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Veröffentlicht: 12.12.2011, 13:08 Uhr

Extraschicht nach Schulende Das Geschäft mit der Nachhilfe

Rund 1,5 Milliarden Euro geben Eltern für die Extraschicht nach Schulende aus. Wer Nachhilfe nimmt, hat nicht immer schlechte Noten. Wer sie gibt, benötigt pädagogisches Geschick.

von Andreas Groth
© Wahl, Lucas Wer Nachhilfe nimmt, hat nicht immer schlechte Noten

Die Unterrichtsatmosphäre ist entspannt. Auf einen Rüffel wartet man vergebens. Und doch versprüht Elisabeth Hellenbroich ein wenig die Aura der strengen Oberstudienrätin: Sie spricht mit fester Stimme, trägt eine roséfarbene Weste und eine schwarzrandige Brille, der rote Feinmarker liegt locker in der Hand. Ihr Nachhilfeschüler Julius ist über sein Heft gebeugt. Der 14 Jahre alte Gymnasiast versucht sich an einer Inhaltsangabe. „Kick it like Beckham“ hat seine Klasse am Vormittag angeschaut. Er wirkt konzentriert, will seine Sache gut machen. Hin und wieder blickt er seine Nachhilfelehrerin an und fragt nach: „Was heißt streiten? Was heißt aufhören?“ Sie antwortet auf Englisch.

Schließlich ist das die Verkehrssprache während der Stunde - darauf hat man sich verständigt. Ein paar Minuten später geht es ans Vorlesen: „The mother don’t want . . .“ „Doesn’t want . . .“, korrigiert Elisabeth Hellenbroich ihren Schützling. „Always think at third person’s singular ,s’.“ Kaum ein Satz dürfte Englisch-Nachhilfelehrern in Deutschland häufiger über die Lippen gehen.

Wie Julius ergeht es vielen Schülern. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2010 nehmen in Deutschland jährlich knapp 1,1 Millionen Schüler Nachhilfe in Anspruch. Im Alter von 17 Jahren hat etwa jeder vierte Jugendliche schon einmal bezahlte Nachhilfe genommen. Bis zu 1,5 Milliarden Euro im Jahr geben Eltern für den Unterricht in Instituten und von Privatlehrern insgesamt aus.

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Elisabeth Hellenbroich arbeitet für das Mobile Nachhilfestudio, einen Franchisegeber, der in Mittel- und Süddeutschland seine Filialen hat. Jeden Donnerstag fährt sie mit ihrem kleinen italienischen Auto zu Julius in einen idyllischen Weinort in Rheinhessen. Das macht sie nun seit einem Jahr. Lediglich in den Schulferien ruht auch die Nachhilfe. Das Mobile Nachhilfestudio schickt seine freien Mitarbeiter zu den Schülern nach Hause. „Unterricht in einer gewohnten Umgebung der Kinder“, heißt es auf der Internetseite des Studios.

1000 Niederlassungen

Die Großen der Branche, zu denen die Schülerhilfe und der Studienkreis zählen, fahren eine andere Strategie: Dort werden die Schüler in den Niederlassungen der Institute unterrichtet; das geschieht dann in der Regel nicht allein, sondern in einer Gruppe von drei bis fünf Jugendlichen. Die Marktführer sind in Deutschland mit jeweils rund 1000 Niederlassungen vertreten. Stiftung Warentest hat 2006 die deutsche Nachhilfelandschaft untersucht. Laut Testbericht gibt es mehr als 3000 gewerbliche Nachhilfeinstitute. Diese machten aber nur rund ein Viertel des Marktes aus. Der größte Teil der Schüler paukt mit privat organisierten Nachhilfelehrern. Als freie Mitarbeiterin des Mobilen Nachhilfestudios zählt Elisabeth Hellenbroich damit zu einer Minderheit. 2007 hat die Wiesbadenerin begonnen, Nachhilfe zu geben. Deutsch, Englisch, Französisch sind ihre Fächer. Sie unterrichtet Schüler aller Altersstufen. Das tut sie, die 30 Jahre lang für eine Kulturzeitschrift als Journalistin gearbeitet hat, nicht nur für das Nachhilfeunternehmen. Sie hilft auch in einem Gymnasium aus.

Nachhilfelehrer ist kein Ausbildungsberuf. Wer Nachhilfe gibt, tut dies meist neben seinem Studium, als Zweitjob oder um sich ein Zubrot im Ruhestand zu verdienen. Je nach Institut unterscheidet sich die Zusammensetzung des Nachhilfelehrer-Pools. Ulrich Bederke, der die Mainzer Filiale des Abacus-Nachhilfeinstituts leitet, berichtet über seine Mitarbeiter: Studenten, zumal für das Lehramt, seien bei ihm in der Minderzahl. Meist beschäftigt er pensionierte Lehrer beziehungsweise Referendare sowie andere Akademiker. Für Fremdsprachen kämen auch Dolmetscher, Fremdsprachenkorrespondenten und Muttersprachler zum Einsatz. Als Mindestqualifikationen nennt Bederke: ein begonnenes Studium und Erfahrung im Umgang mit Schülern.

„Mindestens 30 Prozent Psychologie“

Dass Hellenbroich ihre Sache nicht zum ersten Mal macht, merkt man schnell. Routiniert geht sie mit Julius einen Programmpunkt nach dem anderen durch: Inhaltsangabe, Zeitformen, Vokabeln. Trödelei können sich die beiden nicht erlauben. Die Zeit ist mit einer Stunde knapp bemessen, und Julius’ Mutter hat der Lehrerin zu Beginn noch einige Anweisung mit auf den Weg gegeben. Denn am folgenden Tag steht ein Test an, und so will die Mutter ihren Sohn gut vorbereitet wissen. Dabei sind die Zensuren von Julius gar nicht schlecht: Stand er vor nicht mal einem Jahr noch zwischen Drei und Vier in Englisch, hat er jetzt sogar gute Chancen eine Zwei zu bekommen. In Mathe und den Naturwissenschaften hat er ohnehin keine Probleme. Nachhilfe, da ist Julius kein Einzelfall, wird nicht immer erst dann in Anspruch genommen, wenn die Versetzung gefährdet ist. Viele lassen sich helfen, weil sie ganz einfach besser werden wollen - unabhängig von der Note.

Elisabeth Hellenbroichs Schüler sind von ganz unterschiedlichem Schlag: Außer Julius unterrichtet sie eine Grundschülerin, einen Gesamtschüler in Englisch und einen ausländischen Bäckerlehrling in Deutsch. Ohne Einfühlungsvermögen und pädagogisches Geschick lässt sich diese Spannbreite nur mühsam meistern. Deshalb reicht fachliche Kompetenz allein nicht aus. Das meint auch Hellenbroich: „Mindestens 30 Prozent sind Psychologie.“

So sinnvoll und gewinnbringend es für einen Schüler im Einzelfall sein mag, Nachhilfeunterricht zu nehmen, so sehr bietet die nur spartanische staatliche Aufsicht über das Gewerbe Raum für schwarze Schafe: Über Nachhilfe haben schon Scientology oder die rechtsextreme NPD, freilich inkognito, versucht, Jugendliche für ihre kruden Ideen zu gewinnen. Auch islamistische Organisationen sollen sich angeblich schon daran versucht haben.

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