Studierende geben Heimkindern Nachhilfe, betreiben Fundraising für Bibliotheken in Kongo oder werben sprachbegabte Bürger einer Stadt an, um ausländische Studierende bei ihren Abschlussarbeiten zu unterstützen. In ihren Ehrenämtern tun sie Gutes und qualifizieren sich nebenbei für die Arbeitswelt. Denn sie lernen, zu organisieren, zu kommunizieren und Gruppen zu leiten, „Durch mein Ehrenamt haben sich meine beruflichen Ziele nicht verändert, aber ich bin besser darauf vorbereitet“ sagt Philipp Haugwitz, der über sein Interesse an internationaler Zusammenarbeit und Entwicklungshilfe „Studieren ohne Grenzen“ für sich entdeckte.
Wie führt man eine kleine Gruppe, welche typischen Kommunikationsprobleme können auftreten, und wie geht man damit um - das außeruniversitäre Engagement sei ideal, um das zu lernen, glaubt Haugwitz. Und nicht nur er: „Das Ehrenamt gewinnt vor dem Hintergrund der Bachelor-Reform und teilweise sehr junger Absolventen als ergänzendes Instrument zur Persönlichkeitsentwicklung eine zunehmend wichtige Rolle“, glaubt Andrea Schmitz aus dem Personalmarketing des Handelsunternehmens Metro. Als Turbo für die Stellensuche wollen die echt Engagierten, die viel Freizeit in soziale Projekte stecken, ihr Ehrenamt freilich nicht verstanden wissen. „In Bewerbungen werde ich meine Erfahrungen herausstellen und nicht die Tatsache, dass ich mich außeruniversitär engagiert habe“, sagt Juliane Wernhard.
Freundschaften zu anderen Fachbereichen
Als sie zum Studieren nach Münster kam, suchte sie eine Organisation, „in der nicht der Typ Weltverbesserer oder Bioaktivist dominiert und es auch nicht - typisch BWLer - nur um Karriere und Handshaking mit Unternehmensvertretern geht“. Das Studium bot ihr zu wenig Selbsterfahrung. „Ich war eine von 800 BWL-Studierenden eines Jahrgangs.“ Die Initiative „Weitblick“ wurde für sie Aktionsfeld und soziale Heimat zugleich. „Ich habe unheimlich viel gelernt und Freundschaften zu Leuten aus allen Fachbereichen geknüpft“, erzählt Juliane Wernhard.
„Weitblick“ sammelt durch Theateraufführungen, Vortragsveranstaltungen und Uni-Partys Mittel für Projekte in Entwicklungsländern, aber auch in Brennpunktschulen in Deutschland. „Unsere Partyreihe in Münster ist Kult geworden. Damit haben wir drei Schulen in Westafrika gebaut“, erzählt Wernhard stolz. „Meine Generation will bewusster leben, ein bisschen was verbessern“, glaubt sie. Mittlerweile engagiert sie sich neben Praktikum und Nebenjob im Bundesvorstand von „Weitblick“, denn der Verein ist inzwischen auf 600 Mitglieder in 15 Städten angewachsen. „Wir brauchen ein Intranet, ein Corporate Design für Briefe und Präsentationen und wollen die Ansprache von Unternehmen zentral steuern.“ Das koste jeden Tag Zeit. „Es ist aber so sehr mein Ding geworden, dass ich es auch zu Ende bringen will.“ Wernhard hat deshalb eine Pause zwischen Bachelor- und Master-Studium eingelegt.
