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Elite-Internat : Ein Offizier für Salem

Bernd Westermeyer (48) im Kreuzgang des einstigen Zisterzienserklosters Salem. In Mathe und Latein brachter der Internatsleiter einst selbst Fünfen nach Hause. Bild: Verena Müller

Bernd Westermeyer leitet Salem, das berühmteste deutsche Elite-Internat. An der feinen Schule fliegen die Fetzen. Übersteht der Major den Machtkampf?

          Es ist Richtfest in Salem. Deutschlands Vorzeige-Internat am Bodensee leistet sich eine neue Sporthalle. Zum Umtrunk wird standesgemäß Prosecco vom Weingut des Markgrafen von Baden gereicht; dessen Familie bewohnt bis heute einen Flügel des prächtigen Schlosses, in dem die Schule residiert. Klar, dass es hier nobel zugeht. Wer sein Kind nach Salem schickt, zahlt dafür rund 36 000 Euro im Jahr, da muss es schon perlen. Aber dann schnappt sich Bernd Westermeyer, der Schulleiter, von den Zimmerleuten das Tablett mit den kleinen Gläsern und ruft einen Satz in die Runde, der wie die Probe aufs Exempel wirkt: „Wem Secco zu elitär ist, der kann sich bei mir auch einen Schnaps abholen.“ Den ersten Klaren kippt er selbst, auf ex.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit bald fünf Jahren steht Westermeyer in Salem an der Spitze. So lange haben sich seine beiden Vorgängerinnen zusammen nicht auf dem Posten halten können. Vor diesen beiden schnell Verschlissenen war allerdings ein und derselbe Schulleiter gleich mehr als dreißig Jahre im Amt: Bernhard Bueb, in Salem von vielen bis heute als die personifizierte gute alte Zeit verehrt, aber auch im Rest des Landes populär, vor allem wegen seines Buchs über das „Lob der Disziplin“.

          So eine Nachfolge anzutreten wäre an jeder Schule schwierig. In Salem gleicht der Versuch einem Himmelfahrtskommando. Bernd Westermeyers Vorgängerinnen können ein Lied davon singen. Eine dritte Kandidatin für den Posten wurde aus Zweifel an ihrer Eignung schon abgesägt, bevor sie überhaupt den Dienst angetreten hatte. Ein Schuljahr lang war die Stelle danach vakant. Der Vorstand des mit viel Prominenz aus Wirtschaft und Politik besetzten Trägervereins trat binnen kürzester Zeit zweimal zurück, weil die Besetzung der Stelle dermaßen in die Hose ging.

          Die bekannteste Elite-Schmiede der Republik

          Denn dieses Internat ist nicht bloß die bekannteste Elite-Schmiede der Republik. Industrielle und Adlige, Milliardäre und Konzernchefs vertrauen ihr seit Generationen ihren Nachwuchs an. Salem ist zudem ein hehres pädagogisches Projekt: Die Schüler sollen als ganze Menschen gefordert und gefördert werden, nicht nur auf akademische Exzellenz und eine Turbo-Karriere getrimmt werden. Zuletzt ist Salem aber auch noch zur illustren Bühne für Intrigen und Grabenkämpfe geworden, für einen erbitterten Richtungsstreit zwischen einflussreichen Gönnern und ehemaligen Schülern.

          Überdies hat Salem ein echtes wirtschaftliches Problem. So edel der Ruf auch sein mag, auf Dauer genügt das nicht. Zum einen haben die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule, einem anderen Renommier-Internat, die ganze Branche in Verruf gebracht. Zum anderen stehen bei der wohlhabenden Elternschaft, die sich von dem Skandal nicht abschrecken lässt, seit einiger Zeit vor allem englische Internate hoch im Kurs. Auch ein paar einheimische Privatschulen haben Boden gutgemacht, dort gab es in den vergangenen Jahren weniger Stunk.

          In Salem sind die Schülerzahlen gesunken, es sind heute rund hundert Zöglinge weniger als am Ende der Ära Bueb. Das geht ins Geld. Die Schule bekommt vom Staat zwar einen Zuschuss, sie trägt sich aber zu 70 Prozent aus den Elternbeiträgen. Dieses Jahr wird es einen Verlust geben, das steht schon fest. Auch dafür ist Bernd Westermeyer zuständig: Er ist als „Gesamtleiter“ der Schule nämlich auch so etwas wie ihr CEO. So weit die Stellenbeschreibung. Kurzum: Wer hier bestehen will, der braucht ein dickes Fell.

          Eine Privatschule braucht ein Geschäftsmodell

          Oder einen Helm. In Bernd Westermeyers Büro ist der Kopfschutz nicht zu übersehen. Blank poliert steht er dort, der nachgebaute Helm eines Centurios aus dem alten Rom, mit einem quer gestellten Kamm aus rot gefärbten Borsten. An ihnen sollten die Legionäre im Getümmel der Schlacht ihren Anführer erkennen. Westermeyer hat nicht bloß Geschichte studiert, er ist auch Reserveoffizier der Bundeswehr, kennt sich also mit so etwas aus. Eine Botschaft, beteuert er, stecke trotzdem nicht hinter dem prominent aufgestellten Dekorationsobjekt. Er habe das Replikat einst für seinen geschichtsversessenen Sohn gekauft und könne sich nun einfach nicht mehr davon trennen. Wer’s glaubt.

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