18.01.2007 · Die ETH Zürich ist eine der renommiertesten Universitäten der Welt. Ein Professor betreut dort gerade 36 Studenten. Nicht mal die deutschen Elite-Hochschulen können da mithalten. Und beim Geld schon mal gar nicht.
Von Anna Loll„Sehen Sie das Sofa da?“ Dieter Schlüter weist auf die beiden Zweisitzer aus schwarzem Leder, während hinter den großen Fenstern seines Büros die Sonne hinter den Schweizer Alpen blutrot untergeht. „Ich kann in irgendeinen Laden gehen und mir das kaufen, wenn ich meine, dass ich das eben für meinen Wohlfühlfaktor brauche“, sagt der deutsche Professor für Polymerchemie am Institut für Materialwissenschaften an der ETH Zürich. „Das möchte ich mal an einer deutschen Universität sehen!“
Schlüter ist einer von 349 Professoren an der Schweizer Hochschule, 60 Prozent von ihnen sind aus dem Ausland. Wie bei den ausländischen Studenten sind die meisten von ihnen Deutsche. Versammelt haben sie sich in Zürich nicht wegen der Berge oder des hübschen Sees, sondern weil hier tatsächlich einiges anders ist als an den deutschen Hochschulen. Denn die ETH Zürich hat schon lange erreicht, wovon deutsche Unis bis jetzt in dem Ausmaß nur träumen können: einen sich selbst verstärkenden Kreislauf von Spitzenforschung und renommierter Lehre. Ambitionierte Forscher kommen wegen der guten Arbeits- und Gehaltsumstände und ziehen Kollegen und Studenten nach, die in Zürich besonders gute Chancen für sich erkennen.
Eines Tages kam der Anruf
So war es auch bei Dieter Schlüter. „Da kam eines Tages der Anruf, ob ich mir die ETH nicht einmal anschauen wolle.“ Wollte er. Und blieb. Sein Posten als Lehrstuhlinhaber für organische Chemie an der Freien Universität und als Dekan des Fachbereichs in Berlin war zwar gut. Doch der, den die Züricher ihm anboten, war besser. „Die ETH kann weltweit mit jeder Universität konkurrieren. Das kann keine deutsche Uni. Die können sich gegen eine Berufung an die ETH gar nicht wehren“, sagt Schlüter. „Das hier ist Champions League gegen Bundesliga.“
21 Nobelpreisträger sind mit der ETH Zürich verbunden. In den internationalen Hochschulrankings nimmt die Universität beachtliche Plätze ein. Beim „Times“-Ranking ist sie bei einem Vergleich europäischer Universitäten die Nummer 6 und im Shanghai-Ranking auf Platz 27. Als erste deutsche Universität findet sich die Münchener Ludwig-Maximilian-Universität auf Rang 51. So ist es wenig überraschend, dass die ETH Zürich in Berliner Podiumsdiskussionen oder Eckpunktepapieren der Bundesforschungsministerin in einem Atemzug mit den amerikanischen Elitehochschulen als Vorbild genannt wird.
Ruhmreicher Hönggerberg
Ein beträchtlicher Teil des Ruhms der ETH Zürich wird auf dem naturwissenschaftlichen Campus Hönggerberg erarbeitet. Ganz anders als das vor rund 150 Jahren von Gottfried Semper entworfene Hauptgebäude mit Blick über die Innenstadt steht der eckige Gebäudekomplex aus Glas, Aluminium und Stahl abseits des Zentrums auf einer grünen Wiese und mutet im Glanz der kühlen Wintersonne mit dem Waldrand im Hintergrund etwas außerirdisch an.
Die Kosten von rund 700 Millionen Schweizer Franken des vor zwei Jahren fertig gestellten Campus weisen jedoch auf den fast banalen Grund für den Erfolg der technischen Hochschule hin: viel Geld. Die Schweiz investiert rund 13 Prozent aller öffentlichen Ausgaben in die Bildung. In Deutschland sind es nicht mal ganz 10 Prozent.
Im Vergleich der OECD-Staaten nimmt die Bundesrepublik damit den 24. Platz ein, hinter ihr stehen nur noch Tschechien und Griechenland. Die Schweiz dagegen erreicht Rang 10. Doch abgesehen von diesen allgemein günstigen Voraussetzungen in der Schweiz waren auch die spezifischen Bedingungen für die ETH Zürich schon seit ihrer Gründung denkbar gut. 1854 als eidgenössisches Polytechnikum des Bundes gegründet, sollte die Hochschule für den entstehenden Schweizer Nationalstaat zukunftsnotwendige Infrastrukturen erforschen und aufbauen. Mit dieser Ausrichtung sicherte sich die ETH Zürich, wie sie von 1911 an genannt wurde, neben einer intensiven Kooperation zur Wirtschaft eine großzügige Finanzierungsquelle im Schweizer Bundesstaat. Lange Zeit hatte die technische Hochschule als einzige Universität des Bundes eine Art Monopolstellung neben den kantoneigenen Universitäten. Erst seit 1969 muss sie diesen Status mit der technischen Universität in Lausanne teilen.
