17.11.2011 · Lange waren sie Kindern von EU-Beamten vorbehalten. Jetzt öffnet sich das System der Europäischen Schulen. Vor den Toren Frankfurts entsteht die erste freie Einrichtung.
Von Christian von HillerDie größte Baustelle in seinem Leben hat Tom Zijlstra stets im Blick. Wenn er in seinem Büro in Bad Vilbel bei Frankfurt aus dem Fenster schaut, überblickt er das gesamte Areal der künftigen Europäischen Schule Rhein-Main. „Hier entsteht die erste Europäische Schule, die vollständig privat finanziert ist“, sagt der künftige Schulleiter. 35 Millionen Euro schwer ist die Investition für die Schule, die in der endgültigen Ausbaustufe rund 800 bis 1200 Schüler vom Kindergarten zum Europäischen Abitur führen soll. Im September 2012 kommen die ersten Schüler. Das Projekt ist nicht einfach eine weitere Privatschule, die zu den etwa 20 hinzukommen wird, die es im Rhein-Main-Gebiet gibt. Das neue Etablissement ist wegweisend für Europa. Denn ursprünglich waren die Europäischen Schulen eine Domäne für die Kinder von EU-Beamten, die nur für wenige außenstehende Schüler offen war. Das wird nun anders.
14 Europäische Schulen gibt es in Europa, vier in Brüssel, zwei in Luxemburg, aber auch in Frankfurt, München und Karlsruhe. 1957 wurde die erste gegründet, damit die Kinder der EU-Beamten im Ausland muttersprachlichen Unterricht erhielten und die Rückkehr in ihr nationales Schulwesen nicht zu hart werden sollte.
Doch die Europäischen Schulen wurde nicht etwa ein Durcheinander nationaler Schulen. Es entwickelte sich ein Schultypus, in dem die Kinder unterschiedlicher Herkunft eine wirklich europäische Bildung erhielten. Die Schulen sind nach Sprachzügen organisiert. Große Schulen wie in Brüssel und in Luxemburg, die zum Teil 3000, 4000 und mehr Schüler zählen, decken zusammen fast alle EU-Sprachen ab. Die Europäische Schule Frankfurt bietet Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch an. Kinder mit anderer Muttersprache müssen sich für einen dieser Sprachzüge entscheiden, können jedoch zusätzlich muttersprachlichen Unterricht erhalten. Vom Kindergarten bis zum zweiten Jahr der Grundschule findet der Unterricht in der ersten Sprache statt. Dann kommt eine zweite hinzu, in der siebten Klasse eine dritte. Durchgängig erhalten alle Schüler täglich Unterricht in ihrer zweiten Sprache von muttersprachlichen Lehrern.
„Der Bedarf an Europäischen Schulen ist enorm“, sagt Zijlstra. „Viele Schüler von außen müssen abgewiesen werden, weil der Platz gerade für die Kinder der EU-Beamten reicht.“ Rund 26.000 Schüler werden heute an diesen Etablissements unterrichtet. Davon sind etwa 20.000 Kinder von EU-Beamten. Der Niederländer kennt die Länge der Wartelisten und die Zahl der Ablehnungsbescheide, hat er doch 20 Jahre für Europäische Schulen gearbeitet. Zuletzt leitete er den Sekundarbereich an der Europäischen Schule Frankfurt.
„Die Europäischen Schulen schneiden bei allen vergleichenden Tests wie den Pisa-Studien überdurchschnittlich gut ab“, sagt Zijlstra. Besonders die Ausbildung in Mathematik und Naturwissenschaften sei auf sehr hohem Niveau, meint der künftige Schulleiter. Das spricht sich herum. Und so sind die Europäischen Schulen, die keine Differenzierung nach der Grundschule anbieten, paradoxerweise bei jenen deutschen Eltern beliebt, die Gesamtschulen ablehnen.
„An den Europäischen Schulen herrscht eine ganz bestimmte Atmosphäre“, führt Zijlstra an, um ihre Beliebtheit zu erklären. Doch an den Europäischen Schulen erhalten die Schüler nicht nur eine gesamteuropäische Bildung, sondern auch das Europäische Abitur, das den Hochschulzugang in sämtlichen EU-Ländern eröffnet. Allenfalls eine Sprachprüfung ist unter Umständen erforderlich.
Doch das System der Europäischen Schulen war zu eng, zu restriktiv und zu geschlossen, fanden offenbar viele. „Die Gründung einer Europäischen Schule war an die Präsenz einer europäischen Institution gebunden“, sagt Renée Christmann, Generalsekretärin der Europäischen Schulen in Brüssel. So wurde die Schule in München möglich, weil dort das Europäische Patentamt sitzt. In Karlsruhe ist ein europäisches Atomforschungszentrum angesiedelt und in Frankfurt die Europäische Zentralbank.
„Im Jahr 2002 hatte das Europäische Parlament eine erste Resolution verabschiedet, die eine Öffnung des Europäischen Abiturs über die Europäischen Schulen hinaus forderte“, sagt Christmann. 2003 sei dann eine Arbeitsgruppe gegründet worden, um die Öffnung vorzubereiten. Zudem sind viele Europäische Schulen wie die in Karlsruhe in die Jahre gekommen, oder, genauer, die EU-Beamten in den Institutionen vor Ort. Jedenfalls ging der Bedarf zurück, und die Zahl neuer Schüler von EU-Beamten sank. Um ihr Überleben zu sichern, nahmen diese Schulen zunehmend Kinder von außen auf. Doch dafür war das System nicht gedacht.
