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Samstag, 04. Februar 2012
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Erstsemester Wo, bitte, geht's zu Raum KL 24/122d?

17.10.2008 ·  Zum Semesterstart verzweifeln viele Hochschulneulinge am Irrgarten Uni. Oft finden sie nicht mal den Weg zur Vorlesung. Dabei kann Studieren auch schon im ersten Semester Spaß machen.

Von Josefine Janert
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Als Joanna Jambor vor drei Jahren nach Magdeburg zog, kannte sie dort keinen einzigen Menschen. Ihre Klassenkameraden und Freunde studierten alle in anderen Städten, so dass die Wolfsburgerin in Sachsen-Anhalt auf sich allein gestellt war. "Ich verbrachte von Anfang an viel Zeit auf dem Campus", erzählt Jambor, die inzwischen 23 Jahre alt ist. "Im Café und beim Sport fand ich schnell neue Freunde." Sie hatte Glück. Für ihr Bachelorfach Journalistik/Medienmanagement wurden in jenem Wintersemester an der Hochschule Magdeburg-Stendal nur rund 50 Neulinge zugelassen. Schon deshalb fiel es ihr leicht, den Überblick zu behalten und ihr Studium so zu organisieren, dass es ihr Spaß machte und sie in den Seminaren viel lernte. Auch ist Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt viel kleiner als etwa Berlin und München, wo Zugezogene oft mehrere Wochen brauchen, bis sie ein Zimmer, ihre Institute und Bibliotheken gefunden haben.

Viele Erstsemester verzweifeln an diesen Hürden. Andere quetschen zusätzlich zum Pflichtprogramm, das die Bachelor-Studienordnung vorsieht, Sprachkurse und andere interessante Seminare in ihren Stundenplan, die sie dann doch nicht schaffen. Mehr als 12 Kurse oder Vorlesungen in der Woche seien nicht drin, resümiert Joanna Jambor, die ihr Journalistikstudium nun fast abgeschlossen hat. "Schließlich muss man die Lehrveranstaltungen auch vor- und nachbereiten."

Mit Gedrucktem überfrachtet

Ob es die Einführung der Bachelor-studiengänge Anfängern einfacher oder schwieriger macht, ist umstritten. Zweifellos sind sie stärker verschult und lassen weniger Freiheiten als Magister- und Diplomstudiengänge. Das hilft denjenigen, die sich von der Hochschule überfordert fühlen. Andererseits werden die Studenten gezwungen, rasch den richtigen Karriereweg zu finden. "Auf ihre Leistungen erhalten sie weniger Feedback, als sie es aus der Schule gewohnt sind", kritisiert Sabine Stiehler, die an der TU Dresden Studenten berät. An fast jeder Hochschule werden die Neulinge außerdem mit Gedrucktem überfrachtet. Vorlesungsverzeichnisse, Prüfungsordnungen und Broschüren sind oft schwer zu verstehen. Dazu kommen die Internetseiten der Hochschulen, auf denen sich zum Beispiel die Fakultäten, der Hochschulsport und die studentischen Vertretungen vorstellen. "Wenn sie so mit Informationen zugeschüttet werden, fühlen sich viele Studenten überfordert", sagt Sabine Stiehler. Oft kämen Studenten zu ihr, die gerade angesichts der Papierberge auch mal "das Bedürfnis nach persönlicher Ansprache haben", berichtet sie. Dazu kommt, dass all die Informationen auf manche Fragen keine Antwort geben. Ob sie in der Bibliothek bleiben, den Artikel zu Ende lesen und dafür zwei Seminare schwänzen, das zum Beispiel müssen Studenten selbst entscheiden - an großen Unis zumindest fällt das kaum auf, obwohl in vielen Kursen Anwesenheitslisten kursieren. "Die Anonymität bietet Chancen", sagt Stiehler. "Aber vielen macht sie zu schaffen."

Einführungswochen sind deshalb eine feine Sache, werden sie doch von älteren Semestern organisiert. Statt in verschwurbeltem Deutsch, in dem manche Prüfungsordnung abgefasst ist, drücken sie sich in verständlichen Sätzen aus. Von Neulingen lassen sie sich mit Fragen überhäufen, die gar nicht so dumm sind, wie sie denken, die sie aber einem Professor niemals stellen zu wagen würden. Wie kann ich mich von zu Hause in den digitalen Bibliothekskatalog einloggen? Was passiert, wenn mir während der Klausur so schlecht wird, dass ich sie nicht zu Ende schreiben kann? Und wo, bitte, ist Raum KL 24/122d? An der Freien Universität Berlin bringen Bezeichnungen dieser Art Erstsemester regelmäßig an den Rand der Verzweiflung.

Viele Erstsemester hätten das Coaching dringend nötig

Allerdings ist das Interesse an Orientierungswochen und Seminaren über studentische Arbeitstechniken nicht überall gleich groß. Von den 2500 Anfängern an der Hochschule Niederrhein in Krefeld etwa melden sich gerade mal 25 für den Kurs "Erfolgreicher Studieneinstieg" an. "Das ist nur ein Prozent", schimpft Werner Heister, Professor für Betriebswirtschaft im Sozialen Sektor. Dabei hätten viele Erstsemester das Coaching dringend nötig. "Viele sind vom Gymnasium verschultes Lernen gewohnt und erwarten, dass ihnen die Organisation des Studiums zugetragen wird", sagt Heister. Stattdessen sei an der Hochschule Eigeninitiative gefragt - ob beim Zusammenstellen des Stundenplans oder in der studentischen Arbeitsgruppe.