Weniger Studenten, mehr Geld
Doch trotz der verlorenen Sonderstellung sind nach wie vor die Mittel der ETH Zürich vor allem im Vergleich mit deutschen Verhältnissen immens. Der Haushalt der neuen Exzellenzuniversität TU München beträgt mit der Universitätsklinik insgesamt 729 Millionen Euro bei 20.500 Studenten. Rund 343 Millionen davon gibt die öffentliche Hand (Besuch an den Münchener Unis: Bayerische Spitzenforscherfreude). Der ETH Zürich standen 2005 hingegen mit 12.705 eingeschriebenen Studenten fast 746 Millionen Euro zur Verfügung. Vom Schweizer Bundesstaat kommen mehr als 630 Millionen Euro. Davon kann sie Gehälter zahlen, die sie endgültig für Spitzenforscher aus der ganzen Welt interessant machen: Ein normales Professorengehalt an der ETH Zürich variiert umgerechnet zwischen knappen 84.000 und guten 160.000 Euro im Jahr. Der Lohn eines deutschen C4-Professors beträgt in der höchsten Besoldungsstufe rund 75.000 Euro.
Identifikation mit „ihrer Schule“
Die Berufungspraxis als Voraussetzung für gute Forschung liegt dabei an der ETH Zürich fest in der Hand der Präsidenten der technischen Hochschule. Sie haben schon häufig mit Erfolg begehrte Wissenschaftler in die Schweiz geholt. „Es gab auch schon den Fall, dass ein Präsident ins Flugzeug stieg und einen Wissenschaftler dann in dessen Büro überredete, an die ETH zu kommen“, sagt Hans Thierstein, Prorektor für Internationale Beziehungen an der ETH. Diese Form der Machtkonzentration führt allerdings nicht zu einer autokratischen Herrschaft des Präsidenten. Die Professoren identifizieren sich mit „ihrer Schule“, wie sie in der Umgangssprache häufig genannt wird.
Das kann einem Präsidenten auch zum Verhängnis werden, wie kürzlich Ernst Hafen. Weniger als ein Jahr im Amt, trat er Anfang November unter anderem unter Druck der Professorenschaft zurück. Hafen wollte die Führung der ETH Zürich stärker zentralisieren. Ein Vorhaben, gegen das sich zwölf der 15 Departementsvorsteher wandten. Nun ist vorübergehend Rektor Konrad Osterwalder im Amt, bis voraussichtlich im Herbst 2007 ein neuer Präsident gewählt wird.
Skeptische Einheimische
Abgesehen von diesem in der Schweiz vielbeachteten Personalwechsel hat die Universität Probleme, die man bei so viel internationalem Renommee kaum erwarten mag. Viele Einheimische wollen nämlich nicht an die ETH Zürich. „Wir haben uns schon gefragt, ob wir ein Imageproblem haben, ob wir zu sehr als anspruchsvolle Nerd-School bekannt sind“, sagt Hans Thierstein. Die Studienzahlen seien wesentlich geringer als die an den kantonalen Universitäten. „Wir versuchen das jetzt abzubauen und gehen an die Gymnasien, um zu erklären, dass ein Studium an der ETH hochinteressant und machbar ist.“
Ausgesiebt nach dem Vordiplom
Bei ausländischen Studenten kann die ETH Zürich dagegen wählerisch sein. Viele müssen Eingangstests machen. Besonders nach dem ersten Vordiplom wird ausgesiebt. Bis zu 30 Prozent fallen durch. „Es ist am Anfang schon eine einschüchternde Atmosphäre und auch viel Druck“, sagt Franziska Kaminski, die hier interdisziplinäre Naturwissenschaften studiert. Die Studiengebühren in Höhe von etwa 374 Euro schreckten die junge Berlinerin damals nicht. Sie möchte nach ihrer Diplomarbeit bleiben. „Die Bedingungen hier sind einfach besser.“
Das überrascht wenig bei einem Betreuungsverhältnis von einem Professor für 36 Studenten. An der Karlsruher Eliteuniversität kommen beispielsweise 64 Studenten auf einen Professor (Besuch in Baden an der TU Karlsruhe: Blitzgescheite Teilchenjäger). Auch die Ausstattung ist eine andere als in Deutschland. „Es ist hier einfach alles vorhanden, was man braucht“, sagt Enrico Klotzsch, der früher an der TU Dresden studiert hat und jetzt in Biophysik seine Diplomarbeit an der ETH Zürich schreibt.
„Big Shots“ aus Übersee
Die Unterschiede zeigen sich häufig in scheinbaren Alltäglichkeiten. Wenn Klotzsch beispielsweise Labormittel oder Chemikalien für seine Experimente braucht, holt er sie sich mit seiner Chipkarte in einer Art Einkaufszentrum im Keller. An der TU Dresden war dafür erst eine Unterschrift des Professors notwendig. „Und nach der schriftlichen Bestellung war das dann Wochen später da“, sagt der Fünfundzwanzigjährige.
Dass aber natürlich nicht alles an deutschen Universitäten schlecht sei, betont Oliver Jagoutz aus Mainz. Er hat an der ETH Zürich in Geologie promoviert. Auch in der Bundesrepublik gebe es exzellente Forschungsgruppen und Institute. Doch nichtsdestotrotz sei nirgendwo in der deutschsprachigen Universitätswelt insgesamt eine Ansammlung von so guten Wissenschaftlern zu finden wie an der technischen Hochschule in Zürich. „Hier kommen regelmäßig die ,Big Shots‘ aus Europa und Übersee vorbei“, sagt er.
Nicht nur die Professorengehälter,
Jan Bartussek (Nichtvergeben)
- 18.01.2007, 15:13 Uhr