Gegen Zahlung einer Schulgebühr von etwa 2700 Euro jährlich im Kindergarten, 3700 Euro in der Grundschule und etwas mehr als 5000 Euro in der Sekundarstufe werden in begrenztem Umfang externe Schüler aufgenommen. Diese Gebühren decken ungefähr nur die Hälfte der Kosten ab, die ein Schüler verursacht. Die Differenz wird durch EU-Hilfen aufgebracht.
2005 schließlich stand ein Katalog mit Mindestanforderungen, die eine Europäische Schule erfüllen muss. Damit war der Weg frei zur Öffnung des Systems. 2004 entstand schon in Parma, wo eine europäische Lebensmittelbehörde ihren Sitz hat, eine Europäische Schule nach diesem Modell. Doch Bad Vilbel wird nun die erste wirklich freie Europäische Schule sein, die komplett privat finanziert ist. „Es war nicht einfach, das Geld aufzutreiben, vor allem mitten in der Finanzkrise“, sagt Zijlstra. Doch es gelang dank der Unterstützung der Stadt Bad Vilbel, der Stadtwerke und der Humanistischen Stiftung in Frankfurt. „Damit konnten wir das Auswärtige Amt überzeugen, unser Projekt zu unterstützen.“ Denn der Antrag auf Gründung einer Europäischen Schule müsse stets von der Regierung eines EU-Mitgliedstaats kommen, sagt Christmann. So war Deutschland das erste Land, das die Gründung einer freien Europäischen Schule beantragte. Es folgten weitere. Nun entstehen Europäische Schulen in Irland, in Finnland, in Griechenland, in Dänemark, in Estland, in Straßburg und selbst im Provence-Städtchen Manosque im Süden Frankreichs. Die Liste ist nicht geschlossen.
Die Schulgebühr in Bad Vilbel wird spürbar höher sein als an der Nachbarschule in Frankfurt. Mit etwa 10.000 Euro jährlich in der Grundschule bis 12.000 Euro in der Sekundarstufe müssen Eltern rechnen. Doch damit liege er deutlich unter den Beträgen, die klassische Privatschulen fordern, findet Zijlstra. Und sollte die Schule als Ersatzschule anerkannt werden, ginge der Betrag kräftig runter.
Auch werde es die Möglichkeit von Stipendien und finanzieller Unterstützung in speziellen Fällen geben. Denn auch die erste freie Europäische Schule sieht Zijlstra in der Tradition des ursprünglichen Auftrags: „Die Europäischen Schulen verfolgen ein idealistisches Ziel“, sagt Zijlstra. „Sie sollen den Wunsch nach hohem Niveau, Idealismus und Pragmatismus vereinen.“
In Deutschland besuchen knapp 8 Prozent der Schüler eine private Schule, zwei Drittel davon eine kirchliche Einrichtung. Diese werden ganz oder zum allergrößten Teil vom Staat und von der Kirche finanziert und kosten die Eltern oft nichts oder deutlich weniger als 100 Euro im Monat.
Kirchliche Schulen bieten die normalen deutschen Abschlüsse an und orientieren sich an den staatlichen Lehrplänen. Wer sie besucht, erfüllt die deutsche Schulpflicht. Weil sie staatliche Schulen ersetzen, heißen sie Ersatzschulen.
Es gibt auch eine Reihe von Ersatzschulen in nichtkirchlicher Trägerschaft, die allerdings weniger öffentliches Geld bekommen. Auch ihnen wird - nach einer Anfangsphase - ein Teil der Kosten ersetzt. Der Anteil variiert je nach Bundesland, er kann zwei Drittel erreichen. Der Rest kommt zum kleinen Teil aus Einnahmen der Fördervereine und zum großen Teil aus Elternbeiträgen.
Wie viel die Eltern zahlen, hängt vom Beitragsmodell der jeweiligen Schule ab. Nicht wenige Schulen staffeln die Beiträge nach dem Einkommen. Damit soll eine ausgewogene soziale Mischung der Schülerschaft erreicht werden. So können die Beiträge bei 50 bis 900 Euro im Monat liegen.
In manchen Bundesländern sind so hohe Beiträge aber nicht erlaubt. In Hamburg darf ein Schulbesuch Eltern nicht mehr als 200 Euro im Monat kosten. Dies hat mit dem staatlichen „Sonderungsverbot“ zu tun, das bestimmt, dass Schüler wegen der Höhe des Schulgeldes nicht von dem Besuch einer Schule ausgeschlossen werden dürfen.
Andere Ersatzschulen haben sich gegen eine soziale Staffelung entschieden. Sie verlangen für jeden Schüler dasselbe Schulgeld; es gibt aber eine Ermäßigung für Geschwister. Die Metropolitan School in Frankfurt zum Beispiel verlangt je Schüler 550 Euro im Monat, hinzu kommt eine einmalige Registrierungsgebühr von 900 Euro.
Mehr Schulgeld kosten die Ergänzungsschulen. Zu ihnen gehören die Internationalen Schulen. Diese bieten keinen deutschen Abschluss an, son- dern das International Baccalaureate, das in vielen Ländern anerkannt wird. Sie werden oft von Kindern von Ausländern besucht oder von Führungskräften von internationalen Unternehmen, die nicht auf Dauer in Deutschland sind. Diese Schulen haben keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung und können 10.000 bis 15.000 Euro im Jahr kosten.
Das Schulgeld ist von der Einkommensteuer absetzbar: 30 Prozent der Beiträge bis zu einem Betrag von 5000 Euro. (lib.)
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