10.02.2007 · Eliteschulen sind ein besonderes Merkmal Frankreichs. Mehr als Reichtum sichert der Besuch einer Grande Ecole den sozialen Status. Chancengleichheit entpuppt sich als Illusion.
Von Christian SchubertEine Eliteschule verpflichtet – das betrifft Pünktlichkeit genauso wie korrekte Kleidung. Es ist 9.45 Uhr an einem grauen Novembermorgen in der Ecole Polytechnique. Junge Männer und Frauen hetzen durch die Flure und Treppenhäuser der Studentenheime. Türen schlagen, Jacken werden abgeworfen, Schränke aufgerissen. In einer viertel Stunde heißt es antreten zu einem Gastbesuch.
Der bekannte französische Umweltschützer Nicolas Hulot hat sich für einen Vortrag angekündigt. Obwohl der Mann für seinen Dreitagebart und offene Hemden bekannt ist, dürfen die Studenten nicht etwa in Jeans und Turnschuhen erscheinen, sondern haben die „GU“ anzulegen. Das steht für Grande Uniforme – die militärische Einheitskleidung der „Polytechnicien“, wie die Schüler genannt werden. Sie ist seit 130 Jahren ihr Vorzeigegewand: schwarzes Tuch, goldene Knöpfe, rote Streifen, weiße Handschuhe, dazu die Kopfbedeckung „bicorne“ mit zwei schwungvoll nach oben gebogenen Spitzen vorne und hinten. Einen Wert von 1200 Euro hat die maßgeschneiderte Uniform, auf die jeder Student drei bis vier Monate warten muss. Auch ein glitzerndes Schwert gehört zu der Ausstattung. Es kann heute jedoch im Schrank bleiben, denn nur bei höchsten Anlässen wird es getragen, etwa wenn die Studenten am 14. Juli vor der französischen Armee die Champs-Elysées hinabmarschieren.
Kaderschule für Konzernchefs
Es ist ein weitläufiges Terrain vor den Toren der französischen Hauptstadt, das die Ecole Polytechnique beheimatet. Seit dreißig Jahren bildet Frankreich hier seinen Nachwuchs an Ingenieuren, Spitzenbeamten und Konzernchefs aus. Die grünen Wiesen würden an eine englische Privatschule erinnern, wären da nicht dazwischen die grauen, etwas verblichenen Betongebäude im architektonischen Stil der siebziger Jahre. Reitställe, Schwimmbäder, Turnhallen, Golfplatz und vier Fußballplätze zeigen den Stellenwert, der dem Sport mit sechs Pflichtstunden in der Woche eingeräumt wird. Einige Wohnblocks der Studenten sind bunt mit großformatigen Wandgemälden bemalt. Ansonsten regiert die Nüchternheit einer Ingenieurschule – aber nicht die Stimmung eines Kasernenhofes.
Voller Drill und Drangsalierung
Als Bildungsanstalt voller Drill und Drangsalierung empfinden auch die meisten Studenten die „X“ nicht, wie die Ecole Polytechnique aufgrund zweier gekreuzter Kanonen im Wappen in Frankreich genannt wird. Denn um überhaupt so weit zu kommen, müssen sie von zu Hause schon jede Menge Disziplin und Lernbereitschaft mitbringen. Wie in Frankreich üblich hat jeder Elitestudent vor dem Eintritt in eine Spitzenuniversität eine Vorbereitungsschule hinter sich, die fast alle Teilnehmer als „Hölle auf Erden“ empfinden. In zwei bis drei Jahren wird auf der „classe préparatoire“, kurz „prépa“, nichts als Stoff gepaukt. In dieser Zeit einen Freund oder eine Freundin zu haben oder etwa auch nur den Führerschein zu machen gilt als schwierig. Am Ende der Vorbereitungsschule findet ein gnadenloser Auswahlprozess statt, der nach einem genau austarierten Ranking die Besten in die begehrtesten Grandes Ecoles eintreten lässt.
