10.12.2007 · Schon seit 1936 bildet Harvard Manager für Politik und Wirtschaft aus. Die Hertie School in Berlin und die Uni Erfurt eifern dem Vorbild nach – doch die Unterschiede sind groß.
Von Axel Brugger und Sebastian BalzterDer erste Eindruck täuscht nicht immer. Im Hauptgebäude der John F. Kennedy School of Government in Harvard erinnert kaum etwas an eine europäische Hochschule. Ein großes Porträt von John F. Kennedy illustriert den Leitgedanken der Graduiertenschule: „ask what you can do“ – frage dich, was du für dein Land tun kannst. Am Charles River werden hohe Ambitionen nicht versteckt, schon daran zeigt sich der amerikanische Charakter der Universität. An der Kennedy School redet niemand über Elite. Aber mancher Dozent lässt gern durchblicken, dass der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, Mexikos Präsident Felipe Calderón und der neue Weltbank-Präsident Robert Zoellick auch schon im Seminar saßen.
Peter Glotz kannte diese Atmosphäre aus eigener Anschauung. Der vor zwei Jahren gestorbene Bildungspolitiker träumte von einem „Harvard an der Gera“, als er 1996 sein Amt als Gründungsrektor der Universität Erfurt antrat. Eine Schule für Politik-Profis gehörte von Anfang an zu seinem Konzept. Als sich 2002 die ersten Studenten für das zweijährige „Master of Public Policy“-Programm einschrieben, war es das erste seiner Art in Deutschland. Den Standort fernab von den Zentren der Weltpolitik beschreibt Heike Grimm, die Direktorin der Erfurt School of Public Policy, als spannende Herausforderung: „Es ist nicht einfach hier, aber interessant.“ Die Ambitionen der Gründungsphase sind zu den Akten gelegt, die kleine Abteilung im Souterrain der staatswissenschaftlichen Fakultät – elf Dozenten machen den Kern des Lehrpersonals aus – hat sich ihre Nische gesucht: Besonders intensiv werden Osteuropa und Transformationsprozesse behandelt.
Lernen im ehemaligen DDR-Machtzentrum
Die Arbeitssprache in Erfurt ist Englisch – genauso wie an der Hertie School of Governance in Berlin. Die Kunst des Regierens sollen die Studenten hier lernen, verspricht die Broschüre. Auch hier wird ein „Master of Public Policy“ angeboten, auch hier sind besonders Studenten mit Berufserfahrung angesprochen. Das Projekt der Hertie-Stiftung machte sich zwar drei Jahre später als Erfurt auf die Spuren der Kennedy School, legt sich beim Streben nach Exklusivität aber deutlich stärker ins Zeug. Den repräsentativen Rahmen dafür bietet das frühere DDR-Staatsratsgebäude am Berliner Schlossplatz, die Visitenkarten der Studenten sind das passende Detail. Und Henrik Enderlein, der hier Wirtschaftswissenschaften lehrt, sagt sogar: „Die Studenten nehmen Harvard und Hertie inzwischen als Konkurrenten wahr. Das ist ein großer Erfolg.“
Netzwerker statt Akademiker
Die nackten Zahlen allerdings sprechen eine andere Sprache. Etwa 25 Millionen Euro Startkapital hatte die Hertie School, auf fast 25 Milliarden beläuft sich das Stiftungsvermögen von Harvard. An der Kennedy School forschen und lehren rund 130 Professoren, während die „Core Faculty“ in Berlin aus nur 13 Hochschullehrern besteht. Und der elfmonatige „Mid-Career Master of Public Administration“ ist sowohl das älteste Programm der 1936 gegründeten Kennedy School als auch ihr Aushängeschild. Der Ruf, die finanzielle Ausstattung und die Tradition locken hochkarätige Studenten. „Mindestens 50 Prozent des Lernens kommen im Kontakt mit euren Kommilitonen zustande“, kündigt der Direktor des Programms, Manuel Stefanakis, Neulingen gleich zur Begrüßung an. „Networking“ wird hier ganz offen vor allem aus beruflichen Gründen betrieben – Harvard ist nicht umsonst bekannt für seine Alumni auf oberster politischer und wirtschaftlicher Ebene.
Genau dorthin sollen die derzeitigen Studenten auch einmal kommen. „Wir sind nicht die Politik-Fakultät von Harvard, wir bilden auch keine Akademiker aus“, sagt Judy Kugel, die Stellvertreterin des Dekans. Es geht in den Seminaren weniger um Ideengeschichte und Theorie als um Empirie und Praxis, Logarithmen und Statistik. Im Zentrum der Ausbildung stehen Führungs- und Managementmethoden für Wirtschaft und Politik. „Wir sind eine Professional School für Praktiker, die dem Gemeinwohl dienen“, präzisiert Kugel. „Im Privatsektor, in einer Nichtregierungsorganisation, in der öffentlichen Verwaltung, im Militär – oder auch als Präsident.“ Für ihre Ziele sind die Kennedy-Studenten – gut 40 Prozent von ihnen kommen aus dem Ausland, mit 24 Köpfen liegt Deutschland in der Herkunftsstatistik zurzeit hinter Kanada und Südkorea gleichauf mit China, Japan und Mexiko – oft auch am Wochenende und bis tief in die Nacht im Einsatz. Viele besuchen außerdem Seminare an der Harvard Business School oder am Massachusetts Institute of Technology – die legendäre Technologie-Schmiede liegt nur ein paar Kilometer flussabwärts.