Die Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU) hat offenbar mehr Erfolg mit ihren Orientierungswochen. Rund 1000 Frauen und Männer fangen im Wintersemester an der Fakultät für Betriebswirtschaft an. Alle Anfänger sollen zu den Einführungsveranstaltungen gehen, die fünf Wochen dauern und neben den regulären Seminaren laufen. Die Organisatoren aus den fortgeschrittenen Semestern denken an so ziemlich alles - von der Campus-Führung über den Bibliotheksbesuch bis zum Seminar über effizientes Studieren und zur Frage, wie man trotz Nebenjobs den Versicherungsstatus als Student behält. Es gebe 27 Tutoren, jeder betreue etwa 30 Neulinge, berichtet der 27 Jahre alte Doktorand Sebastian Fuchs. "Erstsemester, die schon berufstätig waren, sind oft besser auf die Uni vorbereitet als Abiturienten", sagt er. "Sie können das Studium mehr genießen."

Sebastian Fuchs selbst ist vor sieben Jahren aus Traunstein am Chiemsee nach München gezogen, nach einem Wartesemester hat er an der LMU. Er fand die Orientierungswochen an der Fakultät für Betriebswirtschaft so gut, dass er sich in den darauffolgenden Jahren an der Organisation beteiligte. "Als Erstsemester glaubt man erst einmal alles, was einem die Älteren sagen", analysiert er. Infolgedessen breiteten sich Mythen aus. Da werde erzählt, dass dieser oder jener Professor besonders streng sei und nur schlechte Noten gebe - dabei lasse sich das so pauschal gar nicht sagen, weil jeder anders mit dem Dozenten zurechtkomme. Wer sich nach Gerüchten richte und warte, um das Examen bei einem anderen Prüfer zu bestehen, gerate unter Umständen in Zeitnot, warnt Fuchs - oder es stelle sich heraus, dass der Kurs beim vermeintlichen Lieblingsprof doch schwieriger ist als erwartet.

Martin Krengel erinnert sich noch gut an seine ersten Monate an der Universität Witten/Herdecke. Die Hochschule war nur seine zweite Wahl, in St. Gallen war er haarscharf durch die Aufnahmeprüfung gerasselt. Notgedrungen richtete er sich im Ruhrgebiet sein Zimmer ein, seine Mitbewohnerin jammerte ständig über alles. Er fand die Seminarräume nicht, verstand die Studienordnung ebenso wenig, trauerte St. Gallen nach und vermisste seine alten Freunde aus der Lausitz. Erst nach und nach fand er Kontakte. "Wer zu ehrgeizig ist, igelt sich ein", stellt er heute fest. "Es ist viel besser, mit anderen zusammenzuarbeiten."

Ruhig auch mal treiben lassen

Inzwischen hält Krengel, 28 Jahre alt und Doktorand in den Wirtschaftswissenschaften, sogar Vorträge über effizientes Studieren. Wenngleich es von Beginn an hart zur Sache gehe, sollten sich Erstsemester "auch mal treiben lassen, um Eindrücke aufzusaugen und verschiedene Fachgebiete kennenzulernen", rät er. Eine kleine Entdeckungsreise zu Beginn des Studiums kann den Anfängern seiner Ansicht nach dabei helfen, ihre Vorstellungen vom Fach und vom künftigen Beruf zu überprüfen. Bin ich hier wirklich richtig, oder vergeude ich meine Zeit? Welche Denkschule, welches Teilgebiet passt zu mir? Außerdem empfiehlt Krengel, sich regelmäßig strategische Ziele zu setzen, etwa innerhalb einer bestimmten Zeit drei Praktika zu absolvieren - "etwa im Controlling, im Marketing und in einer Unternehmensberatung, um zu sehen, welcher Bereich am besten gefällt", sagt der Doktorand.

"Wenn ich frage, wo die Teilnehmer nach dem Examen arbeiten wollen, melden sich nur wenige - meistens sind es die Lehramtsstudenten", sagt Krengel. Noch mehr als ihre künftige Arbeitsstätte interessiert viele Erstsemester offenbar, wie sie an der Uni schnell Freunde finden. Sabine Stiehler hat beobachtet, dass dies in Tutorien oder kleinen Arbeitsgruppen am besten klappt. "Viele Studenten suchen auch per Aushang Interessenten für eine Lesegruppe", sagt sie. "Da gehen sie den Stoff fürs Seminar durch." Und bekanntermaßen ist die gemeinsame Vorbereitung eines Referats auch eine gute Gelegenheit zum Flirten.

Lieber mit System

  • Finden Sie einen Coach für Ihr Studium. Sie können mit ihm Ihre Ziele und Ideen diskutieren. Fragen Sie beispielsweise einen Dozenten, erfahrene Kommilitonen oder Alumni, ob sie Ihnen als Mentoren zur Verfügung stehen.
  • Planen Sie Ihr gesamtes Studium systematisch. Lesen Sie Studien- und Prüfungsordnung gründlich - lassen Sie sich komplizierte Passagen erklären. Dadurch verhindern Sie, dass Sie Pflichtveranstaltungen verpassen, die selten angeboten werden.
  • Setzen Sie sich realistische Ziele, etwa : Ich verbessere meine Englischkenntnisse. Bleiben Sie am Ball: Bis wann wollen Sie Ihre Ziele erreichen, welcher Kraftaufwand ist dafür erforderlich?
  • Verplanen Sie nicht mehr als 50 bis 60 Prozent der Ihnen zur Verfügung stehenden Zeit.

Buch-Tipp

Werner Heister: Studieren mit Erfolg - Effizientes Lernen und Selbstmanagement in Bachelor-, Master- und Diplomstudiengängen. Verlag Schäffer-Poeschel, 12,95 Euro.

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