Die Spitzenschüler der mathematisch ausgerichteten „prépas“ kennen nur ein Ziel: die „X“. Sie ist für viele nach der Hölle erst einmal eine Art Paradies – auch wenn sie zu Beginn eine siebenmonatige Militärausbildung oder alternativ ein Zivildienst erwartet. Danach herrscht ein Lehrplan, der einen gewissen Raum für Freizeitaktivitäten lässt. Da schlägt die Stunde der vielen Studentenvereine, die von Musik über Tanzen und Theater bis zu Reiten und Skifahren alles anbieten.
Partys werden auch gefeiert
Partys werden auch gefeiert, denn die jungen Leute haben Nachholbedarf. Freilich alles in Maßen, denn die „Polytechniciens“ lassen selten ihr Ziel beruflicher Spitzenleistungen aus den Augen. Die schulischen Erwartungen bleiben hoch. „Unsere Schüler müssen in der Lage sein, viel Stoff in kurzer Zeit aufzunehmen“, sagt Philippe Alquier, rechte Hand des Schuldirektors.
Henri Bardaro hat das Klavierspielen und Judo aufgegeben, um die „prépa“ zu bestehen. „Ich wollte mein Maximum geben. Das war ein großes Opfer, doch ich bereue es in keiner Weise“, sagt der im Libanon geborene Franzose, der die „X“ seit 2005 besucht. Seine gerade erst zwanzig Lebensjahre merkt man dem jungen Mann mit den schwarzen Haaren und der leicht dunkel getönten Haut kaum an, so überlegt und scheinbar gereift spricht er. Wenn man es einmal auf die „X“ geschafft habe, gebe es „weniger Arbeit, weniger Druck und vor allem viel weniger Unsicherheit“, erzählt er. Er hatte sich anstelle der Militärausbildung für einen Zivildienst bei der Feuerwehr von Paris entschieden, erlebte eine spannende Zeit, in der er während der französischen Vorortunruhen im Herbst 2005 Verletzte verarzten musste. Die jetzt gelehrten Fächer findet er aufgrund seiner Neigung zu Technik und Forschung „sehr interessant“, er lernt wie schon vor dem Abitur wieder Deutsch, außerdem genießt er die sechs Wochenstunden Schwimmen sowie in seiner Freizeit eine Videofilmgruppe.
Leitmotiv noch von Napoleon
Napoleon machte die mehr als 200 Jahre alte „X“ einst zur Militäranstalt und gab ihr das bis heute geltende Leitmotiv: „Für das Vaterland, die Wissenschaften und den Ruhm“. Heute weht ein wenig Soldatenluft nur noch im Büro des Direktors. Im grünen Militärpullover sitzt General Xavier Michel an seinem Schreibtisch hinter einem Foto von Jacques Chirac und einer Fahne aus dem Kosovo, die er von dort aus seiner Zeit als Kommandeur eines Panzerbataillons mitgebracht hat. „Seit sehr langer Zeit hat die Schule die Mission, Studenten in drei Bereiche zu lenken: Forschung, Unternehmen und Staatsdienst“, doziert er. Ihre Unterstellung unter das Verteidigungsministerium hält er für sinnvoll, weil dieses Modell bis heute „einfach gut funktioniert“. Der Verteidigungssektor sei schließlich auch „ein wichtiger Akteur in der Wirtschaft, denken Sie nur an die Telekommunikation oder das Satellitenwesen“. Wie eine normale Universität behandelt werden möchte die Ecole Polytechnique, die Nobelpreisträger ebenso hervorgebracht hat wie Staatspräsidenten, auf keinen Fall, denn dann könnte sie beispielsweise nicht mehr eigenständig ihre Lehrkräfte einstellen, sondern bekäme sie vom Erziehungsministerium zugeteilt. Wie bei etlichen französischen Eliteschulen streben die besten Abgänger, die wieder in einem harten Notenvergleich ermittelt werden, erst einmal in den Staatsdienst. Dort führen sie oft schon im zarten Alter unter dreißig größere Abteilungen oder gehören zu den engsten Beraterkreisen von Ministern. Dies sichert ihnen wertvolle Kontakte und später einen Einstieg in einem Unternehmen an hoher Stelle.
