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Fachhochschulen Abschluss ohne Makel

 ·  Fachhochschulen nähern sich den Universitäten immer mehr an. Vor allem in der Forschung haben sie kräftig zugelegt. Sogar ein Promotionsrecht wird mittlerweile diskutiert.

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© Peter von Tresckow

Noch vor gut zehn Jahren verlief durch die deutsche Hochschullandschaft eine klare Trennlinie: auf der einen Seite die Universitäten, auf der anderen die Fachhochschulen. Die Unis waren für die Forschung zuständig und bildeten den Nachwuchs für die Wissenschaft aus. Die FHs konzentrierten sich auf die Lehre und bereiteten die Studierenden auf die Praxis vor; Forschung spielte eine geringe Rolle. Diese Linie verschwimmt, angestoßen durch die Bologna-Reform, immer mehr. Bachelor und Master werden an beiden Hochschultypen abgelegt, einen Abschluss mit dem Zusatz „FH“ gibt es nicht mehr. Auch kann, wer einen Bachelor an der FH gemacht hat, zum Masterstudium an die Universität wechseln.

Peter Altvater vom HIS Hochschul-Informations-System kann sich sogar vorstellen, dass es die Zweiteilung in etwas fernerer Zukunft gar nicht mehr geben wird. „Es gibt eine unglaubliche Ausdifferenzierung im deutschen Hochschulsystem, sowohl innerhalb einer Universität als auch in der Gruppe der Universitäten: Da treten die Unterschiede immer mehr in den Hintergrund“, erklärt der Hochschulforscher. Grob gelte zwar immer noch, dass derjenige, der eine Forscherkarriere plane, an der Uni besser aufgehoben sei und Studenten, die ihre Zukunft in der Praxis sähen, an der FH. Doch in den Fächern, die vor allem an den Fachhochschulen gelehrt würden, der Betriebswirtschaftslehre und den Ingenieurwissenschaften, seien die Unterschiede nur noch sehr gering.

Genauso gute Berufsperspektiven

So gibt es inzwischen Fachhochschulen, an denen Spitzenforschung betrieben wird, zum Beispiel in Hamburg, Karlsruhe und München, und kleinere Universitäten, die sich vor allem über die Lehre profilieren, zum Beispiel in Lüneburg, Vechta und Flensburg. An fast allen Fachhochschulen gebe es Fachbereiche, in denen intensiv geforscht werde, betont Altvater. „An einer solchen Fachhochschule ist das Masterstudium nicht anders als an einer Uni.“ An einer guten FH einen Master zu machen könne wegen des besseren Betreuungsverhältnisses sogar vorteilhaft sein. Dass in kleineren Gruppen unterrichtet wird, sorgt nach Altvaters Worten auch für die geringeren Abbrecherquoten an den FHs. Und die Berufsperspektiven seien mindestens so gut wie die der Uni-Absolventen. „Den Makel des Abschlusses zweiter Klasse gibt es nicht mehr.“

Inzwischen muss nach dem Master die akademische Laufbahn eines FH-Absolventen noch lange nicht zu Ende sein - auch sie können promovieren. Doch müssen sie im Vergleich zu Uni-Absolventen einige Hürden mehr nehmen. Noch sind erst 2 Prozent aller Promovierenden FH-Absolventen; doch ihre Zahl steigt. Manuel Winkler ist einer von sechzig Doktoranden der Hochschule München. Der 31-Jährige hat - wie nicht wenige FH-Absolventen - schon einen steilen Weg hinter sich: Hauptschulabschluss, Heizungsbauerlehre, Realschulabschluss, Berufsoberschule, Studium. Sollte er seine Promotion abschließen, dann könnte er sogar Universitätsprofessor werden - mehr Bildungsaufstieg ginge nicht. Winkler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Gebäude- und Energietechnik und arbeitet dort eng mit einem FH-Professor zusammen. Doktorvater ist aber ein Professor an der Uni Stuttgart, den Winkler freilich nur selten sieht. „Sein“ Professor hätte durchaus auch die Fähigkeiten, sein Doktorvater zu sein, sagt Winkler. Schließlich habe er an der Technischen Universität München promoviert. „Doch formal ist das nicht möglich.“