Ein Katzensprung zum Außenministerium
Berlin hat kein MIT. Aber bis zum Außenministerium ist es von der Hertie School aus nur ein Katzensprung über den Kupfergraben, und zum Reichstag braucht der Bus nur zehn Minuten. „Es hat mich immer gewundert, dass es in Europa keine Schulen für Public Policy gab“, sagt Henrik Enderlein. Vermutlich habe das interdisziplinäre Verständnis gefehlt, außerdem sei manchen Politologen die Nähe zur Praxis unangenehm. Dank ihrer Unabhängigkeit vom staatlichen Wissenschaftsbetrieb muss sich die Hertie School darum nicht kümmern. Dafür kümmert sie sich um ihre Studenten. „Das Interesse an uns ist fast schon gewöhnungsbedürftig“, sagt Ariane Götz, die nach ihrem Abschluss in Philosophie und Germanistik für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in China arbeitete und jetzt am Schlossplatz studiert. „Mir fehlten der ökonomische Hintergrund und das empirische Handwerkszeug für die Entwicklungszusammenarbeit. Beides kann ich hier dazulernen“, erklärt die 32-Jährige ihren Entschluss zum Zweitstudium.
20 000 Euro kosten die vier Semester in Berlin, in Erfurt ist der „Master of Public Policy“ deutlich günstiger. Wer das Mid-Career-Programm in Harvard machen will, muss rund 40 000 Dollar mitbringen. Es gibt zwar Stipendien, aber die Mehrheit der 190 Studenten, die sich Jahr für Jahr dafür entscheiden, zahlt die Gebühren aus eigener Tasche. Faszinierender als die prachtvollen Bibliotheken wirkt auf die meisten von ihnen die Mischung aus gegensätzlichen Lebensläufen: In der Cafeteria unterhält sich ein Unternehmensberater mit einem Elitesoldaten der US Navy, nebenan erörtert ein ungarischer UN-Manager die besten Alternativen zum Kantinenessen, ein Stockwerk höher feilt ein Investmentbanker mit einer indischen Weltbank-Ökonomin an einer gemeinsamen Präsentation. Unter den Studenten finden sich frühere Regierungschefs oder Minister, oft sind Kommilitonen abends im Fernsehen zu sehen oder in der „New York Times“ zitiert. Das verbindende Element zwischen den im Schnitt knapp 40 Jahre alten Studenten mit mindestens sieben Jahre Berufserfahrung, ist der Einsatz für das „public good“, das öffentliche Interesse – und die Aussicht darauf, an der Kennedy School die wohl produktivste Form einer Midlife-Crisis zu erleben.
Bionade, Cola und Harvard
Für Anna Mendoza wäre es dafür noch viel zu früh. Die 24 Jahre alte Mexikanerin arbeitete im Senat ihres Heimatlandes und entschied sich dann für den „Master of Public Policy“ in Erfurt. Den Sprung aus der Megalopolis Mexiko-Stadt ins beschauliche Thüringen – der Erfurter Campus hat weder Ministerien noch Parlamente, sondern die Kleingartenanlage „Kletterrose“ zum Nachbarn – hat sie gut verkraftet. „Ich liebe es“, schwärmt sie. „Zu Hause brauche ich mit dem Auto zwei Stunden bis zu meinem Arbeitsplatz, hier nur ein paar Schritte zum Studentenwohnheim.“ Im Kurs „Introduction to public policy“ diskutiert sie zusammen mit ihren 24 Kommilitonen, wie Wal-Mart und die Vereinigten Staaten 2005 auf den Wirbelsturm „Katrina“ reagiert haben. Statt Power Point gibt es Tafelbilder, die Namensschilder auf den Schulpulten der Studenten sind handgeschrieben. „Hier ist eben alles eine Nummer kleiner“, sagt Heike Grimm. „Das ist kein Nachteil.“ Denn in globalen Organisationen sei die Zahl der Stellen ohnehin sehr begrenzt. Auch Stadtverwaltungen und Landesministerien bräuchten Profis im Umgang mit der Öffentlichkeit. Um dort zu bestehen, ist offenbar nicht nur fachliche Exzellenz nötig – in die Zulassungsvoraussetzungen hat Grimm jedenfalls auch den „Sinn für Humor“ aufgenommen.
Treiben Harvard, Hertie und Erfurt also die gleiche Sache auf unterschiedlichem Niveau – oder sind die deutschen Programme nur ein müder Abklatsch des amerikanischen Originals? „Wenn die Kennedy School Coca-Cola wäre, wären wir Bionade“, sagt Henrik Enderlein. Was wäre Erfurt? „Vita-Cola mit einem Schuss Red Bull vielleicht“, sagt Heike Grimm. Und Harvard? Dort vergleicht man sich mit Princeton und Yale, nicht mit Getränkemarken.
- Mehr über das MPA-Programm in Harvard unter: www.ksg.harvard.edu
- Details zum MPP-Studium in Erfurt auf der Homepage: www.espp.de
- Die Hertie School stellt sich im Internet auf der Seite www.hertie-school.org vor.
- Gebühren: in Erfurt: 1500 Euro im Semester, in Berlin 5000 Euro, in Harvard für zwei Semester und ein Vorbereitungsprogramm im Sommer rund 40.000 Dollar.
- In Deutschland bieten seit neuestem auch die Universität Konstanz und die NRW School of Governance der Universität Duisburg-Essen ähnliche Programme an, die Universität München wird demnächst nachziehen.
Passau
Dr. Winand Gellner (wgellner)
- 08.12.2007, 15:44 Uhr