Der Königsweg?
„Immer mehr fragen sich aber, ob der Eintritt in den Staatsdienst wirklich der Königsweg ist.“ Dies sagt kein Geringerer als Nicolas Ranque, dessen Vater Denis Ranque den Rüstungs- und Elektronikkonzern Thales leitet. Der Sohn studiert seit 2005 an der „X“. Er weiß noch nicht, ob er einmal den klassischen Weg seines Vaters einschlagen will: Nach der Polytechnique absolvierte dieser – wie auch heute noch die Jahrgangsbesten – die weiterführende Ingenieurschule Ecole des Mines, danach trat er ins Industrieministerium ein, drei Jahre später in den Thomson-Konzern, aus dem später Thales wurde. Die Jahre an der Eliteschule prägen ein ganzes Leben und schmieden zusammen – in vielen Netzwerken, in denen sich die Ehemaligen Posten zuschieben oder sich anderweitig erkenntlich zeigen: Ende vergangenen Jahres hat der Thales-Konzern ein Forschungszentrum unmittelbar neben dem Campus der Polytechnique eröffnet. Das Ziel lautet, nach angelsächsischem Vorbild eine Vernetzung von Hochschule, Forschung und jungen Gründerunternehmen aufzubauen. Den Plan gibt es schon seit dreißig Jahren. Doch aufgrund politischer Bedenken und der Trägheit des Staatsapparates gehen in Frankreich eben manche Uhren langsamer.
Das Eliteschulwesen ist ein besonderes Merkmal des Landes, das eng mit seiner Geschichte verwoben ist und bis heute die Mentalitäten prägt. Mehr als Reichtum sichert der Besuch einer Grande Ecole den sozialen Status. Der harte Auswahlprozess, der allein auf schulischen Leistungen beruht, soll unabhängig vom materiellen Hintergrund Chancengleichheit garantieren. Allerdings ist dies eine Illusion, weil vermögende und gebildete Eltern ihre Kinder schon auf die besseren Kindergärten schicken, dann auf die besseren Schulen und danach auf die besseren „classes préparatoires“. Nur rund vier Prozent der Studenten gelingt der Eintritt in eine Grande Ecole, während sich der Rest meist mit dem Studium an einer der vielen unterfinanzierten Massenuniversitäten abfinden muss.
Laut Präsidentschaftskandidat Nicolas Sarkozy, der als einer der wenigen französischen Spitzenpolitiker keine Grande Ecole absolviert hat, machen die Studenten aus Arbeiterfamilien an der Polytechnique nur acht Prozent aus. In den fünfziger Jahren hätten Arbeiterkinder noch bessere Chancen gehabt, auf einer Spitzenuniversität Aufnahme zu finden, bemängelt er. Wie klein die in Frankreich gezüchtete Bildungselite ist, zeigt ein anderer Vergleich: Die heute noch lebenden Absolventen von Oxford werden auf 160.000 geschätzt, die von Havard auf 320.000, jene der ENA aber nur auf 6000. Immerhin: Dass sich reiche Eltern durch großzügige Spenden immer mal wieder den Eintritt in eine Eliteschule erkaufen – davon hört man in Frankreich anders als etwa in den Vereinigten Staaten nichts, denn die französischen Schulen sind staatlich finanziert. Nur gute Noten zählen.
Mangel an Kreativität
Die Systemkritik kommt in Frankreich aus einer anderen Richtung: Nur weil jemand Anfang zwanzig eine, wenn auch schwere Aufnahmeprüfung bestanden habe, komme er sein ganzes Leben lang leichter voran, klagen die Gegner. Unternehmergeist bleibe da auf der Strecke. „Man weiß genau, was man von diesen hochqualifizierten Studenten erwarten kann, doch an der Kreativität kann es gelegentlich mangeln“, sagt Jean-Louis Martin, Leiter des Institut d’Optique, das direkt neben der „X“ den Studenten der Polytechnique ein Aufbaustudium anbietet. Zum Mangel an Kreativität geselle sich oft geringe Risikobereitschaft, meint Martin. Sein Institut versucht dies mit einem Studiengang zur Unternehmensgründung zu ändern. Nach der Polytechnique können hier die Studenten lernen, wie man sein eigener Chef wird, können konkrete Projekte vorbereiten, Geschäftspläne entwickeln und dürfen danach auch auf dem Campusgelände ihr Unternehmen ansiedeln.
