem Frauen häufig Kinder bekommen. Aber sie studiert noch Sinologie an Deutschlands neuer Elitehochschule in München, der Ludwig-Maximilians-Universität. "Ich wollte immer ein Kind bekommen", sagt sie. Allerdings nicht schon während des Studiums. Sie fürchtete die doppelte Belastung: Auf der einen Seite Klausuren und Hausarbeiten, auf der anderen Seite die kleine Helena mit ihren Wünschen und Problemen.
Dafür wird es später einfacher. Beim Berufseinstieg ist Helena schon fast im schulpflichtigen Alter. Michaela Mertens also hat es gewagt. Ein Kind während des Studiums. Immerhin sechs Prozent der rund zwei Millionen Studenten, die es derzeit an deutschen Hochschulen gibt, sind laut der 17. Sozialerhebungsstudie der Deutschen Studentenwerke schon Eltern.
Von einem Lebensentwurf abgerückt
Und damit sind sie von einem Lebensentwurf abgerückt, der für Akademikerinnen immer noch vorsieht, erst mit Anfang Dreißig das Wagnis Mutter einzugehen, dann, wenn das Studium längst beendet ist. Oder aber gar nicht mehr. Aber der Lebensentwurf nach altem Muster bringt einen Konflikt mit sich. Denn in dieser Lebensphase nach dem Studium kommt plötzlich alles zusammen. Die Partnerwahl, der Kinderwunsch und der Berufseinstieg.
Dennoch gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma. Zusammen haben sich Jutta Allmendinger und Kathrin Dressel vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg mit neuen Lebensentwürfen befaßt. Ihr Ergebnis: Wer bereits während des Studiums ein Kind bekommt, hat es später einfacher, Kinder und Karriere miteinander zu vereinbaren. "Wir haben jede Menge Zeit in unserem Leben, aber leider nutzen wir nicht alle Möglichkeiten", sagt Kathrin Dressel und plädiert für die Alternative: Die frühe Geburt eines Kindes entzerrt Lebensläufe, meidet später den scharfen Konflikt zwischen Beruf und Familie. "Gerade der Berufseinstieg ist doch schon kritisch genug."
Aber um Kind und Studium besser aufeinander abstimmen zu können, sind strukturelle Veränderungen nötig. Noch immer gibt es in der Republik zuwenig Betreuungsplätze für Kinder, ist das Studium an manchen Hochschulen für Eltern nicht flexibel genug, sind die finanziellen Förderungen begrenzt.
Zuwenig Stillräume an der Hochschule
"Es geht aber auch um eine kinderfreundlichere Atmosphäre an den Hochschule, etwa in Form von Spielecken oder Stillräumen", sagt Kathrin Dressel. Wie dies einmal aussehen kann, wird derzeit an der Liebig-Universität in Gießen untersucht. Dort läuft ein Forschungsprojekt zum Thema "Studieren und Forschen mit Kind". Die Wissenschaftler erhoffen sich Aufschluß darüber, was Hochschulen ändern müssen, um den Eltern an der Unirsität das Leben leichter zu machen.
Der Wissenschaftsrat setzt sich bereits seit geraumer Zeit für kinderfreundliche Hochschulen ein. Und Carsten Dose, Referent des Wissenschaftsrates, hat festgestellt: "Das Bewußtsein dafür wächst langsam." So bietet die Universität Hamburg etwa eine flexible Kinderbetreuung an, die auf Wunsch bis in die Abendstunden hinein reicht. Die Universität Bremen stellt Studenten mit Kind, denen der Alltag einmal über den Kopf wächst, die kostenlosen Dienste ihrer psychologisch-therapeutischen Beratungsstelle zur Verfügung. Und in Düsseldorf gibt es spezielle Wohnungen für Studenten mit Kind.
Die Studentenwerke bauen ihre Angebote weiter aus. Deutschlandweit bieten diese derzeit in rund 150 Betreuungseinrichtungen mehr als 5200 Plätze an. "Wir wollen Studenten mit Kind künftig noch mehr helfen", sagt Achim Meyer auf der Heyde, der Generalsekretär der Deutschen Studentenwerke.
Schlüsselqualifikationen einer Mutter
Auch weil er allerhand Chancen für Studentinnen darin sieht, bereits während des Studiums ein Kind zu bekommen. Er spricht von Schlüsselqualifikationen, die eine Mutter erwerbe, also Organisationsgeschick und Flexibilität. Denn: "So eine Entscheidung erfordert ja beinahe Managementqualitäten." Diese Meinung teilt Jürgen Hesse, der Gründer des Berliner Büros für Berufsstrategie. Er hält Mütter (und Väter), die Studium und Kinder erziehung unter einen Hut bekommen, für besonders qualiziert. Er empfiehlt Jobbewerbern, dies in ihren Lebensläufen zu erwähnen. Für Unternehmen ist diese Qualifikation von hohem Stellenwert: "Eine derartige Leistung gereicht einer Frau durchaus zur Ehre."
Daß sie aber nicht einfach so von der Hand geht, erlebt Michaela Mertens derzeit. Auch sie weiß von finanziellen Schwierigkeiten, obwohl sie neben Studium und Kind noch arbeitet. Naturgemäß hat sie dauernd Zeitdruck. Und manche Vorlesungen sind an den Abenden: Da ist es gelegentlich schwierig, Betreuung für die Tochter zu bekommen.
Aber die Ludwig-Maximilians-Universität gibt studierenden Müttern auf ihrem Weg zu einem Abschluß Hilfestellung. Etwa mit Freisemester-Regelungen, wonach trotz Urlaubssemesters Vorlesungen besucht werden und Scheine erworben werden können. So gibt es nachher keine Probleme mit der maximal erlaubten Anzahl von Semestern.
Michaela Mertens würde sich jederzeit wieder für ihr Kind entscheiden. "Das Studium ist ein guter Zeitpunkt, um sich so einen Wunsch zu erfüllen", sagt sie. Im Hintergrund ruft Helena nach ihrer Mutter. Michaela Mertens hat gelernt, mit dieser Belastung fertig zu werden.
Kind während des Studiums
Gulsana Barpiyeva (Karakoz)
- 25.10.2006, 16:33 Uhr