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Edelstein- und Schmuckdesign Geschliffen und gemixt

07.12.2007 ·  Wer edle Steine in neue Formen und Materialien packen will, findet in Idar-Oberstein einen Studiengang, der in Deutschland einmalig ist - Edelstein- und Schmuckdesign.

Von Uta Jungmann
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„Für mich gehört ein Stein zu jedem Schmuckstück dazu“, sagt Marcella Ferretti. „So schön wie Steine gewachsen sind, so viel Respekt muss man vor ihnen haben.“ Ihre Liebe zum edlen Material hat die 24 Jahre alte Frau nach Idar-Oberstein gebracht: Dorthin, wo es funkelt und glitzert, schimmert und glänzt – und wo man Edelstein- und Schmuckdesign studieren kann. Das 36.000 Einwohner zählende Städtchen an der Nahe ist Sitz der Deutschen Diamant- und Edelsteinbörse und gilt als eine Hochburg der Schmuckwirtschaft, besonders für prächtige Kleinode.

Die schmucke Tradition geht auf Achatfunde an der oberen Nahe zurück. Schon im 14. Jahrhundert haben sich Steingräber in den umliegenden Felsen daran gemacht, Achat, Jaspis oder Bergkristall abzubauen. Zugleich entstanden Schleifereien, in denen die heimischen Produkte veredelt wurden. Heute schleifen, polieren und gravieren im Umkreis rund 400 Betriebe Steine aus aller Welt, bis hin zu Smaragden und Diamanten.

Sägen und Feilen gehören zum Handwerk

Wie der letzte Schliff und Pfiff für den Schmuck von morgen aussehen mag, wird derweil im Studiengang Edelstein- und Schmuckdesign (ESD) gefragt, den die Fachhochschule Trier in Idar-Oberstein anbietet. Im vierten Semester beschäftigt sich Marcella Ferretti nun mit Turmalin und Rauchquarzen. „Einschlüsse im Stein faszinieren mich, sie machen ihn besonders“, bemerkt die Frau mit der langen Kette um den Hals. Im Pflichtfach Mineralogie lernt sie, die Einschlüsse zu erkennen. „Anfangs suche ich viel“, sagt sie, „was aus einem solchen Stück werden kann.“ Hat sie eine Form dafür gefunden, geht sie in die Hochschul-Werkstatt. Es gefällt ihr, wie der rohe Brocken an den Schleifrädern allmählich an Form gewinnt. Doch Vorsicht: Kommt sie zu nahe an den Einschluss heran, bricht der Stein auseinander und ist zerschlissen. „Toll, dass wir so viel übers Schleifen lernen“, sagt die Studentin. In der Ausbildung zur Goldschmiedin sei das gar nicht vorgekommen. Trotzdem sei sie um ihre Lehre froh, in der sie Sägen und Feilen geübt habe.

Marcella Ferretti braucht solches Handwerk etwa für die Rauchquarze, die sie zu Amphoren graviert und auf der diesjährigen Fachmesse Intergem ausgestellt hat. Eines der Gefäße weist Durchbrüche an der Seite auf. „An der Stelle ist es zu dünn ausgehöhlt“, gibt sie zu. Weggeworfen hat die Studentin ihr Material aber nicht: Vielmehr hat sie die Form der Brosche den Brüchen angepasst. „Das zeigt, dass ein Stein zwar robust aussieht“, betont sie, „aber doch zerbrechlich sein kann.“ Ihr Schmuck soll nicht nur schmücken, sondern auch solche Aussagen vermitteln. „Und wer dazu stehen kann, soll ihn tragen“, wünscht sie sich.

Aquamarin und Rauchquarz - Trendfolger und Trendsetter

Martina Palstring, Studentin im fünften Semester, hat indes eine Aussage zum Thema „My inner Outside“ in Form gebracht. An ihrer Brosche aus Ebenholz türmen sich zu einem blass-blauen, synthetischen Aquamarin kleine Spiralen aus Keramik-Folie, kreisend und zu keinem Ziel findend. „Sie stehen für das Unentschlossene“, sagt die junge Frau aus dem nordrhein-westfälischen Steinfurt. Zugleich schafft ein blaues Stäbchen eine Sichtlinie zum großen Aquamarin: Dadurch wirkt die Brosche trotz ihrer eckigen Mittelform wie ein rundes Ganzes.