Unternehmen zeigen Verständnis
Arbeitgeber wie die Unternehmensberatung McKinsey bekunden für gut begründete Auszeiten offiziell Verständnis: „Vielfältige persönliche Erfahrungen sind uns wichtiger als ein im Höchsttempo abgeschlossenes Studium“, sagt Thomas Fritz, Recruiting-Director von McKinsey in Deutschland. „In unserem Auswahlverfahren schlagen sich diejenigen am besten, die gute analytische und kommunikative Fähigkeiten haben, kreativ und teamfähig sind. Studenten, die sich breiter engagiert haben, sind da oft im Vorteil.“
Nach Schätzungen des Wissenschaftszentrums Berlin engagieren sich etwa 40 Prozent der Studenten ehrenamtlich. Stress und Zeitdruck durch die Bologna-Reform führten nicht zu weniger Engagement, hat der Sprecher des Deutschen Studentenwerks, Stefan Grob, beobachtet, aber sie veränderten es. „Soziales Engagement ist kurzfristiger, sprunghafter geworden und muss eine biographische Passung haben.“ Anstatt lebenslang Mitglied in einer Partei zu sein, erledige man pragmatisch und mit Feuereifer Aufgaben - ohne ideologische Mission. Zum Beispiel wenn für die Finanzierung von Sonnenkollektoren auf den Uni-Dächern einmalig Mittel beschafft werden müssten. „Ein solches Projekt ist konkret, begrenzt und mindestens genauso ehrenwert wie die Mitarbeit in konventionellen Organisationen“, sagt Grob. „Es geht nicht mehr darum, die Welt zu retten, sondern da zu helfen, wo man gerade steht.“
Nachhilfe für Kinder
Im November hat das Studentenwerk zum fünften Mal den Preis „Studierende für Studierende“ vergeben. Die mehr als 150 Bewerbungen zeigten abermals, wie vielfältig studentisches Engagement geworden sei. Es reicht von Aktivitäten im Selbsthilfebereich, im Energie- und Umweltbereich, in der Kultur bis zur Einbindung von Unternehmen. „Erkennbar ist das steigende Interesse von Studenten an Aktivitäten, die echte Mitwirkungsmöglichkeiten im Sinne von Partizipation bieten“, sagt Juror Michael Buersch, Leiter der Enquetekommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ im Bundestag.
Die „Studenteninitiative für Kinder“ ist so ein Beispiel. Zentraler Zweck: Kindern in Heimen und an Hauptschulen, die keine Nachhilfe bezahlt bekommen, bei den Schulaufgaben helfen. 2006 gegründet, hat der Verein heute 3500 Mitglieder und ist an 37 Hochschulstandorten aktiv. Gründer Sinisa Tomoran gab Heimkindern schon als Schüler Nachhilfe, weil er von seiner Mutter, die dort arbeitete, wusste, dass es dafür kein Budget gibt.
Einen Nerv getroffen
Später im BWL-Studium kam er auf die Idee, die ehrenamtliche Hilfe systematisch aufzubaue und fand sofort Mitstreiter. „Wir haben einen Nerv getroffen bei denen, die eine Erdung suchen und wissen, dass es noch eine andere Seite als das gute Leben an der Uni gibt“, sagt er. Die Hemmschwelle für Studierende, sich regelmäßig um ein Kind zu kümmern, ist bewusst niedrig gehalten. „Wir werben damit, dass eine Stunde pro Woche reicht.“ Die gute Idee brachte ihm nicht nur Einladungen zum Sommerfest von drei Bundespräsidenten, sondern sogar einen Anruf aus dem Bundeskanzleramt. Seine Expertise beim Aufbau eines „schnell wachsenden Franchise-Unternehmens im Non-Profit-Bereich“ ist unbestritten - und hilft ihm auf seinen ersten Stellen. Tomoran war zuerst im Stabsbereich eines Energieversorgers tätig; derzeit arbeitet er im Marketing des Landtechnikkonzerns John Deere.
Über mangelndes Interesse kann sich auch Fabian Qetaj vom Bundesverband Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen nicht beklagen, wohl aber über nachhaltiges Engagement: „Die Studierenden wollen gleich im ersten Semester Unternehmen beraten und unser halbjähriges Qualifizierungsprogramm durchlaufen.“ Danach komme die Stunde der Wahrheit: „Häufig fehlen uns Freiwillige, die bereit sind, ihr Wissen an neue Mitglieder weiterzugeben.“ Hätte man früher an der Uni Augsburg immer vier bis fünf Personen im Büro angetroffen, so sei dieses heute meistens gähnend leer. „Wer sich ehrenamtliches Engagement in einer Organisation in den Lebenslauf schreibt, muss doch eigentlich auch bereit sein, etwas Zeit zu investieren“, sagt Qetaj nachdenklich.
Anerkennung im Zeugnis
In der Kölner Runde, in der sich sieben studentische Initiativen zusammengeschlossen haben, sehe man das als Herausforderung, sagt Qetaj. Ziel der Runde sei es, studentisches Engagement stärker anzuerkennen durch die Vergabe von Credit Points oder Erwähnung im Abschlusszeugnis. Und für Vorstandsaufgaben sollten Freisemester und Bafög-Verlängerungen gewährt werden.