Die „X“ gilt ohnehin als weitgehend ideologiefrei – anders als etwa die ENA, der wirtschaftsliberale Kritiker in Frankreich vorwerfen, aufgrund ihres Glaubens an die Allmacht des Staates Reformen zu blockieren. „Die Polytechnique war immer pragmatischer und näher am Konkreten, natürlich auch aufgrund ihrer Ausrichtung auf Ingenieurberufe“, sagt Agnès Verdier-Molinié von der französischen Beratungsgesellschaft Ifrap. „Leider sind ihre Abgänger heute weniger im Staatsdienst zu finden. Dort haben sich die Abgänger der ENA vollkommen breitgemacht.“
Konsequent dem Ausland geöffnet
Dazu passt, dass sich die Polytechnique konsequent dem Ausland öffnet, denn sie weiß, dass die Wirtschaft und der öffentliche Dienst Nachwuchs mit breitem Horizont brauchen. So ermutigt man die französischen Studenten zu Auslandssemestern und Praktika jenseits der Grenzen. Gleichzeitig ist jedes Jahr die beachtliche Quote von 100 der 500 Studienplätze für Ausländer reserviert. Die „X“ reist mit einer eigenen Jury sogar in Länder wie China, Vietnam und Brasilien, um dort ihre Aufnahmeprüfung durchzuführen. Bei den Französischkenntnissen drückt man ein Auge zu, erwartet aber, dass die Studenten in Extrakursen Rückstände schnell aufholen.
Klaus Dirk Lange ist einer der wenigen deutschen Studenten. Der 24 Jahre alte Karlsruher hat sein Vordiplom in Mathematik in der badischen Universitätsstadt abgelegt und wechselte 2006 auf die Polytechnique. Nach ihrer Beendigung will er auch in Karlsruhe seinen Abschluss machen, wobei ihm ein Teil seiner Studienzeit in Frankreich angerechnet wird. Am Ende wird er ein Jahr länger studiert haben als seine Kommilitonen in Deutschland, hat dafür aber zwei Abschlüsse – einen in Mathematik und einen als Ingenieur. „Das halte ich für eine unglaubliche Horizonterweiterung.“ Auf der „X“ beschäftigt er sich mit einer breiten Palette von Fächern, die auch Ökonomie und Philosophie einschließt. „Hier kann ich auch sehen, wie ein Maschinenbauingenieur oder ein Physiker arbeitet.“ Das Niveau der Lehre und der Studenten hält er für hoch, vergleichbar mit deutschen Studenten, die von der Studienstiftung des deutschen Volkes ausgewählt wurden. „Es geht zügig voran, nicht unmenschlich, aber ein lockeres Studentenleben ist hier nicht möglich. Das Studieren beginnt oft erst abends um sechs und am Wochenende, denn ansonsten hat man Kurse“, meint der junge Mann, der genauso selbstsicher und gewandt auftritt wie seine Kommilitonen.
Als Student zweiter Klasse fühlt sich Lange nicht. „Man ist hier voll integriert. Ich fühle mich rundum wohl“, sagt Lange und wundert sich, dass er von seinen tausend Kommilitonen in Karlsruhe der Einzige war, der sich an der „X“ bewarb. Die Militärausbildung fällt für die Ausländer zwar weg, aber ansonsten werden sie gleich behandelt. Regelmäßig referiert etwa ein ausländischer Student über einen Feiertag aus seiner Heimat. Und am 14. Juli dürfen alle zusammen sogar in der Uniform die Champs-Elysées hinabmarschieren.
Integrierte Elite?
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 10.02.2007, 14:31 Uhr