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Englische Internate : Der Brexit-Knick

Das Eton College, gegründet im Jahr 1440, zieht Schüler aus der ganzen Welt an. Bild: P.WOLMUTH/Report Digital-REA/laif

Englische Internate und Universitäten sind bei deutschen Schülern und ihren Eltern sehr beliebt. Der Brexit ändert daran einiges.

          Das B-Wort gehört für Ferdinand Steinbeis inzwischen zum Arbeitsalltag: „Der Brexit kommt in jedem unserer Beratungsgespräche zur Sprache“, sagt der Geschäftsführer der Agentur Von Bülow Education im englischen Oxfordshire, die deutsche Schüler an britische Internate vermittelt. „Bei den Eltern herrscht da verständlicherweise Unsicherheit“, berichtet Steinbeis. Ob es ums Internat, um einen Aufenthalt als Au-pair oder um ein Studium geht – bei jungen Menschen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern ist Großbritannien extrem beliebt. Bisher jedenfalls.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Doch die Briten sind wild entschlossen, im März 2019 aus der Europäischen Union auszutreten – also bereits in gut anderthalb Jahren. Das werfe auch bei seinen Kunden Fragen auf, sagt Steinbeis: Braucht mein Sohn künftig ein Visum, wenn er auf der Insel aufs Internat gehen will? Und ist meine Tochter in Brexit-Britannien überhaupt noch willkommen? Die Berichte über ausländerfeindliche Übergriffe und Pöbeleien seit dem Austrittsreferendum im Sommer 2016 gingen schließlich auch in Deutschland durch die Medien.

          Wenn Steinbeis an die Zukunft denkt, wird ihm manchmal etwas mulmig: „Klar mache ich mir Gedanken darüber, ob sich die deutschen Familien erst mal von Großbritannien abwenden werden, wenn es wirklich einen harten Brexit geben sollte.“ Andererseits: „Die britischen Schulen haben eine so starke Marke, die werden auch das überstehen.“

          Auf der ganzen Welt bewundert

          Britische Bildung ist ein Exportschlager. Traditionsreiche Institutionen wie Eton, Harrow, Oxford und Cambridge werden auf der ganzen Welt bewundert. Zwischen Cornwall und Schottland gibt es über 480 private Internate. Damit sind die Briten Weltmarktführer im Geschäft mit der privaten Schulbildung. Speziell deutsche Eltern, die das nötige Geld haben, schicken ihrer Sprösslinge liebend gerne für ein paar Jahre nach Großbritannien: Mehr als 2800 deutsche Jugendliche drücken im Königreich die Schulbank – ein Anstieg um gut 50 Prozent seit 2007. Allerdings schicken vor allem chinesische Eltern noch mehr Schüler auf die Insel. Auch deshalb zählen die britischen Universitäten zu den internationalsten der Welt. Jeder fünfte Studierende ist aus dem Ausland, darunter auch mehr als 13.000 angehende Akademiker aus Deutschland.

          Umso mehr hat der britische Bildungssektor zu verlieren, wenn die Befürchtungen mancher Austrittsgegner wahr werden und aus Großbritannien Little England werden sollte, wenn das Land die Zugbrücken hochzieht – oder einfach nur, wenn Schüler und Studierende aus dem Ausland wegen des Brexits keine Lust mehr haben sollten auf diese Insel, die auf Distanz geht.

          Die englische Eliteuniversität Cambridge meldete, dass die Zahl der Bewerber aus anderen EU-Staaten nach dem Brexit-Votum im vergangenen Jahr um 15 Prozent gefallen sei. Landesweit bewarben sich diesen Sommer fünf Prozent weniger Studienanfänger aus EU-Nachbarstaaten an britischen Hochschulen. In den Jahren zuvor waren die Zahlen dagegen kontinuierlich gestiegen. „Es gibt keinen Zweifel, dass die Herangehensweise der Regierung an den Brexit schädlich ist“, kritisierte Pam Tatlow, die Geschäftsführerin des britischen Hochschulverbands Million Plus Group.

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