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Ehrenamt Wohl dosiert die Welt verbessern

Trotz Zeitdrucks engagieren sich viele Studenten freiwillig und unbezahlt. Doch sind die meisten heute nicht mehr auf einer ideologischen Mission unterwegs.

© Peter T. von Tresckow Vergrößern

Studierende geben Heimkindern Nachhilfe, betreiben Fundraising für Bibliotheken in Kongo oder werben sprachbegabte Bürger einer Stadt an, um ausländische Studierende bei ihren Abschlussarbeiten zu unterstützen. In ihren Ehrenämtern tun sie Gutes und qualifizieren sich nebenbei für die Arbeitswelt. Denn sie lernen, zu organisieren, zu kommunizieren und Gruppen zu leiten, „Durch mein Ehrenamt haben sich meine beruflichen Ziele nicht verändert, aber ich bin besser darauf vorbereitet“ sagt Philipp Haugwitz, der über sein Interesse an internationaler Zusammenarbeit und Entwicklungshilfe „Studieren ohne Grenzen“ für sich entdeckte.

Wie führt man eine kleine Gruppe, welche typischen Kommunikationsprobleme können auftreten, und wie geht man damit um - das außeruniversitäre Engagement sei ideal, um das zu lernen, glaubt Haugwitz. Und nicht nur er: „Das Ehrenamt gewinnt vor dem Hintergrund der Bachelor-Reform und teilweise sehr junger Absolventen als ergänzendes Instrument zur Persönlichkeitsentwicklung eine zunehmend wichtige Rolle“, glaubt Andrea Schmitz aus dem Personalmarketing des Handelsunternehmens Metro. Als Turbo für die Stellensuche wollen die echt Engagierten, die viel Freizeit in soziale Projekte stecken, ihr Ehrenamt freilich nicht verstanden wissen. „In Bewerbungen werde ich meine Erfahrungen herausstellen und nicht die Tatsache, dass ich mich außeruniversitär engagiert habe“, sagt Juliane Wernhard.

Freundschaften zu anderen Fachbereichen

Als sie zum Studieren nach Münster kam, suchte sie eine Organisation, „in der nicht der Typ Weltverbesserer oder Bioaktivist dominiert und es auch nicht - typisch BWLer - nur um Karriere und Handshaking mit Unternehmensvertretern geht“. Das Studium bot ihr zu wenig Selbsterfahrung. „Ich war eine von 800 BWL-Studierenden eines Jahrgangs.“ Die Initiative „Weitblick“ wurde für sie Aktionsfeld und soziale Heimat zugleich. „Ich habe unheimlich viel gelernt und Freundschaften zu Leuten aus allen Fachbereichen geknüpft“, erzählt Juliane Wernhard.

„Weitblick“ sammelt durch Theateraufführungen, Vortragsveranstaltungen und Uni-Partys Mittel für Projekte in Entwicklungsländern, aber auch in Brennpunktschulen in Deutschland. „Unsere Partyreihe in Münster ist Kult geworden. Damit haben wir drei Schulen in Westafrika gebaut“, erzählt Wernhard stolz. „Meine Generation will bewusster leben, ein bisschen was verbessern“, glaubt sie. Mittlerweile engagiert sie sich neben Praktikum und Nebenjob im Bundesvorstand von „Weitblick“, denn der Verein ist inzwischen auf 600 Mitglieder in 15 Städten angewachsen. „Wir brauchen ein Intranet, ein Corporate Design für Briefe und Präsentationen und wollen die Ansprache von Unternehmen zentral steuern.“ Das koste jeden Tag Zeit. „Es ist aber so sehr mein Ding geworden, dass ich es auch zu Ende bringen will.“ Wernhard hat deshalb eine Pause zwischen Bachelor- und Master-Studium eingelegt.

Unternehmen zeigen Verständnis

Arbeitgeber wie die Unternehmensberatung McKinsey bekunden für gut begründete Auszeiten offiziell Verständnis: „Vielfältige persönliche Erfahrungen sind uns wichtiger als ein im Höchsttempo abgeschlossenes Studium“, sagt Thomas Fritz, Recruiting-Director von McKinsey in Deutschland. „In unserem Auswahlverfahren schlagen sich diejenigen am besten, die gute analytische und kommunikative Fähigkeiten haben, kreativ und teamfähig sind. Studenten, die sich breiter engagiert haben, sind da oft im Vorteil.“

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