Wo so viel Wert auf die Gestaltung gelegt wird, müssen die Studenten technische Kenntnisse mitbringen: Eine Berufsausbildung oder ein längeres Praktikum sind für die Aufnahme in den ESD-Studiengang Pflicht. Ob die Bewerber das Zeug zum Designer haben, wird in der Eignungsprüfung getestet. Bei Schnuppertagen und einer Beratung für die einzureichenden Mappen können sie sich darauf vorbereiten. Besonders ein Typ ist gefragt: „Es gibt Trendfolger und Trendsetter. Wir bilden lieber Trendsetter aus“, betont Theo Smeets, Leiter der Fachrichtung ESD. „Die nicht wiederholen, sondern nach vorne schauen und fragen, was ist morgen gut.“

Management der edlen Steine

Im Studium müssen sich die Studenten dafür vor allem anregen und anstoßen lassen. „Wir fahren zu Galerien, werden fast überflutet von nicht-traditionellem Goldschmiede-Schmuck“, lobt Antje Stolz, Studentin im siebten Semester. „Das macht für andere Materialien offen und die Möglichkeiten weiter.“ Leitthemen wie Heimat oder Glück spornen an, Ideen für Schmuck aufzuspüren und die eigene Linie auszuprägen. „Der emotionale Reiz solcher Themen soll herauskitzeln – ah ja, das passt, da mache ich mehr daraus“, erläutert Smeets. Überdies sollen aus der künstlerischen Arbeit die Konzepte und das Formgefühl für das Design erwachsen – auch für Dinge, die von hundert Leuten getragen werden können und sich einfacher herstellen lassen. Wie marktfähig solche Entwürfe sind, lernen die Studenten in Kursen zum Design-Management. „Im Stundenplan hat das Ermitteln und Erkennen von Trends gestanden“, berichtet Antje Stolz. Zudem werden Umfragen zu seriellen Prototypen besprochen – und im echten Leben getestet. Ebenso sind Gestaltkurse am Computer und zur Schmuck-Fotografie ein Muss. Im Hauptstudium lässt sich Design-Management auch als Schwerpunkt wählen, doch die meisten bleiben beim Entwerfen. Derzeit gibt es insgesamt 54 Studierende für das ESD-Diplom, das im nächsten Jahr auf Bachelor und Master umgestellt wird.

Davon unberührt bleiben die örtlichen Vorteile: Die Studierenden arbeiten oft mit Rest-Spenden ansässiger Händler und müssen nicht alles Material zum Üben selbst bezahlen. „Und wenn wir einen edlen Stein oder ein Werkzeug kaufen möchten“, ergänzt Antje Stolz, „finden wir eine Auswahl vor wie sonst nirgends.“ Auch Ansprechpartner für fachliche Fragen gibt es in den Betrieben. Diese Vorzüge trösten meist darüber hinweg, dass Idar-Oberstein kein Studentenleben wie Berlin zu bieten hat. „Wir können uns hier ganz aufs Entwerfen konzentrieren“, flachst Antje Stolz. Dabei stößt nicht alles, was an der Hochschule gemacht wird, im Umland auf Gegenliebe. Bisweilen reiben sich Tradition und Experiment. „Manche sehen es als Beleidigung für ihren heimischen Achat an, wenn zugleich Kunststoff verarbeitet wird“, bedauert sie.

Sprießende Blüte auf Porzellankörpern

Doch manches, was später als modernes Design heraus kommt, hat traditionelle Wurzeln: Etwa das Geschmeide aus Edelstein und Porzellan, das Diplom-Designerin Gaby Wandscher fertigt und bis nach Japan verkauft. „Ohne die Anregungen an der Fachhochschule, mal quer zu denken“, lobt die Absolventin, „wäre ich nie zum Porzellan als Material gekommen.“ Im Studium durfte sie fünf Wochen in Meißen arbeiten, um mehr über den Werkstoff zu erfahren. Heute gestaltet sie in Zusammenarbeit mit der Manufaktur Porzellan-Anhänger, in die etwa Turmaline und Rubine eingelassen sind. „Die Materialien spielen miteinander“, schwärmt die Designerin. „Die Steine betonen Erhebungen auf dem Porzellankörper wie eine sprießende Blüte.“

Stolz ist Gaby Wandscher darauf, dass ihr Schmuck nicht einmal besonders zerbrechlich ist. Schließlich will die Designerin, dass ihre Anhänger nicht nur bewundert, sondern auch getragen werden. „Und eine Symbiose mit ihrer Trägerin eingehen“, fügt sie hinzu. Eben so wie jedes gute Schmuckdesign – ob heute oder morgen.

Zum kommenden Sommersemester können Interessenten ein Master- oder letztmalig ein Diplomstudium beginne, die Bewerbungsfrist läuft derzeit noch. Wer vom Wintersemester 2008/2009 an den ESD-Bachelor machen will, muss seine Mappe bis zum 1. Juni 2008 abgeben. Mehr unter: www1.fh-trier.de/index.php?id=455

Das Deutsche Edelsteinmuseum in Idar-Oberstein zeigt mit rund 10.000 Exponaten nahezu alle weltweit verarbeiteten Edelsteine. Details unter: www.edelsteinmuseum.de

Auf einer Strecke von 48 Kilometern verbindet die Deutsche Edelsteinstraße fast 30 Orte, die vom Schmuckgewerbe geprägt sind. Die genaue Route: www.deutsche-edelsteinstraße.de

Wissen zur Edelsteinkunde vermittelt die Deutsche Gemmologische Gesellschaft, ihre Homepage ist: www.dgemg.com

Weitere Studiengänge für Schmuckdesign bieten die Hochschule Pforzheim (www.hs-pforzheim.de) und die Hochschule für Kunst und Design Halle auf Burg Giebichenstein (www.burg-halle.de) an.

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