Fachhochschulen haben nämlich kein Promotionsrecht. Will ein FH-Absolvent promovieren, dann muss er einen Doktorvater an der Universität finden. „Ein Uni-Professor muss dann an seiner Hochschule erklären, warum er einen FH-Absolventen nimmt. Das ist nicht immer einfach“, sagt Micha Teuscher, Rektor der Hochschule Neubrandenburg und Sprecher der Fachhochschulen in der Hochschulrektorenkonferenz. Etwas einfacher ist es dadurch geworden, dass es inzwischen Graduiertenkollegs gibt, in denen Doktoranden von Fachhochschulen und Universitäten gemeinsam arbeiten und in ihrer Promotion unterstützt werden. Herausragenden FH-Absolventen ermöglichten sie einen „diskriminierungsfreien Zugang“ zur Promotion und eine Betreuung durch FH-Kollegen, die in manchen Fällen sogar Erstbetreuer sein dürften, lobt Teuscher.

Auch Manuel Winkler hat nun einen Platz in dem Promotionskolleg, das seine Hochschule mit der TU München unterhält. Seinen Doktorvater musste er sich aber noch selbst suchen. Nachdem er sich bei dem Stuttgarter Professor beworben habe, sei noch ein Jahr bis zum ersten Treffen verstrichen, erzählt der studierte Gebäudetechniker. „FHler werden von Uni-Professoren nicht so wahrgenommen.“ Für Micha Teuscher ist das ein Grund, zumindest ein eingeschränktes Promotionsrecht für Fachhochschulen zu fordern: „Für besonders forschungsstarke Bereiche innerhalb einer FH sollte es ein Promotionsrecht geben.“ Er berufe ja auch Dozenten mit Habilitation, sagt der FH-Rektor. „Warum sollten die dann kein Promotionsrecht mehr haben?“

Schwierige Suche nach einem Doktorvater

Auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat diese Option vor kurzem ins Spiel gebracht. Sie bezeichnete es als „erfreulich“, dass die FHs auch in der Forschung immer stärker punkteten. Mittelfristig sollte es möglich sein, den Doktortitel auch an einer Fachhochschule zu erwerben. Noch ist der Widerstand in den Universitäten aber groß. „Die Unis wollen das Promotionsrecht weiterhin exklusiv für sich haben“, sagt Hochschulforscher Altvater. Das zu ändern ist freilich nicht Sache des Bundes, sondern der Länder. Doch Altvater erwartet, dass noch in diesem Jahrzehnt erste Fachhochschulen für bestimmte Fachbereiche ein Promotionsrecht bekommen werden.

Jens Kirchner wird das nichts mehr nützen. Der 31 Jahre alte Wirtschaftsinformatiker promoviert an der Hochschule Karlsruhe. Als er nach seinem FH-Diplom promovieren wollte, stellte sich auch für ihn die schwierige Frage, wie er einen Doktorvater an der Universität finden könne. Doch er hatte Glück: Ein FH-Professor erkannte sein Talent und suchte nach einem Partner. Fündig wurde er in Schweden. „Das lief über persönliche Beziehungen, die beiden Professoren kannten sich aus ihrer Promotionszeit“, erzählt Kirchner.

Der Austausch mit Schweden sei rege, erzählt der Doktorand. „Mindestens einmal in der Woche wird geskypt.“ Nächstes Jahr werde er für ein paar Monate dorthin gehen. Sein Englisch verbessere er auf diese Weise auch. Das alles findet Kirchner gut. Nachteilig sei die Einzelkämpferrolle, die er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Fachhochschule habe. „Anders als an der Uni gibt es keinen akademischen Mittelbau; es gibt keinen Lehrstuhl mit mehreren Assistenten.“ Es sei für einen Wissenschaftler schon toll, sich mit Leuten austauschen zu können. „Je mehr, desto besser.“

Starker Zuwachs
  •  Die Zahl der Fachhochschüler ist stetig gestiegen: zwischen den Wintersemestern 1999/2000 und 2011/2012 um 80 Prozent auf zuletzt 743.000.
  • Die Zahl der Studierenden an den Universitäten ist im gleichen Zeitraum „nur“ um 35 Prozent gewachsen.
  • Der Anteil der FH-Studenten an allen Studierenden beträgt 31 Prozent. Es gibt 224 FHs und 111 Universitäten in Deutschland.
  • Noch bis 2020 wird es wohl immer mehr Studenten geben. Die zusätzlichen Studienplätze werden nach Einschätzung von Fachleuten vor allem an den Fachhochschulen entstehen.
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Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

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